Basheer (19), lernt deutsch am Goethe-Institut und studiert in der Literaturfakultät an der Universität Kabul. Basir (17) und Shamsullah (18) gehen beide in die 11. Klasse an der Amani-Oberrealschule, eine Schule mit Deutschschwerpunkt im Zentrum Kabuls. Ich führe ein halbstündiges Interview mit den drei jungen Kabulis über ihre Kindheit in einem Vorort Kabuls und in Pakistan und die Situation an der Schule. An diesem Tag gab es einen Anschlag in der Nähe der Wohnung von Basir bei dem er viele Tote sah und so ist auch die allgemeine Situation in Afghanistan und Sicherheitslage Thema des Gesprächs.
Mit 5 Jahren lebte Basir außerhalb Kabuls. Damals gab es oft Kämpfe und in der Gegend, wo Basir lebte, kämpfte Massud gegen Sayyaf. Ein einschneidendes Erlebnis damals war als nach einer Explosion eine menschliche Hand vom Himmel geflogen kam. Der Vater Basirs grub die Hand daraufhin ein.
Basheer lebte während des Krieges in Pakistan, in Peshawar. Afghanen durften dort nicht in die pakistanische Schule gehen. Er ging auf eine Schule, die nur für afghanische Kinder war. Seine Familie lebte zusammen mit anderen afghanischen Familien. Generell gab es viele Probleme, denn Afghanen waren als Flüchtlinge nicht gleichberechtigt, die meisten waren zudem arbeitslos.
Shamsullah war ebenfalls in Pakistan mit seiner Familie zu dieser Zeit. Er hatte die Möglichkeit auf eine pakistanische Schule zu gehen. In der Gegend, wo sie wohnten herrschte ein gutes Klima zwischen afghanischen Flüchtlingen und Pakistanis und so hat er gute Erinnerungen an diese Zeit.
Die Situation an der Amani-Schule, wo Basir und Shamsullah zur Schule gehen ist heute so, dass Jungen und Mädchen bis zur 6. Klasse zusammen Unterricht haben. Danach gehen sie auf getrennte Schulen. Alle lernen deutsch, auch wenn sie nicht so gut sprechen, denn bei 40 Schülern in der Klasse ist es manchmal schwierig. Es gibt sowohl Frauen als auch Männer als Lehrer. Vor dem Krieg waren Jungen und Mädchen zusammen in einer Klasse. Jetzt ist dies anders. An der Universität dagegen lernen alle wieder zusammen.
Es stellt ein Problem dar, dass die Lehrer sehr wenig verdienen. Wenn ein Schüler eine schlechte Prüfung abgelegt hat, kann er dies aber ausgleicht indem er dem Lehrer etwas bezahlt. Bei einem Monatsverdienst von manchmal nur 2000-3000 Afghani (40-50 Dollar) eine echte Notwendigkeit. Basheer erzählt wie er seine Schulnote einmal ganz anders beeinflussen konnte. Er zog sich die Uniform seines Vaters an und wartete vor der Schule auf den verängstigten Lehrer, der sich nicht heraustraute aus dem Gebäude bis Basir nach einigen Stunden nach Hause ging.
Bis zur sechsten Klasse sind die Schüler in der Grundschule. Hier herrschen noch teilweise archaische Regeln. Die Züchtigung von Schülern gehört dabei zum Alltag in vielen Schulen. Basheer schränkt dies ein. „Dies passiert heute nicht mehr so oft, nur noch manchmal.... Während der Talibanzeit kam dies viel öfter vor.“ Basheer und Basir haben hierfür teilweise Verständnis, Shamsullah lehnt das Schlagen von Schülern dagegen ab.
Folgend berichten die drei über die Talibanzeit. Damals mussten alle Schüler traditionelle afghanische Kleidung, den Afghanenrock, die weite afghanische Hose und einen Turban auf dem Kopf tragen. Wer etwas anderes trug, wurde von den Taliban geschlagen. Auch rasieren durfte man sich nicht. Fernsehen und Musik waren ebenfalls verboten. Wer mit einer Kassette oder einem Walkman angetroffen wurde, musste für einige Tage ins Gefängnis egal, wie alt er war, auch Schüler.
Die Sicherheitssituation bezeichnet Basheer als stabil – als „ganz normal“ in Kabul zumindest. Jedoch „heute (am 3.Mai) gab es einen Anschlag in Taimani“ nur 100 Meter vom Haus von Basir. „Unser Haus wackelte wie bei einem Erdbeben.“ Basir fuhr trotz der Warnung seiner Mutter mit Fahrrad zum Ort des Anschlags und sah mit seinen Freunden schreckliche Bilder. Ein Bus wurde dort von einer Bombe zerstört, die mit einem Handwagen eines Gemüsehändlers auf der Straße geschoben wurde. Laut den offiziellen Berichten kamen 3 Menschen ums Leben, doch Basheer sah mindestens 25 Tote. Basir bezeichnet solche Erlebnisse für viele Afghanen als normal, denn sie haben Derartiges schon oft gesehen. Shamsullah widerspricht: „Für mich ist das nicht normal. Ich habe große Angst.“ Nach dem Anschlag ging Basir zur Schule und berichtete seinen Mitschülern von dem Anschlag. Ein Mitschüler rief daraufhin seinen Vater an, der sich zu der Zeit in der Gegend aufhielt. Alles war ok mit ihm. In der Schule werden die Anschläge generell nicht diskutiert. Basheer: „Über Politik zu sprechen ist verboten.“ Eine Ausnahme bildet der Religionsunterricht. Der Religionslehrer von Shamsullah bezeichnet Selbstmordanschläge als unislamisch. Im Islam ist es verboten Menschen zu töten.
Inzwischen bin ich äußerlich so assimiliert, dass mich letzte Woche ein Junge ganz selbstverständlich auf Dari ansprach, ob er auf meinem Fahrradgepäckträger mit bis zur nächsten Straßenkreuzung fahren könne. War ich stolz. Überall in Kabul gibt es quer über die Straßen Bodenwellen, manchmal aus Panzerketten, meist aus Erde oder auch kleine Gräben, an denen die Autos langsam fahren müssen. Ganz oft sitzen dort BettlerInnen, die auf Almosen warten, manchmal liegen sie auch mitten auf der Straße, die Burka tragenden Frauen manchmal mit Kindern auf dem Arm in Auspuffhöhe oder die Kinder mit dem Kopf zur Fahrbahn vor sich liegend. Manchmal sehe ich auch Kinder am Steuer der Autos, neun, zehn Jahre alt.
Generell wird sehr regellos gefahren, aber bis auf die Geheimdienstautos oder manchmal sehr elegante, neue Wagen mit jungen Männern als Fahrer und Beifahrer, fahren alle nach meiner Beobachtung viel weniger aggressiv als in Deutschland (ich muss aber dazu sagen, dass einige Kollegen diese Einschätzung nicht teilen).
Alle rechnen mit Regelverstößen und bremsen, anstatt Gas zu geben, wenn ihnen jemand gerade die Vorfahrt nehmen will. Für mein Fahrradfahren ist das sehr angenehm zu spüren. Nur an das ewige Gehupe musste ich mich sehr gewöhnen. Es ist halt kein Zeichen der Empörung, wie bei uns, sondern nur: ‘Achtung, ich überhole dich jetzt’ oder auch: ’Pass auf, ich will abbiegen.’ Inzwischen bin ich dankbar für das Hupen, weil es eben auch bedeutet: ‚Vorsicht’ oder: ‘Ich habe dich gesehen.’
Auf den Straßen liegen viele Teppiche, immer wieder. Mir wurde erzählt, die lägen dort, um aus neuen, billigeren Teppichen, Ältere zu machen. Ich kann’s immer noch nicht so richtig glauben.
Von etwa 100 Leuten auf den Straßen in Kabul (in Hezarak sehe ich bis auf ganz seltene Ausnahmen nur Männer) sind etwa 70 Männer, darunter 5 Soldaten/ Polizisten, 25 Kinder, darunter unter 10 Mädchen, und 5 Frauen, etwa drei mit Burka.
Immer wieder habe ich natürlich mit Taxifahrern zu tun. Viele lehnen erst mal ab, dass ich überhaupt bezahle, meist als Höflichkeitsfloskel (die ich als Geste trotzdem nett finde) und manchmal auch hartnäckig, im Ernst. Ich habe mich bisher immer durchgesetzt, weil sie ja wirklich für mich gearbeitet haben, aber schade fand ich’s manchmal schon, so ein Geschenk nicht anzunehmen.
Ein paar der Taxifahrer versuchen einen auszunehmen und immer wieder ärgere ich mich richtig darüber. Komisch, dass mich das so ärgert. Wahrscheinlich wieder die alte Leier, dass ich einfach der tolle Almosenbringer sein will und nicht undankbare Leute um mich haben. Ein anderes Mal habe ich mich mit einem Taxifahrer eine ganze Weile über den Preis gezankt und das ist mir heute noch peinlich. Ich hatte mich gewundert, dass er so viel Geld wollte, weil er eigentlich ein ganz Netter war. Ich hatte mehrere Ziele nach einander mit ihm angefahren. Er gab dann auch nach und später merkte ich, dass ich mich schlicht verrechnet hatte.
Eine Fahrt kostet so zwischen 30-60 Afghani, je nach Fahrer, ein bisschen auch je nach Länge. Ich bezahle eigentlich starrköpfig immer nur 50 Afghani, frage auch inzwischen manchmal vorher gar nicht erst nach dem Preis, sondern bezahle am Ende der Fahrt einfach meinen einen Euro. Das gefällt mir schon alleine deshalb, weil die Netten sich dann freuen und die Gierhälse sich ärgern. Wenn ich mehrere Sachen zu erledigen habe, ist es oft besser, jedes Mal ein neues Taxi anzuhalten, weil die Fahrer sich auch das Warten bezahlen lassen. Schwerer fällt es mir, mit den 1 Afghani teuren Bussen zu fahren, weil ich so schlecht herausbekomme, wohin sie denn eigentlich fahren.
Oft werde ich nach einem Job gefragt, oder ob der Sohn bei mir in die Ausbildung gehen könne. Oder ich soll sie mit nach Deutschland nehmen. Ganz oft werde ich auch zu einem Tee eingeladen, viel als Floskel, manchmal im Ernst. Ich erkenne es daran, was passiert, wenn ich ”Dankeschön” als Antwort sage. Meist ist es dann okay, manchmal beharrt jemand auf seiner Einladung. Ich glaube aber, ich würde immer einen Tee bekommen, wenn ich wollte, auch auf eine eigentlich nicht ernst gemeinte Einladung. Ich habe auch schon den ganzen Monatslohn einer Person hingehalten bekommen: ‘Brauchst du?’ –auch so eine Sitte gegenüber guten Freunden (und ich glaube, hauptsächlich gegenüber jenen guten Freunden, von denen man erwartet, dass sie ‚Nein’ sagen).
Astrid erzählte, dass sie schon häufig von Männern gefragt wurde, ob sie nicht heiraten wolle. Und nicht als Spaß.
Schwierigkeiten habe ich mir selbst eingebrockt, als ich ein paar Bilder von den Kindern aus der Nachbarschaft gemacht habe, Papierbilder diesmal, und sie dann anschließend an die Kinder verteilt. Das sprach sich sehr schnell herum. Und zog immer weitere Kreise. Ich war dann doch bald überfordert. Und sie teilen diese Bilder auch nicht. Wenn drei Leute auf einem Bild sind, dann wollen sie alle drei dieses Bild und ich habe mit Sicherheit danach zwei Leute, die richtig sauer auf mich sind. Wenn ich drei Bilder von den gleichen Leuten gemacht habe, sackt alle drei der erste ein, der sie in die Hände bekommt.
Selbst die Ingenieure, die: ”lass mich doch mal alle Bilder angucken” sagten, waren schwer zu bewegen, Bilder wieder herauszurücken, auf denen auch sie zu sehen waren. Ich habe später dann die Bilder schon vorsortiert und keiner konnte alle Bilder sehen. Wenn aber einmal die Besitzverhältnisse klar waren, dann konnten sie untereinander –manchmal- sich ihre Bilder zeigen. Insgesamt war es aber erstaunlich schwer mit meinen Bildern und hat eher Unfreude gebracht.
19.März
Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt gibt es viele bewaffnete Kräfte. Es sind etwa 15 Grad und es ist trocken. Der berüchtigte Kabuler Staub wirbelt bereits kräftig durch die Straßen. Vor dem Goethe-Institut passieren wir drei Sicherheitsbarrieren. Hier im Institut werde ich auch wohnen.
Es ist ein zweistöckiges Gebäude. Früher war es einmal die Botschaft der DDR. Gegenüber ist das Außenministerium und die chinesische Botschaft (ganz so wie in Berlin, wo ich auch gegenüber der chinesischen Botschaft gewohnt habe). Hinter dem Institut ist der Geheimdienst (die mit den abgedunkelten Vans ohne Nummernschilder) und ein Stück weiter die Kabuler Residenz von dem Warlord Dostum. Dort finden ab und zu Parties statt, die vor allem im Sommer verhindern sollen, dass man zu früh einschläft.
Bei einem Gang mit Astrid zum Interkonti begegnen uns zwei Frauen, wahrscheinlich Kutschi-Nomaden, weil sie fast gar nicht verschleiert waren und mich direkt ansprachen. Ich gab einer der beiden Frauen 20 Afghani für beide, weil die andere Frau etwas abseits stand. Ein kleiner Junge kam dazu gelaufen und bedeutete mir, den Frauen nichts zu geben, warum auch immer. Gleich darauf wusste ich es: Die zweite Frau kam dazu und wollte auch 20 Afghani. Ich verwies sie an ihre Begleiterin, die daraufhin schnell das Geld einsteckte. Verärgert ging ich weiter, worauf die zweite Frau das Schreien anfing. Zum Glück war ich schnell genug, dass sie sich mir nicht in den Weg stellen konnte. Wir sind dann einfach zügig weiter, ohne uns umzusehen, konnten sie aber noch sehr lange schimpfen hören.
Auf diesem Gang wählten wir einen neuen Weg und kamen an einem großen Weinberg vorbei, der offensichtlich gepflegt wurde. Nur schien auch hier das Wasser zu fehlen. An einem Hang waren fast alle Häuser ganz neu aufgebaut, neu verputzt. Es sah im grellen Sonnenlicht alles sehr gleichmäßig, ordentlich und gestochen scharf aus, richtig auffällig. Weiter oben war ein sehr großer Wasserspeicher, der aber schon Jahre nicht mehr in Benutzung ist, weil es kein Wasser gibt zum Speichern. Auf der anderen Seite des Berges lag eine kleine Festung, die aussieht, wie ein amerikanisches Fort aus Indianerkriegs- Zeiten.