Hochzeit meines Schülers in Hezarak

Said Machmat kommt erst am nächsten Morgen. Kurz bevor wir losgehen müssen, erreiche ich ihn. Er sagt mir, dass ich selbstverständlich gehen kann, das sei doch meine Entscheidung, ich wäre doch Projektleiter. Na ja, denke ich, immerhin hieß es bis jetzt immer, nicht ohne Begleitung.

Mit meinem Übersetzer und fünfzehn Auszubildenden laufe ich gegen Mittag los, wieder Richtung Karam, so wie in der Woche vor Aid. Diesmal ist der Himmel bedeckt und es schneit ein klein wenig. In Karam werden wir vor einer dieser Wehrburgen von den Verwandten von Zainulabuddin begrüßt. Zainu ist übrigens für afghanische Verhältnisse ein noch sehr junger Bräutigam, etwa 21 Jahre alt. Die Männer sind oft um die 30 Jahre, wenn sie heiraten, die Frauen oft zehn Jahre jünger. Wenn eine Frau mit Anfang Zwanzig noch nicht verheiratet ist, wird es für die Eltern langsam schwierig, einen Mann für sie zu finden. Alle denken, da ist irgendein Makel an ihr, sonst wäre sie längst verheiratet.

Innerhalb dieser Burganlage gibt es Mauern, die einzelne Viertel und kleinere Innenhöfe voneinander trennen und eine ganze Menge verschiedener Bauten, Zimmer, Kammern und Schuppen. Wir werden zu einer Hütte geführt, die, wie die meisten, mit dem Rücken zu der Wehrmauer (etwa dreieinhalbe Meter hoch) gebaut ist. Vor diesen Räumen ist eine Freifläche, auf der etwa dreißig Jungen gerade Essen bekommen. Wir ziehen in einem kleinen Vorraum unsere Schuhe aus und nehmen Platz in einem dieser fast gar nicht möblierten Zimmer. An der Wand hängt eine geschmückte Uhr als einziger Wandschmuck, wirklich nur als Schmuck, denn sie geht nicht. Alles ist aus Lehm, die Decke und die Fensteröffnungen werden durch Balken gebildet.

Wir sitzen auf Matten. Zu unserer Unterhaltung versuchen sie, einen Kassettenrecorder mit einem eigens herbeigetragenen Generator (der zum Glück vor der Tür bleibt) in Gang zu bringen, aber die abenteuerlichen Leitungen sind nicht gut genug für einen kontinuierlichen Strom. Wenn die Musik mal für zwei Minuten hintereinander zu hören ist, dann nur mit veränderlicher Geschwindigkeit. Derart in Stimmung versetzt, gibt es Essen und auch der Bräutigam erscheint.

Zu meiner Verwunderung ist er gar nicht so dolle herausgeputzt wie jener auf meinem ersten Hochzeitsessen und auch das Essen ist eher mager. Da es nur für uns vom Schreinerkurs ist, denke ich, dass es vielleicht für die Verwandten in einer der anderen Hütten besseres Essen gibt. Nach dem Mahle wird Abdul auf aufgeschichtete Kissen gesetzt und es wird ihm eine zweite Uhr (die noch wunderlicher geschmückt ist als die zuerst beschriebene direkt über ihm) umgehängt. Zudem macht er noch ein völlig trauriges Gesicht, als wolle er am liebsten gleich heulen. Ich darf ihn aber fotografieren, es sieht einfach zu komisch aus. Bislang wusste ich nur, dass die jungen Frauen sich am Tage ihrer Hochzeit auf keinen Fall freuen dürfen, weil sie doch das Haus ihres Vaters verlassen.

Ich versuche mein Geschenk, ein Streichmaß (ein Schreinerwerkzeug, eines der drei Werkzeuge, die aus meinem Besitz sind und nicht dem Entwicklungsdienst gehören) möglichst unauffällig Zainu zu übergeben. Das geht ganz gründlich schief, denn als ich aufstehe, herrscht augenblicklich Stille und volle Aufmerksamkeit. So bleibe ich –durch die anderen jungen Verwandten von Zainu (natürlich nur Männer) aufgehalten- mitten im Raum stehen und gebe ihm unter Applaus mein Geschenk.

Es wird laut gemutmaßt, wie viel es wohl wert ist: 100 Dollar? 50 Dollar? Und einer meint, genau wie erwartet: Dann heirate ich auch. Ich antworte ihm: „Das sage ich Deinem Vater („Deiner Braut“ darf ich natürlich nicht sagen), dass Du nur wegen einem Schreinerwerkzeug heiraten willst.“ Alles lacht, noch mal Glück gehabt.

Dann werden wieder umfangreiche Versuche mit dem Kassettenrecorder veranstaltet. Als das so gar kein Ende nimmt, schwant mir langsam, dass diese Versuche vielleicht dazu dienen, nicht arbeiten zu müssen. Mein Übersetzer ist mir da keine große Hilfe, weil, wie immer, sehr parteiisch zu seinen Gunsten. Ich frage leise Einnullah, meinen Co-Teacher, wann wohl Zeit sei zu gehen, auf Dari. Die anderen bedrängen ihn sogleich, laut zu sagen, was ich ihm zuflüsterte und der Idiot macht das auch. Sehr peinlich und ich weiß immer noch nicht, was ich tun soll. Immerhin habe ich auf der letzten Hochzeit von einem kleinen Jungen sofort nach dem Essen zugeflüstert bekommen: Jetzt musst Du gehen! Und auch die anderen gingen sofort nach dem Essen. Das ist wohl eigentlich üblich.

Inzwischen kommt der Kassettenrecorder etwas regelmäßiger in Gang und meine Aufbruchsversuche werden mit dem Hinweis beschwichtigt, jetzt werde ein bisschen getanzt und danach könnten wir ja gehen. Die meisten wollen aber bleiben, weil es sich nicht lohnen würde, noch einmal zum Hof zu laufen und dann anderthalb Stunden später wieder zurück nach Hause (viele kommen aus Karam oder seinem Nachbarort).

Sadat, mein Übersetzer, der auch bleiben will, fragt mich: „Und was ist Deine Entscheidung?“ ohne auch nur den geringsten Zweifel daran zu lassen, was die richtige Entscheidung sei. Ich soll dann immer sofort und jetzt entscheiden.

„Gut“, sage ich, „alle die bleiben wollen, können das, weil es wirklich weit ist. Ich notiere mir, wer das ist und wenn das Wetter wieder besser ist, wird an drei Tagen je eine halbe Stunde nachgearbeitet.“ Plötzlich taucht noch ein Arzt mit einem der Fahrer auf, der wohl in der Nähe zu tun gehabt hat und auch kurz hereinschauen will. Beide bekommen noch Essen nachgereicht und danach soll es losgehen, wieder zum Hof. Ich will ihn sofort um Hilfe bei meinen Entscheidungen bitten, aber er ist ziemlich stur der Meinung, dass er sich da keinesfalls einmischen muss. Also bleibt es bei meiner Entscheidung und die Hälfte der Leute kommt dann noch mit zurück, mit dem Auto.

17. Februar

Die abenteuerliche Fahrt mit dem Dieselofen von Kabul nach Hezarak

Vor einer Woche war ich im Büro in Kabul und wollte mal wieder mit dem Chef sprechen, ein wenig von Hezarak berichten und nachfragen, was er von der derzeitigen Sicherheitslage dort hält. Habe ich doch über dritte Hand gesagt bekommen, dass die Amerikaner dort irgendeine militärische Aktion planen.

Ich hatte schon am Vormittag in der deutschen Botschaft angerufen und die Nachricht erhalten, dass das wohl Blödsinn sei. Er konnte das bestätigen. Er war gut drauf und in Spendierlaune, fragte mich, ob ich noch irgendetwas bräuchte. Ich erzählte, dass ich einen Antrag auf einen Ofen für den Werkstattraum gestellt hätte, aber dass das immer so seine Zeit braucht. „Du kannst einen Ofen aus unserem Lager haben“, war die spontane Antwort, ein Entwicklungsdienst-Kollege und Heizungsbauer solle ihn vorher überprüfen. Noch abends hat er das wohl gemacht und ihn auch zum Laufen gebracht.

Am nächsten Morgen brachte ich ihn zu NGE (weil die Läden am Vortag schon zu waren, habe ich Ofenrohre und einen Dieselkanister aus dem Gästehaus mitgenommen) und beim Einladen in das Auto floss die Hälfte des Diesel aus. Das war ganz gut, wie sich hinterher herausstellte, sonst wäre der Diesel sicherlich wahrend der Fahrt übergeschwappt, uns allen, die wir dicht an dicht saßen, über die Klamotten. War so schon abenteuerlich genug mit dem Ofen im dicht besetzten Auto.

Als wir den Ofen eingeladen hatten, sah ich das zweite Auto davonfahren. Nach einer Weile fragte ich den Ingenieur Mir Shah, mit wie vielen Autos wir denn nach Hezarak fahren würden. Heute nur mit einem, war die Antwort. Er wisse doch, meinte ich, dass ich nur mit zwei Autos fahren dürfe, wegen der Entwicklungsdienst-Sicherheitsbestimmungen. Ja, aber heute würde das andere Auto in die Provinz Wardak fahren. Jemand versuchte mir noch einzureden, dass läge ja praktisch auf dem Weg nach Hezarak und dass mensch dann ja die Strecke doch zu zweit fahren kann. Allerdings war das Auto schon weg und zweitens liegt Wardak genau in der anderen Himmelsrichtung.

Ich meinte also: Dann muss ich halt hier bleiben. - Ob denn ZIM kein zweites Auto hätte. -Nein, die Absprache ist, dass NGE mich bringt und ZIM dass zweite Auto zum Abholen schickt. –Vielleicht ausnahmsweise? – Gut, meinte ich, ich kann ZIM fragen. Ich bin also zum ZIM-Büro, dass glücklicherweise direkt gegenüber liegt (noch, denn sie ziehen um, beide). Aber es war so spontan natürlich kein Auto frei. – Dann können wir nur mit einem Auto fahren. – Dann muss ich halt hier bleiben. (immer das gleiche Spiel) - Gut, also, dann fahren wir mit dem Auto der Ärzte zusammen hoch. Dafür mussten wir aber noch etwas warten, bis das „Medical-car“ soweit war. An der ersten Straßenkreuzung fuhren wir nach links, die anderen geradeaus. -Wo fahren die jetzt hin? -Nach Hezarak natürlich! – Und wir? –Erst mal etwas einkaufen. – Und das haben die anderen nicht gewusst? Nein. -Also gut. Wenn wir nicht mit zwei Autos fahren, kann ich nicht mitkommen. -Ja, klar. Wir probieren doch gerade, die anderen per Funk zu erreichen, das Funkgerät geht gerade halt nicht.

Nach einer Weile: - Wir treffen die anderen in Pul-e-tschari. - Wo ist das? - Dort hinten! - Ist dort hinten vor oder nach dem ISAF- Camp? - Es ist vor dem ISAF- Camp. Wenig später fahren wir an dem ISAF- Camp vorbei, ohne dass ein zweites Auto zu sehen gewesen wäre. Das Camp ist auch schon ziemlich weit außerhalb der Stadt. - Wo sind die anderen jetzt? - Die warten dort hinten auf uns.

Als wir dann die Straße nach Jallalabad verlassen, um rechts über den Fluss und später in die Berge zu fahren, wird mir beteuert, dass das andere Auto vor dem ehemaligen Zentralgefängnis wartet. Ich erkläre, dass sie mich aber zu der Hauptstraße zurückbringen müssen, wenn das zweite Auto dort nicht ist, damit ich ein Taxi zurücknehmen kann. Mittlerweile sind alle Beteiligten ziemlich abgenervt. Entgegen meinen Erwartungen steht tatsächlich das andere Auto in der Nähe des Gefängnisses und wartet auf uns. Über Funk, der jetzt funktioniert, erzählen sie, dass sie fast eine Stunde auf uns gewartet haben und dass ich mich jetzt wohl behütet fühlen kann, weil sie immer vor uns herfahren werden. Natürlich sind sie sauer und ich auch auf den Chef vom Entwicklungsdienst, der mir das alles eingebrockt hat. Unterwegs fängt es an zu schneien. Das ist gut für Afghanistan, aber unser schnelles Fahren erleichtert es nicht gerade. An der einzigen richtig steilen Stelle kommen wir dann auch nicht weiter, das Ärzteauto muss wieder auf uns warten, bis der Fahrer die Schneeketten angebracht hat.

Später wird mir gesagt, dass die Mediziner jetzt nur eine Stunde Zeit in Hezarak hätten und danach wieder zurückmussten. Sie fahren immer hin und her, weil sie auch Ärztinnen im Team haben, die nicht mit den Männern in Mundul übernachten können.

Dann sind wir endlich in Mundul. Meine Auszubildenden warten schon anderthalb Stunden auf uns. Einer meiner Schüler hat am nächsten Tag Hochzeit und will freibekommen. Alle gucken mich erwartungsvoll an. Klar kann er freibekommen für seine Hochzeit, sage ich, aber er weiß die Regeln. Mein Übersetzer übersetzt das aber nicht so höflich, sondern sagt gleich: Aber es gibt kein Geld. Alle sind empört. Nach einer Weile, in der ich beobachte, wie die Empörung sich so entwickelt, meine ich, okay, ich werde Said Machmat fragen, wie in diesem Fall zu entscheiden ist.

Und dann lädt uns Zainulabuddin alle zu seiner Hochzeit ein. Wieder weiß ich nicht, was ich dazu sagen soll, weil er uns (selbstverständlich!) während der Arbeitszeit einlädt. Erst mal sage ich: Chub as! (Toll!).
17. Januar

Wandern auf dem Land in Afghanistan

Immer wieder bin ich von meinem Übersetzer und den Auszubildenden zum Tee oder zum Essen eingeladen worden. Ich hatte sie immer wieder vertröstet, vor allem mit dem Argument, zuerst wolle ich alle einladen. Das hatte ich ja nun getan und nach Rücksprache mit den Leuten vom Büro war es denn soweit: In der Woche vor Aid (einem der hohen islamischen Feiertage) an einem schönen, klaren, warmen Tag zog ich mit einer Eskorte von sieben Leuten über die wüstenähnliche Ebene los zu den Bergen am Horizont.

Mir Shah, Hermid und Mir Wais waren mitgekommen, die dreie, die mir am Anfang beim Ausbau geholfen hatten, Alisardar, Said und Sher Sar, und außerdem natürlich Sadat, dessen Einladung ich nun folgte. Auf meinen Wunsch hin gingen wir zu Fuß, allerdings war mir auch zu Hilfe gekommen, dass es im Moment kein Auto gab.

Schon der Anfang war für mich beeindruckend, wie ein junger Wiesel rannte ich vor und zurück, und vor allem zu den Seiten hin, wo es immer wieder tiefe Erosionsrinnen oder auch richtige Täler zu fotografieren gab. Besonders zur Rechten des Weges tauchte ein Tal auf, unten am Boden ein wenig grün, steil aufsteigende Hänge, die am oberen Rand oft bebaut waren mit Häusern aus einer anderen Welt. Eigentlich Burgen, mit Höhlen unter den Wohnungen, ineinander verschachtelt, zur Mitte hin sich selbst hochschaukelnd, wie diese Bergstädte in der Toskana. Unterhalb von ihnen, an den steilen Hang gebaut, Mauern, oft auch nur die Reste der Mauern, die eigentlich Gärten einfrieden. Jetzt aber fast alles kahl und braun, wie überall hier. An einer Stelle ist auf der unsrigen Seite des Tales eine zweite Fläche auf halber Höhe, umfangreiche Bauarbeiten sind da angedeutet, bis jetzt sieht man nur die Grundsteine, die eine enorme Fläche einfassen.

Hermid erzählt mir leise, das seien Bauplanungen von dem Stellvertreter des Fundamentalisten Sayyaf, der hier im Gebiet aufgewachsen ist, und dessen Anhänger deshalb hier sehr zahlreich sind. Sayyaf ist der vermutliche Hintermann des Handgranatenanschlages auf eine Hochzeitsgesellschaft im Sommer, bei der zwei Musiker starben. Ihm gefiel die Art der Musik nicht. Sayyaf arbeitet derzeit mit der Übergangsregierung zusammen, oder besser, nicht gegen sie, ist einer der ganz reichen Afghanen (ihm gehört zum Beispiel der Grund und Boden auf dem der ausgedehnte Großmarkt für Gemüse gebaut ist) und ihm wird nachgesagt, dass er gegenwärtig Kontakt zu Hektmatyar sucht.

Nach einiger Zeit kommen wir in Karam an, ich bin doch etwas müde geworden und glaube, dass wir jetzt nur noch das Haus von Sadat suchen müssen. Karam sei eine sehr alte Siedlung, auch wenn die jetzt bewohnten Häuser (wenn sie denn überhaupt älter als der Krieg sind) kaum je 50 Jahre alt sind. Früher war sie mehrheitlich oder ausschließlich von Tadjiken besiedelt, eine kleine Dari- Sprachinsel in einem Paschtunen- Gebiet. Je nachdem, wen man fragt, wird das auch durchaus abgestritten oder zumindest so kommentiert, als sei das eine ganz neue Information.

Der Ort selbst ist sehr ausgedehnt und wir laufen bestimmt anderthalb Kilometer durch ständig wechselnde Ortsansichten, anders jedenfalls als durch die normalerweise vorherrschenden engen Gassen zwischen hohen Lehmwänden in den anderen Orten oder Kabul. Hier gibt es plötzlich kleine Täler, in denen es grüne Felder gibt (wahrscheinlich Winterweizen) und große Freiflächen, die aussehen wie ein germanischer Thingplatz. Aus einer halboffenen Lehmhütte schauen uns unzählige Mädchen an: die örtliche Mädchenschule. Fotografieren soll ich die besser nicht.

Das Haus eines meiner Schüler, der aber nicht mitwandert, steht am Rande der Hochfläche, zum steil abfallenden Tal hin, das uns die ganze Zeit zu unserer Rechten begleitet hat. Eine der öffentlichen Wasserpumpen ist im Vordergrund, seine Kinder pumpen gerade Wasser. Die Hütte im Hintergrund ist ohne Einfriedung, wie einige der Häuser hier. Seine Frau wäscht gerade und aus Versehen fotografiere ich sie mit. In einer Paschtunen- Siedlung hätte ich sie auf gar keinen Fall zu Gesicht bekommen.

Weit in der Ferne zeigt mir Said sein Haus: Eine wirkliche Festung, riesig, Wehrtürme an allen vier Ecken. Hier wohnt er mit seiner ganzen Großfamilie, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen, seinen Eltern und Großeltern. Er will ja gerne mit mir nach Europa, weil nur in Europa, wurde ihm gesagt, können sie ihm die Metallsplitter, Überreste einer Mine, aus den Knochen holen. Ob du weißt, was dir bevorsteht? , denke ich. Aber sie haben ja alle schon heftige Kulturbrüche hinter sich, wechselnde Regierungen mit völlig anderem kulturellen Hintergrund, die Flucht (oder mehrere) nach Pakistan…

Dann machen wir mitten im Ort einen Schwenk nach links, steigen in ein kleines Tal hinab und ich kann die Kellergewölbe oder besser Höhlen unter den Häusern aus der Nähe besichtigen. Hermid meint: „Vor hundert Jahren haben sie selbst in den Höhlen gewohnt, jetzt ist es nur noch ihr Vieh. Das ist der ganze Fortschritt in den hundert Jahren gewesen.“ Nun werden die Häuser spärlicher, es gibt ein vor einiger Zeit abgeerntetes Maisfeld, der Boden hier ist überall sehr, sehr fruchtbar. Wenn es nur regnen würde.

Eine Obstplantage sehe ich, es sind Aprikosenbäume. Und überall die kleinen Wasserrinnen ohne Wasser, mit deren Hilfe das Wasser kilometerweit auf die Felder geführt wird. Neben jedem Feld eine Unterbrechung in den Rinnenwänden, mit Erde und oder Steinen zugemacht. Und dann wird’s richtig schön: Erst höre ich es nur und dann sehe ich den Wasserlauf auch schon: Er ist richtig einbetoniert, mit Öffnungen nach links und rechts alle paar Meter, es sieht sehr professionell aus. Ob das auch NGE gebaut hat, frage ich. Nein, das war ISAF, ist die Antowort.

Dann vor uns eine Burganlage, deren Sinn ich nicht erfahren kann. Es sieht aus wie der Kirchhügel in irgendeinem norddeutschen Dorf, aber es ist keine Moschee dort gebaut. Auf dem Gebäude weht eine afghanische Flagge, aber ein Militärstützpunkt ist es auch nicht. Es sieht einfach nur sehr spannend aus. Wir folgen dem Wasserlauf und schon alleine das sprudelnde Wasser zu hören in der Mittagssonne und all der Dürre ringsumher, tut mir gut.

Dann, um eine Biegung, wird es fast grün, jedenfalls viele Bäume, es ist viel kleinräumiger als sonst hier, und einfach schön. Wenn ich mich umdrehe, liegt die weite Ebene mit ihren vielen Dörfern zu meinen Füssen. Die Dörfer, außer Karam direkt vor uns und Mundul in der Mitte dieser Ebene am Rande des tief eingefrästen Tales, alle in weiter Ferne am Rande dieses grossen Beckens. Und zwischen den Bäumen kommen mir auch schon zwei Afghanen entgegen: Herzlich willkommen.

Dann wird es ‚normal’: Wir werden in einen kahlen Raum gebeten, Sitzkissen auf dem Boden, die Frauen alle weggesperrt, nur ein Korb, von der Decke aufgehängt, mit einem schreienden Säugling darinnen haben sie noch vergessen. Der ist aber auch bald entfernt. Sadats Vater wieder einer dieser würdevollen Greise mit langem Bart und Turban. Sadat ist der zweitjüngste der Brüder. Über die Schwestern wird nicht geredet.

Ein Schwager, ein Bruder und natürlich Sadat selbst bringen das Essen: Gut, vielfältig und eine unglaubliche Menge. Viel Obst, Salat und natürlich Fleisch. Vorher eine Weile Smalltalk der afghanischen Art: Das Befinden aller Beteiligten einschließlich der männlichen weiteren Verwandten, Berichte über zurückliegende Besuche und natürlich alles, was irgendjemand über die besondere Freundschaft zwischen den beiden ‚arischen’ Völkern aus Deutschland und Afghanistan weiß.

Meine drei Auszubildenden schlagen kräftig zu: Es ist ausdrücklich erlaubt, viel zu essen. Allerdings muss genug übrig bleiben, denn die Reste werden von den Frauen und Kindern des Hauses sehnsüchtig erwartet. Für die Kinder war übrigens auch mein Gastgeschenk: Bonbons. Geschenke für den Herren des Hauses wären unter Umständen beschämend gewesen, wurde mir gesagt. Bezahlen werde ich dieses Essen indirekt aber doch, über ein Geldgeschenk zum Aid-Fest an meinen Übersetzer.

Nach dem Essen startet Mir Wais, der uns die ganze Zeit immer wieder mit seinem Funkgerät ‚abgesichert’ hat, einen Versuch, doch noch ein Auto zu bekommen. Zum Glück gelingt ihm das erst nicht. Eine Weile geht es darum, wo und wie das vorgeschriebene Mittagsgebet gemacht wird, eine Unterhaltung, der ich nur teilweise folgen kann. Ich glaube, die, die eher keine Lust dazu haben, setzen sich durch mit der Behauptung, sie würden ‚unterwegs’ beten.

Dann verlassen wir das Haus mit seinen zwei Räumen. In der letzten Zeit wohnt meist nur noch der Vater darin, der eine Stelle als Vorbeter in der Moschee hat und etwa 5oo Afghani verdient, also 11 Euro. Der Rest der Familie wohnt in Kabul, dort haben sie noch ein Haus, vielleicht nur gemietet. Gegenüber der jetzigen Wohnung ist das alte Haus: sehr viel größer, aber kriegszerstört. Direkt neben dem Anwesen gibt es gar einen wunderschönen Teich. In der warmen Sonne hätte ich nicht übel Lust, mich direkt auszuziehen und hineinzuspringen. Ich glaube, alleine der Gedanke ist schon verboten.

Sadat erklärt, dass dieser Teich 7 Meter tief ist und 9 Meter im Durchmesser. Ein Bombentrichter der Russen, die hier besonders gehasst werden, weil sie sehr viel oder fast alles zerstört haben, im Bestreben, Hektmatyar von hier zu vertreiben. Und der konnte sich gut wehren, weil er Geld hatte. Viel Geld. 70% der geheimen US-Gelder gegen die Russen bekam er. Vor dem 1. Golfkrieg, danach mochten ihn die Amis nicht mehr, weil er sich auf Seiten von Saddam gestellt hatte.Alles alte Geschichten, aber hier ist er noch ein Held, der Schlächter Hektmatyar, der seinen Krieg nun aus den Bergen von Nuristan führen soll (sagt man), nördlich von Jallalabad, diesmal gegen die Amis. Und hier direkt vor meinen Füssen, ein Überbleibsel dieser alten Geschichten. Ein schöner Teich ist es geworden und die vielen Leichen noch lange nicht vergessen.

Nach und nach verabschieden sich Sadat, dann Alisardar und Said von uns. Wieder zurück zu gehen nach Mundul würde sich für sie nicht lohnen. Und ich beiße mir in die Unterlippe vor Wut, weil ich nur zwei Filme mitgenommen habe, als wir nun umkehren und ich die ganze Zeit dieses herrliche Panorama vor mir sehe, ohne später damit angeben zu können: Da bin ich gewesen! Auf halben Wege von zu Hause holt uns dann leider doch noch das Auto ab und bald bin ich wieder in meinem goldenen Käfig.

5. Februar

Hohe Herren: Neue Stände in Afghanistan

In der letzten Woche vor den Eid- Feiertagen kommen mich Said Machmat und sein Vorgesetzter Mir Rachim abends im Container besuchen. Irgendetwas führen sie im Schilde, denke ich, und ihr scheinbar harmloses Gespräch war deutlich vorher abgesprochen. Manchmal kann ich mir ein Grinsen nur mühsam verkneifen. So als Said Machmat mich einmal betont nebenbei, interessehalber, fragte, ob wir in Deutschland eigentlich kein Schwarzgeld hätten.

Nun entspannen sie vor meinen Ohren ein Gespräch darüber, ob es nicht sinnvoll sei, während des Workshops etwas zu bauen, was mensch auch den Geldgebern zeigen könne. Sozusagen als Arbeitsnachweis. Gemeinsam überlegten sie und kamen zu dem Schluss, dass ein Schrank vielleicht toll wäre.

Ob sie wohl den Schrank meinten, den Einnullah abends für Mir Rachim baut? Als ich ihnen dann einen Stuhl vorschlug zu bauen, war das Thema erst mal gegessen. Ob ich noch weitere Sorgen hätte? Und es wäre vielleicht gut, mich regelmäßig einmal die Woche mit Said Machmat zusammenzusetzen, dann könnte ich alles besprechen, was anstünde. Ich sollte wirklich mit allem zu Said Machmat zuerst gehen. (Das hatte mir der Finanzchef auch gesagt: Immer zuerst zu ihm selbst sollte ich kommen). Auch mit der Planung des Festes hätte ich zuerst zu Said Machmat gehen sollen. Ich meinte, ich hätte den von ihnen skizzierten Dienstweg eingehalten: Zuerst hätte ich Said Machmat's Stellvertreter gefragt, Ing. Mir Shah und dabei hätten sich Samea und Hermid angeboten.

Tags drauf wurde klar, warum sie gekommen waren: Peter Beckum und der noch recht junge, aber sehr Afghanistan-erfahrene Matthias, der Chef von Afghanistan, kamen auf den Hof gefahren. Da standen sie dann im Hof, umringt von Afghanen, schauten zu ihren Schuhen, spielten dort mit Steinchen und alles war ihnen nicht recht, vermuteten Schwarzgeld in jeder Ecke (ohne aber mal genau nachzurechnen), erklärten mir, dass sie die Auszahlung der vereinbarten drei Dollar pro Tag pro Auszubildenden gestoppt hätten, weil das zuviel Geld sei und auch die Essensrationen seien viel zu teuer und zu gut.

Ich war entsetzt: Die drei Dollar hatte ich Wochen zuvor mit Said Machmat abgesprochen und auch das Essen war gerade diese Woche nach zähem Ringen besser geworden. Nicht mehr nur Wassersuppe, nicht mehr sowenig, dass ich nachher noch hungrig war. (Said Machmat hatte mir vorgeschlagen, doch lieber mittags mit den Ingenieuren zu essen). Ähnlich war Matthias's Vorschlag: Dann sollte ich halt ein anderes Essen bekommen. Das sei nicht mein Problem, sagte ich, ich könne mich gut selbst verpflegen, wenn ich wolle. Es sei einfach schwierig, mit hungrigen Leuten zu arbeiten....

Nachdem sie gefahren waren, stand ich auf dem Hof, wie nach einem Überfall. Sie fahren in den großen Autos, bekommen mehr als das zehnfache Gehalt ihres afghanischen Gegenübers (selbst wenn der für Afghanistan gut bezahlt ist), leben in großen Häusern mit Dienstboten und Stromgenerator. Es ist fast wie die Sowjets, sage ich zu Said Machmat, der auch ganz erschlagen ist. Sie versuchen Afghanistan ihre Kultur aufzuzwingen. Diesmal nicht mit Waffen, diesmal mit Geld.

Plötzlich habe ich wieder die Seiten gewechselt und fühle mich selbst Said Machmat und Mir Rachim näher als diesen beiden. Ja, sagt Said Machmat, ich war gestern noch so stolz auf alles, was wir hier gemacht haben. Und sie haben nur Fehler und Versäumnisse gefunden. Ich muss noch viel darüber nachdenken: Wenn ich sage, ich möchte nicht, dass Said Machmat Geld unterschlägt, weil es das Geld der armen Leute von Hezarak ist, was bedeutet das? Sind nicht diese enormen Gehälter der weißen Herren auch das Geld der armen Leute von Hezarak? Nur dass es legal abgezweigt wurde? Sie waren so fremd da auf dem Hof von Mundul, diese beiden, fremd mit ihren Wertvorstellungen, ihrer Geschichte, ihrem Lebensstil. So wie ich ja auch. Und sie versuchen massiv einzugreifen, schaffen neue Regeln mit ihrer Macht zu entlassen und Gelder zu sperren. Was heißt das eigentlich, wenn Entwicklungshilfeorganisationen schreiben der Schwerpunkt ist Armutsbekämpfung? Okay, Armut ist einerseits etwas Absolutes: Wenn jemand verhungert, dann wir er zuvor offensichtlich arm. Armut ist aber auch etwas Relatives: Arme Deutsche wären mit demselben Lebensstandart in Afghanistan obere Mittelschicht. Armut entsteht auch aus dem Unterschied, aus dem, was als Muss, als Standart oder auch nur als Traum vorgelebt wird.

Eine der Witwen aus einem der uns vorgestellten Projekte während unserer Vorbereitungszeit, bekommt 10 Dollar im Monat, ich bekomme etwa 1200 Euro Grundgehalt pro Monat, freies Wohnen (möbliert), einen Mietzuschuss für Deutschland und die Sozialversicherungen bezahlt. Die überall im Stadtgebiet auffallenden großen 4-wheel-cars aus Dubai gehören immer irgendwelchen Hilfsorganisationen, wie dem Entwicklungsdienst. Diese Landrover werden nur noch von den Automonstern mit verdunkelten Scheiben der Geheimdienst -Herren übertroffen. Und das größte und renovierteste Haus im ganzen Viertel ist mein Gästehaus. Alleine lebe ich hier, zwei Häuser weiter leben etwa 12 Menschen in drei kleinen Räumen. Ehe mensch sich versieht, wird die Armutsbekämpfung zur Armutsgenese.

Und die Kabuler sehen tagtäglich mit eigenen Augen, wohin das versprochene Geld aus dem Westen geht. Und erzählen mir, dass unter den Taliban 24 Stunden Strom üblich war. Etliche Millionen Dollar Hilfsgelder später gibt es drei Stunden Strom, zweimal wöchentlich.

Als unsere Wächter von der deutschen Welthungerhilfe übernommen wurden, gab ihnen Gustav Raumann 5 Minuten Zeit, sich zu überlegen, ob sie auch für 100 anstelle 120 Euro arbeiten würden. Und an einem anderen Ort, der ihnen erst später genannt wurde. Später bekamen sie plötzlich 150 Euro, ohne zu wissen, warum.

Als unsere Ölofen in Taimani einer nach dem anderen den Geist oder besser die Folgschaft aufgeben (sie hatten deutlich noch ein Eigenleben, was sich z.B. in Öl- lachen ausdrückte) bat ich Gustav, doch gleich auch für die Wächter einen Ofen mit an zu schaffen. Auch jeglicher Logik widersprechend bekam ich zur Antwort: Die brauchen keinen Ofen, die sollen da nicht schlafen, sondern wach bleiben!

Als ein Journalist im Gästehaus für zwei Wochen als Mitbewohner auftauchte, brachte er einen Fahrer mit, der auch hier schlief. Völlig selbstverständlich, dem Standesunterschied gerecht werdend, schlief der Fahrer aber nicht in einem der fünf leerstehenden Gästezimmer, sondern in dem 3,5 x 3 Meter großen Raum mit den (nachts) zwei Wächtern. Die erfuhren davon mit dem Eintreffen des Fahrers.

4. Februar

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