Mehr Schwierigkeiten

Zwei Tage später bin ich etwas krank geworden, bisschen Fieber und sehr schlapp. Gestern hatte ich ein Gespräch mit Said Machmat über das Essensgeld. Wieso das bessere Essen der Ingenieure mit neun Mahlzeiten pro Woche nur 50 Afghani kostet und sie das schlechtere Essen der Schreinerlehrlinge mit 5 Mahlzeiten die Woche (und selbst mitgebrachtem Brot) mit ca. 500 Afghani/Woche veranschlagen.

Er meinte, dass das Essen für die Azubis in der nächsten Zeit noch besser werden kann. Schließlich wäre genug Geld da. Und die 50 Afghani, die die Leute hier zahlen, wäre nur deshalb so wenig, weil viele Sachen, wie Tee, Zucker usw. vom Büro aus bezahlt würden.

Ich glaubte die Erklärung nicht so ganz, trotzdem war ich froh über seine plausiblen Antworten, weil ich ziemlich Angst hatte, auf Konfrontation gehen zu müssen. Später redete ich noch kurz mit meinem Übersetzer über die Geschichte mit Samea (der mir, wie alle, einschärfte, doch zuerst mit ihm über jedes Problem zu reden). Er meinte, das sei auch in Afghanistan eine übliche Geschichte, in dieser Art Geld zu unterschlagen. Ich fühlte mich mit ihm sehr einig.

Kurze Zeit darauf sah ich ihn, diskutierend, mit einem Holzbalken unter dem Arm in einer ganzen Gruppe aus Wächtern und Azubis. Es stellte sich heraus, dass er dieses Holz mit nach Hause nehmen wollte. Er wurde total wütend, als ich meinte, er solle es bezahlen. Er bräuchte es dringend, aber dann würde er es eben nicht nehmen. Nach einer Weile brachte er mir noch eine Handvoll Nägel, die er auch hatte mitnehmen wollen.

Abends dann kam Said Machmat zu mir. Was denn mit mir, den Tassen und Samea gewesen sei. Irgendeiner hatte es ihm wohl erzählt. Ich hätte von mir aus mit niemandem davon geredet, aber als wir nach meinem Gespräch mit Samea zum Essen zusammen saßen, da sprach Samea mich an, was ich denn hätte. Vor allen Leuten. Ich sah wohl noch ziemlich bleich aus. Ich sagte ihm, dass mich das noch immer beschäftigen würde mit den Tassen und dem Geld. Was sollte ich auch sagen.

Gut, nun wusste es auch Said Machmat (der tags zuvor nicht da gewesen war). Ich habe es also kurz Said Machmat wiederholt. Er bräuchte aber nicht mit Samea zu reden, weil wir klar verblieben wären, dass er mir das Geld zurückgibt. Said Machmat ging und kam kurz darauf mit 400 Afghani zurück. Hier sei mein Geld, er hätte das sofort klären wollen. Oje, das wollte ich ja nun gar nicht. Ich wollte nicht zu ihm als Boss gehen, damit er Samea einen Rüffel erteilt.

Abends waren nur der alte Khalid, der Fachmann für Gartenbau und Dr. Haschir, der Veterinärarzt, auf dem Hof. Ich fragte sie, ob sie mir eine Lehrstunde in afghanischer Kultur geben könnten. Ich hätte das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, ohne die leiseste Ahnung, was. Sie erklärten mir geduldig:

Samea wusste nicht, dass ich dieses Fest wirklich aus eigener Tasche bezahlt habe. Er dachte, das Geld sei vom Büro. Deshalb hat er auch geglaubt, die 200,- Dollar wären ein fester Betrag und ich bräuchte nichts davon zurück. Unmöglich zu erklären, dass ich noch sorgfältiger mit dem Geld umgehen würde, wenn es nicht meines, sondern vom Büro gewesen wäre. Für sehr gute und nahe Freunde ist es sowieso üblich, dass sie gegenseitig über das je andere Geld verfügen, soweit sie es in den Händen haben. Es sei sogar so, dass sie manchmal für irgendeinen Zweck Geld sammeln, wie z.B. dieser Todesfall. Wenn dann irgend jemand nicht da ist, dann bestimmt derjenige, der das Geld einsammelt, einfach einen Betrag. Und dieser Betrag kann sogar höher sein, als alle anderen bezahlen. Niemals würde jemand da meckern, selbst wenn für ihn das Geld knapp würde. Samea hatte sich also gerade deshalb mir gegenüber so verhalten, weil er sich mir nahe fühlte. "Ich habe das Geld doch nicht für mich genommen" hatte er gesagt.

Am gleichen Abend ist auch Sadat zu mir gekommen, mein Übersetzer, um noch mal über das Holz zu reden. Er hätte nachts große Angst gehabt, dass ich sauer auf ihn sei, meinte er. Es täte ihm leid, sagte er, konnte sich aber nicht verkneifen, hinzuzufügen, auch Nasim hätte gemeint, das sei eine böse Aktion von mir gewesen, ihm das Holz nicht zu gönnen. Wo er es doch so dringend brauchte. Und es sei so wenig gewesen, eine ganz billige Geschichte. Ich versuchte ihm zu erklären, dass er, als Gebildeter, auch ein Vorbild sei. Und wenn er Holz mitnimmt, warum dann die anderen nicht? Und wenn ein bisschen, warum nicht ein bisschen mehr? Und das vor aller Augen. Ich hätte es unmöglich zulassen können. Ich würde ja auch nicht ein badboy sein wollen oder ihm das nicht gönnen. Er solle mich fragen, wir würden dann schon eine Lösung finden. Nun, meinte er, er würde ganz sicher kein Holz mehr mitnehmen.

Morgens hatte ich ein ähnliches Problem: Vor allen anderen Schülern fragte mich der Älteste (und einer der ganz Netten), er hätte zwei Tage zuvor eine dringende Arbeit gehabt und hätte deshalb nicht kommen können. Ob er dann trotzdem Geld bekommen könne für diesen einen Tag? Ich verneinte, während Sadat mir einzuflüstern versuchte, ich hätte am Anfang aber gesagt, es sei möglich, trotzdem zu bezahlen.

Kurz darauf kam ein anderer Schreiner zu mir, der meinte, er wolle gar kein Geld für seine Abwesenheitstage, aber er würde ja in der Zeit Fenster für UNHCR bauen. Ob es möglich sei, dass ich seine Fehltage nicht in das Zertifikat schreiben würde? Meine Güte, wer bin ich eigentlich? Wohin mit der ganzen Luft, die mich da aufbläst zum Halbgott? Erst mal bin ich krank geworden.

Khalid warnte mich auch: Viele im Gebiet Hezarak seien Hektmatyar-Anhänger. Wenn die Amerikaner losschlügen im Irak, könne es auch gefährlich für mich werden, weil Gulbuddin Hektmatyar ja mit Taliban und Al Qaida arbeiten würde.

Abends sehe ich Lichterblitze am Sternenhimmel aus Richtung Khost, einem Kampfgebiet. Ing. Khalid (der sehr alt ist und ein verletztes Bein hat durch einen Autounfall) meinte noch, dass einige aus dem NGE- Office auch Anhänger von Sayyaf und Hektmatyar seien. Ich war erleichtert, mit noch jemandem darüber reden zu können und erzählte ihm, dass ich das wisse. Mir Rachim , Said Machmat und Mir Shah würden eng zusammenarbeiten. Ich hatte gleich darauf schon ein schlechtes Gefühl dabei.

Eine Woche später erzählte mir jemand am Donnerstag, dass auch Khalid ein Verwandter von Mir Rachim ist. In Taimani bekam ich einen richtigen Migräneanfall und schlief zwölf Stunden. Ich bekam Angst, dass ich vielleicht in Gefahr wäre, weil ich über Mir Rahim’s und Said Machmath’s Parteizugehörigkeit geredet hatte. Mein ganzes Vertrauen war weg, meine anfängliche Unbekümmertheit dahin. Ich wusste vor allem nicht mehr, wem ich überhaupt noch trauen konnte.

Auch wenn mich jemand warnte oder zur Vorsicht mahnte, war ich mir nun unsicher, ob er nicht nur eigene Interessen damit verfolgte. Das war das erste Mal, dass ich eine Ahnung bekam, warum Überbringer schlechter Nachrichten oft selbst dafür verantwortlich gemacht werden.

Vielleicht sollte ich doch mal wieder in den verräucherten deutschen Club gehen, um auch deutsche Gesprächspartner zu haben. Ich bin so erleichtert, wenn ich das Gefühl bekomme, mit jemandem offener reden zu können, dass ich gleich mein ganzes Herz ausschütte.

Doch zurück zu dieser Woche in Hezarak: An einem der Morgende sehe ich Sher Sar, einen der Lehrlinge, an einem Holzgestell bauen. Was das denn wäre? frage ich. Das gäbe einen Stuhl, einer der Fahrer hätte ihn bestellt. Ich frage den Fahrer, der gerade auf dem Hof ist. Aber es war der andere, der diesen Auftrag gegeben hat. Ich bitte Sher Sar, immer erst mir Bescheid zu sagen, wenn er für andere Aufträge annimmt.

Am letzten Tag der Woche sehe ich abends meinen Übersetzer Sadat, wie er diesen Holzbalken doch mitnimmt. Ing. Mir Shah hätte es ihm erlaubt. Ich bin fassungslos und kann erst mal nichts erwidern.

Abends gebe ich Ing. Samea die 400 Afghani wieder, entschuldige mich und erkläre, dass ich halt noch viel über die afghanische Kultur lernen müsse. Samea meint, das sei halt wie in einer Familie, da gebe es auch manchmal Streit. Aber wir könnten es jetzt vergessen. Es war aber nicht möglich gewesen, ihm das Geld direkt zu geben. Er nahm es nicht an. So fragte ich Mir Shah in der abendlichen Runde mit den Ingenieuren nach dem Essen, ob er denn ein Freund von mir sei und mir einen Gefallen tun könne. Klar, antwortete er. Ob er dieses Geld einem anderen Freund von mir geben könne mit einer Entschuldigung. Das Geld wurde sofort an den Tierarzt Haschir weitergegeben, der es wohl für Samea an Said Machmat gegeben hatte, ohne selbst zu wissen, ob er es wieder bekommt. Zu meinem Erstaunen erzählte Samea, dass er selbst Said Machmat gebeten habe, mit mir über das Geld zu reden.

Vielleicht hatte ihn das drei Tage zuvor auch beeindruckt, dass ich mir am Ende unseres Gespräches Notizen gemacht hatte (ich konnte ja nicht mehr richtig denken und hatte Angst, alles oder Teile zu vergessen). Said Machmat hatte zu mir gemeint: Er wolle mir die 400 Afghani möglichst schnell geben, damit wir unsere Probleme in Hezarak lösen und nicht nach Kabul tragen.

Abschließend weiß ich nicht genau, ob es wirklich gut war, Samea’s Umgang mit meinem Geld im Nachhinein doch abzusegnen. Ein paar Afghanen sagen, dass es unter guten Freunden schon möglich sei, ein paar andere meinen, das sei eine böse Geschichte. Und wer weiß, was ihnen mit meinem Geld noch alles einfällt.

Am nächsten Morgen sehe ich, wie Nasim, der Storekeeper, zwei Blumenständer aus der Werkstatt trägt. Ich schaue sie mir genauer an, Nasim ist es nicht geheuer, er will sie möglichst schnell wegbringen.

Zum Frühstück spreche ich auch darüber mit den Ingenieuren. Ich bitte Nasim, mir die Blumenständer noch einmal zu geben, um sie den Ingenieuren zu zeigen. Sie sollen mir eine Regel sagen, nach der ich verfahren soll mit all diesen Nebenarbeiten. Darf so etwas gebaut werden und was sind übliche Sanktionen, wenn ich Verstöße entdecke?

Nasim ist gar nicht begeistert, die Blumenständer (ich nenne die mal so, ich weiß nicht, wofür die sind: ca. 20 cm hoch, oben eine Platte, auch etwa 20 cm im Durchmesser, und hinten ein Kreuz zur Standfestigkeit) wieder rauszurücken. Nach einer Weile holt er sie: Ich sehe, dass einer davon anders ist, als die beiden zuvor, es muss also drei geben. Darauf angesprochen, wird er noch mürrischer und meint, er hole den Dritten, bitte allein, ich könne warten. Das wird spannend, denke ich, und gehe mit ihm. Und wirklich, hinten in der Ecke ist eine ganze Kiste. Die öffnet er schnell und holt das dritte Teil hervor.

Die Ingenieure meinen dann, niemand dürfe etwas außerhalb des normalen Auftrages bauen. Ich solle Bescheid wissen, wenn es Nebenarbeiten gäbe. Jeder solle einen Antrag an Mir Shah geben, und der würde mir das dann schriftlich weiterreichen. Wer dagegen verstößt, wird entlassen. Wunderbare Entscheidung, alle finden sie toll. Bis auf mich, denn ich weiß, dass das auf keinen Fall funktioniert. Khalid z.B. bat Alisardar, ein Bänkchen für ihn zu bauen, den Tag zuvor..

Zum Unterrichtsanfang bitte ich Hermid, den Lehrlingen ihre Entscheidung bezüglich dieser Nebenarbeiten mitzuteilen. Ich habe die Blumenständer dabei und halte sie hoch und staune, wie gebannt die Lehrlinge den Worten Assads zuhören. Mal sehen, ob es etwas ändert. Danach will Einnullah etwas über den Gebrauch der Säge erzählen und ich bitte Sadat, mit mir in meinen Container zu kommen. Während ich ihm erzähle, wie sehr mich das aufregt, dass er dieses Holz nun doch mitgenommen habe, spüre ich es auch: Ich bekomme kaum Luft beim Reden.

Er meint, alle Ingenieure hätten es ihm erlaubt, später meint er, Nasim habe alle Ingenieure gefragt. Nasim habe ihm dass Holz aufgedrängt, er hätte noch gesagt: Burkhard wird sauer sein. Ich will mit ihm einen Vertrag machen: In Zukunft solle er mich fragen, ich würde das Holz für ihn bezahlen. Nein, nein, er würde das Holz bezahlen und legt 120 Afghani (ca. 3 Euro) auf den Tisch.. Er sei auch arm, sagt er. Das sei alles, was noch übrig ist von seinem Lohn (150 Euro), den er die Woche zuvor bekommen habe. Die fehlenden 30 Afghani würde er sich borgen.

Ich sage ihm, ich bezahle das für ihn, aber er solle mich bitte in Zukunft fragen. Zum Schluss erzählt er mir noch, dass Alisardar auch etwas für sich gebaut hat. Er habe ihm noch gesagt: Lass das lieber. Mein Problem ist, dass von dem Material, was ich habe einkaufen lassen, für diesen Workshop inzwischen schon ein Teil fehlt. Außerdem hatte ich durchgesetzt, dass meine Schüler nicht für Produktion, für Stückzahlen, sondern Zeit bezahlt werden. Das fanden die Verantwortlichen erst nicht so gut. Jetzt weiß ich warum. Meine Lehrlinge haben nun alle Zeit der Welt, alles Mögliche zu bauen. Wenn sie aber nach der Anzahl der von ihnen gebauten Fenstern bezahlt werden, wie soll ich da vernünftigen Unterricht machen? Und wie kann ich mit ihnen zum Beispiel Kisten für ihr Werkzeug bauen?

Zum Abschluss dieser Woche holt mich Arnold nicht ab, wir warten vergeblich. Später stellt sich heraus, dass sie ein Treffen im Büro angesetzt haben, Donnerstagvormittag. Ich erfahre Tage später nur zufällig davon.

Auf dem Hof in Hezarak ist an diesem Tag also nur ein gemietetes Taxi da, vierzehn Leute wollen nach Kabul. Per Handfunk (die große Antenne ist ausgefallen) rufen sie noch ein Auto, aber es gibt Probleme im Büro in Kabul.

Später kommt dann doch ein schlecht gelaunter Fahrer, der zu mir meint, er sei extra nur wegen mir gekommen. Kurz darauf erzählt er mir noch, dass das Taxi viel bequemer sei, als sein Auto, ob ich nicht wechseln wolle. Später stellt sich heraus, dass er Hermid gegenüber behauptet hat, ich habe sein Auto durchsucht, weil ich ihn verdächtigen würde, was zu klauen. - Ich bin sprachlos. Mir fällt ein, dass er wohl sauer ist, weil ich ihn gefragt habe, ob er den Auftrag an Sher Sar gegeben hat. Über Ing. Mir Shah entschuldige ich mich, dass ich vielleicht unhöflich gewesen sei. Ich würde nicht daran zweifeln, dass er ehrlich ist. Ich hätte ihn nur gefragt, um herauszubekommen, wer den Auftrag an Sher Sar gegeben hätte. Ich weiß nicht, ob er meine Entschuldigung akzeptiert. Klar ist, dass ich mich mit meinem Versuch, Material und Zeit meines Workshops zusammenzuhalten, nur unbeliebt mache.

In Kabul lädt mich Nasim, dem wohl nicht ganz geheuer ist, zum Essen zu sich nach Hause ein. Und Einnullah pumpt mich um 50,- Euro an (die ich aber nicht habe), weil er noch immer weder Lohn noch Vertrag hat. Dass der Entwicklungsdienst mit ihm bisher keinen Vertrag gemacht hat (der liegt noch immer auf dem Schreibtisch von Karl Anders), wird von den  Leuten und von Einnullah natürlich mir angekreidet. Ich versuche es gleich an diesem Donnerstag zu regeln, fahre ins Entwicklungsdienst-Büro quer durch die Stadt. Da ist aber niemand mehr. In meinem Brieffach statt dessen eine 2. Mahnung der Rentenkasse: Trotz mehrfacher Aufforderung ist es der Verwaltung nicht gelungen, mich abzumelden. (Ich selbst hatte es auch getan, aber das reichte nicht, weil ich eine Bestätigung brauchte.)

28. Januar

Die Reste des großen Essens und das liebe Geld

Morgens kam erst mein Co-Teacher nicht. Er kauft seit über einer Woche ein bisschen Material ein. Zwar hatte ich mit ihm eine Liste des benötigten Materials (Holz und Beschläge) erstellt und er sollte sagen (schreiben und lesen kann er ja nicht, oder nur sehr wenig), welches Holz wir brauchen. Das, weil ich ja nicht weiß, was in Kabul möglich ist zu bekommen und auch die Holzarten nicht kenne.

Er hat dann meinem Übersetzer für alles das beste Holz diktiert. So gutes Holz, dass er es in Kabul mehrere Tage gesucht hat, also nicht finden konnte. Die Finanzleute haben mich dann gefragt, was ich denn da für ein Holz bestellt hätte. Vor allem sei es unglaublich teuer - 2000 Dollar hätten nicht gereicht. Na ja, er ist also immer noch auf der Suche. Er hatte wohl auch Angst, mir mit schlechtem Holz unter die Augen zu treten.

Dann sind wir wieder mit 10 Leuten tanken gefahren und einkaufen in der Stadt, so dass wir erst um 11,30 Uhr (ich völlig abgenervt) in Hezarak ankamen. Den ganzen Tag über konnte ich kaum mit meinen Studenten arbeiten, weil ich irgendwelchen Formalkram mit einzelnen zu erledigen hatte. Außerdem wollte ich wissen, ob wirklich einer der Fahrer einem meiner Schüler nebenbei den Auftrag gegeben hat, einen Stuhl zu bauen.

Später bin ich dann zu den beiden Köchen (mit einem sehr unwilligen Übersetzer, der wie immer eine halbe Stunde früher gehen will, als im Arbeitsvertrag festgeschrieben). Ich wollte wissen, wo das ganze restliche Essen geblieben ist, das ich für das große Fest die Woche zuvor eingekauft hatte. Wie, da wäre nichts übrig, was ich denn meine. Na, z.B. die Bonbons, drei Tüten immerhin, die ich beim Essen vermisste. Oh, pardon, die wären bei ihm im Schrank, die hat er beim Festessen vergessen. Gerade vor 10 Minuten hat er gedacht, er müsse die mir mal zurückgeben (Aber ein bitterböses Gesicht hat er dabei).

Was denn noch? Die Gurken, die ich für einen Salat eingekauft hätte und die Tomaten. Einen Salat hätten sie nicht machen können, weil sie nicht genug Platten hatten für Salate. Und die Gurken hätte es doch abends gegeben (stimmt auch, etwa 5 von den 30 gekauften).

Was denn noch? Auf meine Antwort, dass es auch nur einen Bruchteil der Kekse gegeben hätte, schafft er es irgendwie, nicht zu antworten, zumal auch der Übersetzer schon halb im Gehen ist. Wo denn eigentlich die restlichen Äpfel wären? Ja, die Äpfel, also die hätten sie auch gerne kleingeschnitten und auf Platten gelegt, aber, wie gesagt, sie hatten halt nicht genug Platten. Und wo sind nun die restlichen Äpfel? Also, die lagen hier oben auf dem Schrank. Die haben wohl die Wächter so nach und nach aufgegessen.

Was denn noch? Ich meine, vielleicht fällt ihm selbst noch etwas ein. Schließlich hat er mehr Überblick als ich. Wenn ihm noch etwas einfällt, kann er es mir auch gerne noch morgen früh sagen, meine ich. Ich würde auch deshalb mit ihm reden wollen, damit nichts Böses, Blödes zwischen uns bleibt. Einfach um zu wissen, was passiert ist.

Etwa zwanzig Minuten später kommt er zu mir und sagt: Also, gerade sei ihm eingefallen, dass noch 500 Afghani übrig waren von den 50 Dollar, die ich ihm gegeben habe. Die hat er Ingenieur Samea gegeben.

Spät am Abend will ich meinen Tee holen, da sitzt Samea bei den Köchen. Ja, meint er, die Lehrlinge hätten sich doch die ganze Zeit beschwert, dass es zuwenig Tassen gäbe, nun hätten sie achtzehn Tassen gekauft (tatsächlich hatten sie sich beschwert, nachdem sie mehrfach zwölf Tassen für achtzehn Leute hingestellt bekamen.). „Dreißig“, sage ich, „Dreißig haben sie gekauft“(ich hatte sie während der Fahrt darüber reden hören). Nein, achtzehn Tassen. Das wäre für meinen Workshop doch gut. „Ja, toll“, sage ich. Etwas später dämmert es mir und ich frage nach: „Von welchem Geld sind die Tassen denn bezahlt worden?“

„Na ja, von den 500 Afghani, die noch vom Fest übrig waren.“ „Ne“, sag ich, „die bezahle ich aber nicht aus meiner Tasche, diese Tassen, die sollen von dem Geld für den gesamten Workshop bezahlt werden.“

Gut, kein Problem, dann muss das eben davon bezahlt werden. Ich soll mit dem Einkäufer Omera Khan darüber reden. Nach einer Weile weiteren Nachdenkens meine ich: „Wieso soll ich da eigentlich mit Omera Khan darüber reden, das ist nicht meine Aufgabe. Ich werde Said Machmat bitten, das zu regeln.“

Samea meinte dann plötzlich, ich hätte doch gesehen, die Liste, letzte Woche, wo sie Geld gesammelt hätten, für die Beerdigung von der Tochter des einen NGE- Mitarbeiters. Da hätte bei mir ja 400 und 500 Afghani gestanden. Das wäre das Geld, das Feuerholzgeld. Ich bin so perplex, dass ich zuerst nichts sagen kann, dann stammele ich: „Ja, ich habe 500 Afghani dazugegeben, aber nicht 900!“ Also gut, sagt er, das war ja nur freier Wille gewesen. Gerade ich als Fremder müsste ja nun wirklich nichts bezahlen.

Doch, wiederspreche ich, ich hätte 500 Afghani gegeben und das sei auch okay (immerhin hatte nur noch ein anderer so viel gegeben). Aber ich wolle nicht 900 Afghani geben. Gut, also die 400 Afghani könne ich wiederhaben. Die würden sie dann woanders sammeln, überhaupt kein Problem. Dann müssten halt alle noch mal Geld bezahlen, er hätte nur gedacht, weil der Atoi so ein armer Mann sei, ich hätte das gern gegeben. Das sei ja auch nicht viel Geld, nichts sei das (ca. 9,- Euro).

Außerdem, füge ich hinzu, hätte er doch zuvor gesagt, dass von dem übrig gebliebenen Festgeld die Tassen gekauft worden wären. Und es seien doch 500 gewesen, nicht 400. „Die Tassen haben wir von Deinem Feuerholzgeld bezahlt, den 400 Afghani“, erklärt mir Samea.

„Wie“, frage ich, „meinem Feuerholzgeld? 400 Afghani? Also, letzte Woche habe ich Ing. Mir Shah 600 Afghani für Feuerholz und so weiter gegeben und nicht 400 Afghani und auch nicht für diese Tassen!“

Nein, das waren 400 Afghani. Und 400 Afghani vom Fest. 800 Afghani insgesamt. Aber ich könnte die 400 Afghani selbstverständlich wiederhaben. Da müssten halt alle nachzahlen, kein Problem. Ja, sage ich, bevor sie mein Geld ausgeben, möchte ich gerne gefragt werden.

Ich war nach diesem Gespräch mit den Nerven völlig fertig. Ich glaube, mich hat an dieser ganzen Geschichte am meisten mitgenommen, dass es ausgerechnet Samea war, mit dem mir das passierte. Mein ganzes Gefühl sagte mir, dass ich ihm vertrauen kann. Samea hatte mir sehr viel für das Fest geholfen, den Einkauf machen, die ganze Vorbereitung usw. Und er wollte partout nichts dafür. Wenn ich ihm was schenken würde, das wäre ein hoher Preis für ihn, hatte er gesagt, höher als wenn er es selbst kaufen würde.

Und meine ganze deutsche Sozialisation sagte mir nun, dass ich ihm überhaupt nicht vertrauen kann. Das war wie ein Beilschlag, der mein Hirn spaltet. In dem Moment hatte ich das Gefühl, die klauen und unterschlagen alle. Und meine Lust, hier zu arbeiten, war auch völlig verschwunden.

26. Januar

Das Zentralgefängnis von Kabul

Arnold holt mich am Donnerstag mit zwei Autos von Hezarak ab. Wie immer hat er wenig Zeit, holt mich schon vormittags ab und will auch kaum warten. Ich schließe also meinen Workshop, schicke alle Leute nach Hause, suche in aller Hektik meine Sachen zusammen und los geht's. Auf dem Rückweg fährt Arnold noch zu dem alten Zentralgefängnis von Afghanistan. Er will sehen, ob da wirklich gebaut wird, wie ihm gesagt wurde.

Zuvor hatte er den Auftrag erhalten, für das im Moment benutzte Gefängnis in Kabul einen Sanierungsplan zu erstellen. Arnold wollte sich nun informieren, ob dieser Knast nach der Renovierung auch als Knast benutzt wird oder nicht. Ein paar Wochen vorher hatte das deutsche Technische Hilfswerk (THW) eine soziale Einrichtung (eine Schule, einen Kindergarten?) wieder aufgebaut und danach hat es einfach die Armee beschlagnahmt.

Er hatte also einige Telefonate hinter sich, um herauszubekommen, ob das alte Zentralgefängnis (außerhalb Kabuls) wieder hergerichtet wird. Außerdem hatte er sich den jetzt benutzten Knast angesehen: 500 männliche Gefangene, 18 Frauen, für alle zusammen 8 Toiletten und keine einzige Waschgelegenheit, weder für sich selbst noch für ihre Kleidung. Insgesamt 1000 qm "Wohn”fläche. Arnold meinte zu mir: In Deutschland würde das schon gegen die Tierschutzbestimmungen verstoßen. Klar, dass etwas daran gebaut werden muss, wenn es weiterhin Knast bleiben soll. Soll es aber gar nicht. Das alte Zentralgefängnis wird tatsächlich gerade renoviert, demnächst soll es bezogen werden. Also wartete doch wieder die Armee auf das dann leer werdende jetzige Gefängnis.

Wir kommen ohne Ankündigung zu dieser riesigen Festung. Ich frage einen Soldaten, ob ich Bilder machen darf. Ich darf. Und wir werden problemlos hineingelassen. Die Bauwerke sind mit einer doppelten, 4-5 m hohen Mauer umgeben, etwa 1 km im Quadrat, zwischen den Mauern sind etwa 20 Meter. Auf dem ersten Torbau sind Flakgeschütze. Wir werden zu einem zerschossenen Bauwerk geführt, dem ältesten Teil, ein Sechseck wohl, aus sechs Dreiecken mit jeweils eigenem Innenhof. So ziemlich überall wo wir laufen, laufen wir vermutlich über Massengräber. In der Mujaheddin- und der Taliban- Zeit wurde an diesem Gefängnis gar nichts mehr renoviert, es war nur noch Erschießungs- und wahrscheinlich Folterstätte. Wer dorthin gebracht wurde, kam nicht mehr zurück.

Durch schaurige Betongänge werden wir in ein helles, lichtes Arbeitszimmer geführt, das ich auch fotografieren darf. Danach ist es mir leider verboten, weiter zu fotografieren. Uns sitzt der Chef des Gefängnisses gegenüber, der uns persönlich dann den gesamten Komplex zeigt. Im alten Komplex zeigt er uns einen Gang mit Einzelzellen, je etwa 2 x 2 Meter groß, zum Gang hin nur mit Eisenstäben. In einer Zelle sehe ich eine farbenreiche Wandmalerei.

Eine Fabrikhalle gibt es, wo früher wohl alles Mögliche produziert wurde, jetzt aber nur noch Beton übrig ist. Dann zeigt er uns einen etwa 20 mal 60 Meter großen Raum, in der Mitte zwei riesige Käfige, rings herum ein Gang für die Wärter: Großgruppenzellen. Der Innenhof erinnert mich an deutsche Knäste, es gibt ein Volleyballnetz und ein paar andere Turngeräte. Hier würde auch der Besuch der Angehörigen stattfinden. Graue Betonwände, fünf Stockwerke hoch, voller vergitterter Fensterlöcher.

Wie viel denn in diesem Knast untergebracht werden können? fragt Arnold. Was der kleinste Staat in Europa wäre, „Finnland?“ wird er zurückgefragt. Nein, Vatikanstadt, Liechtenstein, Monaco. Gut, also ganz Monaco passt hier rein, 40.000 meint der Gefängnisleiter.

Dann gehen wir zu dem neueren Teil. Es sind längliche Blöcke. Als die Russen hier gewesen sind, wäre der alte Komplex genutzt worden. Jetzt, wo wir hier seien, würden die neueren Blöcke benutzt, meint er. Stolz zeigt er uns Zentralheizung, den riesigen Schaltkasten der Elektrik (tatsächlich hoher Standard, besser als sonst wo in Kabul), Duschen, Toiletten. Lange Zellengänge, alle mit Gitter am Flurende noch mal abgetrennt, etwa 20 qm große Zellen für 8 bis 16 Gefangene, es gibt eine Bibliothek und einen Bett-Raum. Ich habe sehr bedauert, dass ich das nicht fotografieren durfte.

Ob uns der Knast gefallen hätte? Na ja, sagt Arnold, wem gefällt ein Gefängnis schon? Als der Direktor etwas beleidigt guckte, beeilte er sich hinzu zu fügen: Aber er sei beeindruckt von dem Standard.

Wir werden den Weg zurück mit einem original deutschen Polizeiauto gebracht. Das sei schließlich dafür da, den Menschen zu helfen, erklärt der Direktor. Und wenn wir etwa helfen wollten, dann wäre Hilfe für den Ausbau der Produktionsstätten toll. Wir verabschieden uns freundlich.

23. Januar

Das große Essen

In der zweiten Woche meiner Ausbildung habe ich dann ein großes Essen gegeben, für 200,- Euro. Samea und Hermid erklärten sich bereit, mir zu helfen, machten mit mir eine Vorbereitungsliste (zum Beispiel gab es nicht genug Geschirr) und eine Einkaufsliste. Gemeinsam überlegten wir, wen wir einladen könnten.

Im Grunde wollte ich nur Afghanen einladen, eine Party für Hezarak, mich den örtlichen Offiziellen vorstellen. Dann wurde mir aber klar, dass ich auch die Kabuler Chefs einladen müsse. Und dann auch ihre Frauen.. Kurz vor der Party steckte mir Samea, dass es aber nicht ginge, dass mit diesen konservativen Käuzen die beiden Frauen mitessen würden. Ob ich die nicht fragen könne, ob sie vielleicht in meinem Container essen würden. Ach du Schreck!

Sie kamen nicht. Nur Afghanen, nur Männer. Irgendwann später meinte der (selbst konservative) Said Machmat, so ein Quatsch, natürlich hätten die beiden Frauen mitessen können. Die seien Europäerinnen, da sei das kein Problem. Und Arnold meinte: „Da hättest Du eine schöne Szene erleben können, wenn du die Frau vom Chef gefragt hättest, ob sie im Container isst.“ Noch mal Glück gehabt.

So war es eine große Sache wohl. Und ich völlig aufgelöst. Statt der geladenen zehn Bezirks- und Dorf- Ältesten kamen fünfundzwanzig. Alle wohl, die etwas zu sagen hatten. Ihre Titel habe ich nicht begriffen, aber einer war ganz offensichtlich der örtliche Commander: Er zog als einziger die Schuhe nicht aus, sondern setzte sich damit auf die Tischdecke. Schon sein Gesichtsausdruck sah erstaunlich dämlich aus. Die anderen gefielen mir zumeist wesentlich besser: Alte Männer wie aus dem Bilderbuch, mit Afghanenkleid, barfuss in Badelatschen, Turban auf den wettergegerbtem Kopf und Bart bis in den Suppenteller. Und würdevoll.

Wir saßen vor dem Haus auf einer Art Terrasse, in zwei Reihen uns gegenüber. Die Azubis und die Wächter saßen etwas abseits. Toll, dass es möglich war, draußen zu essen, immerhin Mitte Januar. Aber tagsüber ist es halt doch ziemlich warm, wenn die Sonne scheint. Zu Anfang rezitierte (das heißt hier: sang) Samea eine Koransure, darauf hielt erst Mir Wais (der die Gemeinwesenarbeit macht), später Mir Rachim eine Rede, und dann war ich dran. Meine spärliche Dari- Kenntnisse begeisterten alle und ich entschuldigte mich höflich, weil ich kein Pashtu könne.

Ich ging bald ins Englische über und hielt eine Lobrede auf die alte und hochentwickelte Kultur von Afghanistan, erzählte kurz, was ich hier tue und gab ein Sprichwort zum Besten. Mittendrin schaute ich plötzlich in das völlig verblüffte Gesicht von Samea, der den englischen Teil meiner Rede übersetzte hatte: Ohne es zu merken, hatte ich plötzlich Deutsch gesprochen!

Von vielen Seiten sollte ich später hören, das sei eine tolle Party gewesen, ein "powerful Meeting"! Es war wohl das hochrangigste Treffen im Distrikt Hezarak seit dem Krieg. Ganz viele halfen, angefangen von dem Hazara- Tierarzt Dr. Haschir, der mit wundervoller Schrift die Einladungskarten schrieb, über meine beiden Logistik-Helfer Samea und Hermid, mit denen ich zusammen auch ein Großteil des Einkaufes machte (und nur mit Mühe das von Arnold versprochene Auto bekam - ohne ihn, aber mit seinem Fahrer und seinem Übersetzer) bis hin zu den Köchen und all jenen, die den Tisch deckten und abräumten, Geschirr von zu Hause mitbrachten und vieles mehr.

Samea fragte ich dann auch, wem ich Geld bezahlen solle, weil ich das - außer für die Köche, das war mir klar - nicht einschätzen konnte. Er nannte mir dann noch einen Wächter, der auch mit geholfen hatte.

Am Tag darauf steckte mir mein Übersetzer, dass der Lagerverwalter Nasim sauer gewesen wäre, dass er nichts bekommen habe. Erst verstand ich, dass Sadat für sich selbst um Geld bat und war verärgert. Ich erzählte den Ingenieuren davon, was wiederum Sadat sehr verschämte und mich zu einer öffentlichen Entschuldigung veranlasste. Nasim aber ließ nicht locker und nachdem einer der Fahrer, offensichtlich von ihm geschickt, auch irgendeine Bemerkung in dieser Richtung machte, sprach ich mit Samea darüber. Eigentlich um zu erfahren, ob er vielleicht doch jemanden vergessen habe. Einen Tag später saß ein völlig eingeschüchterter Nasim bei mir im Container, entschuldigte sich vielmals und fragte kleinlaut, ob ich wirklich mit dem Chef in Kabul darüber reden wolle, wie ihm Samea angedroht hatte.

Ich konnte ihn beruhigen, gab ihm aber nichts. Mir war es lieber, nicht noch nachträglich jemanden auf sein Verlangen hin Geld zu geben. Ich sah schon eine mehr oder weniger fordernde abendliche Schlange vor meinem Container. Was allerdings aus all den Resten dieses Festes und all jenen Sachen, die ich zwar eingekauft, aber beim Essen nicht gesehen hatte, passiert ist, das sollte mich noch etwas beschäftigen.

20. Januar

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