Die Tage hatte ich in Hezarak wieder eine dieser Begegnungen unter dem Motto: ‚Wir lernen eine fremde Kultur kennen.’ Said Machmat fragte mich zu allem Überfluss am Donnerstag: „Und, was hast Du diese Woche wieder über unsere Kultur gelernt?“ Ich konnte den Eindruck nicht loswerden, dass er sich lustig machen wollte über mich. Das Thema war die verschiedenen Strategie, um andere Menschen dazu zu bringen, etwas für einen zu tun. Ich bin gewohnt, um etwas zu bitten und wenn ich ein ‚Ja’ höre, kümmere ich mich nicht mehr intensiv darum, weil ich erwarte, dass es dann gemacht wird. Hier ist es oft so, dass ich ein ‚Ja’ geantwortet bekomme, aber es passiert nichts. Wenn ich es dringend brauche, muss ich den Leuten solange auf die Nerven gehen, bis es gelöst ist. “Ich mache es morgen” heißt nicht allzu oft lediglich: “Jetzt nicht!” (das gibt es natürlich auch in Deutschland, aber nicht so regelmäßig).
Deshalb ist es auch andersherum manchmal so, dass ich irgendetwas gefragt werde, ‚Ja’ sage und dann aber noch ständig damit genervt werde. Einer der Fahrer fragte mich nach einem Befestigungsbrett für seinen Fleischwolf. Als ich ihm den Preis für das Holz sagte, wurde er erst mal bleich, sagte dann aber: Okay. Ich erklärte ihm, dass ich es von den Lehrlingen bauen lassen würde, wenn es zeitlich passt. Nein, meinte er, ich solle das bauen. Und als ich sichtlich nicht begeistert von der Idee war, schob er noch nach, dass ihn das Brett immer an mich erinnern würde. Ich sagte ihm, gut, dann kann ich aber nichts versprechen, ich will sehen, wann ich Zeit dazu finde. Während des Tages habe ich mit den Lehrlingen zu tun.
In den nächsten 24 Stunden sprach er mich auf dieses Brett etwa dreimal an, zum Schluss war ich so abgenervt, dass ich demonstrativ das Thema wechselte. Beim vierten Mal, als ich versuchte, noch deutlicher darauf hinzuweisen, dass ich danach nicht mehr weiter gefragt werden will, wurde auch er ausführlicher. Ich hätte auch an meinem Container oft noch bis spät in die Nacht gearbeitet, da wäre es doch wohl kein Problem, jetzt auch die paar Minuten für ihn zu arbeiten.
Das war einfach zuviel für mich. Ich habe Hermid gefragt, um mir zu übersetzen und habe an Ort und Stelle einen wütenden Vortrag gehalten. Ich würde mir verbeten, von irgendjemanden Vorschriften gemacht zu bekommen, was ich in meiner freien Zeit zu tun hätte. Das war vor allen Wächtern und Köchen, aber er hatte mir seine Forderungen ja auch vor allen vorgetragen.
Hermid, der Ingenieur, hatte brav übersetzt, der Fahrer, Khaled, war wieder bleich geworden, hatte ‘Entschuldigung’ gemurmelt und ich war mir überhaupt nicht klar, was dieser Wutanfall für Folgen haben könnte. Es war einfach meine Grenze gewesen und irgendetwas hatte mich veranlasst sie für alle sichtbar sehr deutlich zu ziehen. Auf meine etwas unsichere Rückfrage später bei Hermid, ob ich arg doof gewesen sei, meinte er nur: „Na ja, so etwas ist halt einfach menschlich.“
Ein anderes Mal hatte ich in der Werkstatt eine besonders schwierige Schreinerverbindung gebaut, als Beispiel für meine Lehrlinge. Es hatte etwas länger gedauert, bis nach Arbeitszeitende, einige meiner Leute spielten Volleyball mit den Mitarbeitern. Irgendwie war ich total stolz auf mich und meine Verbindung, konnte mich sogar darauf setzen, wie auf einen einbeinigen Hocker. Deshalb zeigte ich sie allen Leuten (die das nicht soo sehr interessierte) und setzte mich dann darauf, um dem Spiel zuzusehen und meine gelungene Arbeit zu genießen. Mein Stolz reizte den Fahrer Aschmat: Von hinten kam er angerannt und schlug mit einem Fußtritt meine Sitzgelegenheit weg.
Muss wohl sehr komisch ausgesehen haben, der Moment, als mein Stuhl schon weg war, aber die Schwerkraft noch nicht so richtig losgelegt hatte. Besonders mein Gesicht. Ich selber habe mich spontan sehr einsam gefühlt, vor allem, als alle zuerst lachten. Ich hatte mir dabei den Finger gequetscht und war in Sorge, dass meine Arbeit von einem halben Tag vielleicht kaputt wäre. Vor allem war ich wieder richtig wütend.
“Chub na bud!” (das war nicht gut!) rufend, zog ich schmollend von dannen. Soweit noch nicht besonders Afghanistan-spezifisch, auch nicht so besonders spannend. Am nächsten Morgen (Aschmat hatte sich mehrfach ehrlich bei mir entschuldigt) hielt mir einer der Lehrlinge eine Rede: Sie hätten sich alle über den Vorfall gestern unterhalten und würden sich sehr schämen. Einer, von dem ich das nicht erwartet hätte, meinte gar: „Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen.“
Sie baten mich um Entschuldigung, dass sie ihn nicht an dieser schmählichen Tat gehindert hätten Sie hätten einfach zu spät erkannt, was er vor hatte. Nun wollten sie, meine Erlaubnis vorausgesetzt, einen Brief an Mir Rachim schreiben, mit der Bitte, den Fahrer dafür zu bestrafen, dass er ihren geschätzten Lehrer derart misshandelt hat. Ich war ja völlig gerührt, erklärte aber sofort, dass sich Aschmat mehrfach glaubwürdig bei mir entschuldigt und ich die ganze Sache schon vergessen hätte.
Um die Wichtigkeit von Werkzeugen für einen Schreiner zu unterstreichen, mache ich jedes Mal einen kleineren Aufstand, wenn einer meiner Leute sein Werkzeug trotz Suchens nicht finden kann. Ich fordere alle auf, mit dem Arbeiten aufzuhören, in ihren Werkzeugkisten zu gucken und das verschwundene Werkzeug zu ihrem Problem zu machen. Das ist bisher immer erfolgreich gewesen. Nur einmal war es peinlich für mich, denn das Gesuchte fand sich an meinem Arbeitsplatz und ich hatte es auch wirklich genommen und vergessen.
In den Monaten vor meiner Ankunft in Hezarak hatte NGE ja schon einmal im Auftrag von UNHCR Fenster und Türen gebaut und dafür Werkzeuge verteilt. Aber einige der Werkzeuge waren ‘gum schud’, also irgendwie verloren gegangen und es gab die wildesten Gerüchte, wer die alles geklaut haben könnte.
Ich wollte einmal erreichen, dass die von mir über den Entwicklungsdienst beschafften Werkzeuge gewertschätzt und pfleglich behandelt würden und zum anderen auch das gegenseitige Misstrauen minimieren. “Ich bin sicher, dass hier niemand etwas klaut” habe ich immer wieder gesagt und versucht, damit auch Normen aufzufrischen (die muslimische Kultur scheint mir von sich aus schon sehr empfindlich gegen Eigentumsverletzungen).
Generell ist für mich das Schwierigste, immer wieder Entscheidungen treffen zu müssen, aber den kulturellen Hintergrund nicht so sicher zu kennen. Meine Gesprächspartner machen zwar oft in ihrer Frage klar, was mit Sicherheit die richtige Entscheidung sei, aber das ist eher eine Erschwernis. Selbst die Ingenieure, von denen ich ja gerne eine Hilfestellung hätte, fragen mich oft: “Now, whats your decision?” und zwar nicht als Beitrag zur Diskussion, sondern als letztes Wort. Und auch nicht in einer halben Stunde, sondern jetzt!
Auf der anderen Seite werden selbst unverständliche Entscheidungen von mir aber erst mal hingenommen. Einmal musste ich richtig lachen: Ich hatte allen wieder Obst mitgebracht und wusste aber nicht, ob die Äpfel auch schmecken. Die sind trotz gleichem Aussehens manchmal sehr unterschiedlich im Geschmack. Ich machte also irgendeine halb entschuldigende Bemerkung in die Richtung, dass niemand den Apfel essen solle, wenn er nicht schmeckt. Machmad, der fast so alt ist, wie ich, der Älteste meiner Gruppe und mit würdigem Rauschbart, meinte daraufhin: “Wir essen alles, was Sie uns bringen.”
Es ist, wie Mir Rachim mir in einem Gespräch gesagt hat: Sie sind alle Kinder des Krieges und nach kurzem Zögern hinzusetzte: Wir sind alle Kinder des Krieges.Und tatsächlich: Auch die Ingenieure essen dankbar die Bonbons, die ich mitbringe und auch an sie verteile. Anfangs glaubte ich, dass ich solcherlei Almosengehabe besser ihnen gegenüber unterlasse. Bonbons. Aber sie essen sie gerne und ich soll sie auch verteilen, weil sonst der, der sie vor sich stehen hat, alle alleine isst.
15. März
Als ich diese Woche einen Tag später in Hezarak eintraf, kam ich genau in ein heftiges Streitgespräch zwischen einem meiner Lehrlinge und einem graubärtigen, älteren Herren. Ich ließ mir übersetzen, dass Nazim, der Lehrling, sich weigerte (getreu unseren Absprachen) für diesen Herren während der Arbeitszeit nebenher einen Fensterflügel zu bauen. Der ältere Herr wiederum hatte Ingenieur Mir Shah 350 Afghani gegeben und erwartete dafür jetzt auch ein Fenster. Der Fensterrahmen für den Flügel, den Nazim bauen sollte, war übrigens ein Rahmen aus dem Schulneubau. Das stellte ich fest, als nachmittags ein Verantwortlicher aus der Schule kam, der diesen Rahmen für sich beanspruchte.
Ich bat den älteren Herren zuerst aus meiner Werkstatt. Dann erklärte ich ihm, dass ich darüber entscheiden würde, was Nazim während der Arbeitszeit baut und dass er deswegen nicht mit Nazim streiten solle. Darauf ließ ich mir von Nazim erklären, dass er sich Said Machmat und Mir Shah gegenüber bereit erklärt hätte, nach der Arbeitszeit diesen Flügel zu bauen.
Der ältere Herr kam allerdings von einem Ort etwa 2,5 Stunden Fußweg weit entfernt und wollte das Fenster natürlich gerne jetzt mitnehmen und nicht noch einmal wieder kommen. Ich entschloss mich, darüber (vor allem auch, wo jetzt die 350 Afghani sind) mit Mir Shah zu reden und fragte Nazim (ohne dem Beisein des älteren Herren, der uns erst neugierig folgen wollte), ob er diesen Flügel bauen wolle oder nicht. Als er meinte: „Mit Ihrer Erlaubnis baue ich das gerne“, ließ ich ihn den Flügel auch während der Arbeitzeit bauen. Irgendwann erwischte ich den guten Herren dabei, wie er sich wieder mit Nazim zankte, diesmal meinte er, Nazim solle schneller arbeiten.
So energisch, dass Sadat es erst nicht übersetzen wollte, erklärte ich, dass Nazim mein bester Lehrling sei und so schnell arbeiten würde, wie er könne. Und dass ich nicht mehr wolle, dass er weiter mit ihm spricht. Nazim war etwas krank und ich hatte wegen dieser ganzen Geschichte ein sehr blödes Gefühl ihm gegenüber. Ich wusste nicht, ob er richtig verstanden hatte, dass ich dem Herren ohne Weiteres gesagt hätte, dass ich es verbiete, dass er, Nazim, das Fenster baut, wenn er nicht gewollt hätte. Und ich wusste nicht, ob er jetzt denkt, dass ich an diesem System der illegalen Beschaffung und Unterschlagung teilhabe. Irgendetwas beunruhigte mich an ihm.
Gegen Nachmittag zog der alte Herr los, zu Fuß mit dem großen Fenster auf dem Rücken, durch die karge Lehm- und Steinwüste. Am nächsten Tag war Nazim nicht da. Einige meinten, er sei krank. Vormittags kam sein Bruder und fragte, ob Nazim bei uns sei. Als er wieder weg war, meinten einige Lehrlinge, Nazim habe öfter davon gesprochen, dass er nach Pakistan wolle, wenn er den nächsten Lohn bekäme (den hatte ich den Tag zuvor ausgezahlt). Und dann hieß es, er sei im Gefängnis vom Wuluswal (dem Distriktfürsten), also in unmittelbarer Nachbarschaft.
Als Said, einer der Lehrlinge, mich fragte, ob er vielleicht Nazim besuchen dürfe, fühlte ich mich selbst gefordert. Ich bin zu Mir Wais, dem ‚Community Mobilizer’ (was auch immer das ist) und fragte, ob er mit mir Nazim besuchen könne. Der war wenig begeistert. Zum Glück stand Samea dabei, der mir zur Hilfe eilte. Am späten Nachmittag fuhren wir also zu viert zum Wuluswal. Der residiert auf einem mit Stacheldraht umzäunten Gelände inmitten einer Ansammlung von Containern, einem längerem Lehmbau und einer Ruine, im Hof eine Wasserpumpe.
Manchmal habe ich dort schon etwa 20 Soldaten exerzieren gesehen, in dieser dunkelgrün/grauen Uniform. Jetzt sind dort nur ein Haufen Männer in der Afghanentracht, immer wieder kommen Neue dazu.
Samea und Mir Wais reden mit ihnen, alle sind freundlich, aber es passiert nichts, mir übersetzt auch keiner. Die Begrüßung ist übrigens gewöhnungsbedürftig: Mit der einen Hand ziehen sie mich zu sich heran, als wollten sie mich umarmen, mit der anderen Hand stoßen sie mich recht unsanft plötzlich wieder ab. Wahrscheinlich im Krieg gelernt.
Nach einer Weile kommt der Wuluswal aus einer der Türen und in seinem Gefolge auch Nazim. Ich bin total erleichtert, ihn unversehrt zu sehen. Zuerst gibt es ein längeres Palaver mit dem Distrikt-Herren und Samea sagt irgendwann zu mir: “Jetzt musst Du etwas sagen!“ Auch nicht so einfach, wenn ich vorher gar nichts verstanden habe. Samea erklärt mir deshalb, Nazim hätte nachts die Soldaten-Polizisten mit einer Taschenlampe angeleuchtet und Blinkzeichen gegeben. Da hätten sie ihn mitgenommen und wollten ihn eigentlich fünf Tage einsperren. Aber weil ich gekommen wäre und auch seine Verwandten eine Garantie für ihn gegeben hätten, könne er jetzt gehen. Ich bedanke mich artig, aber viel mehr fällt mir auch nicht ein.
Ein Teil der Herren zieht ab, es sind Nazims Verwandten. Er selbst bleibt noch bei uns stehen, in meiner Nähe, aber als wir dann auch gehen, schließt er sich seinen Verwandten an. Samea erklärt mir, dass sie den Wuluswal samt Begleiter zum Abendessen eingeladen haben. Sozusagen als Bezahlung seiner freundlichen Entscheidung.
Spät abends kommen sie dann auch. Vier Herren mit schwarzgefärbten Bart, etwa in meinem Alter, alle für afghanische Verhältnisse eher etwas rundlich. Angezogen mit der Afghanentracht, darüber die Decke (die wird halb über die Schulter gelegt, halb um den Leib geschlungen) und auf dem Kopf haben sie alle die braune Mujaheddin- Mütze: Oben eine flache Scheibe, darunter Mützenstoff zu einem Kreis aufgerollt. Sitzen im Schneidersitz auf den Ehrenplätzen gegenüber der Tür und später, nach dem Essen (das natürlich mit der Hand gegessen und mit vielerlei Geräuschen begleitet wird) lümmeln sie sich gegen die zahlreichen Decken und Kissen. Sie wollen auch gar nicht mehr gehen, sondern erzählen sehr viel.
Hermid ist später aufgebracht: „Die haben sich damit gebrüstet, dass sie Hazara misshandelt haben (die Anhänger Sayyaf’s haben sich besonders mit den Hazara bekriegt), wie sie Menschen erschossen haben, sind über die Kabuler Frauen (meine Frau!) hergezogen, sie seien alle ‚sexuell’ (was auch immer das heißen mag).“ Samea widerspricht ihm: Sie hätten nicht damit geprahlt, Hazara misshandelt zu haben. Der Wuluswal hätte erzählt, als er einmal im Lazarett gewesen sei, hätte ein ebenfalls verwundeter Paschtune erzählt, er sei von Hazara angefallen worden. Aber Hermid hat es anders gehört.
Als ich ins Bett gehen will, entdecke ich gerade einen der Wächter, wie er mit der Taschenlampe in unser Klassenzimmer leuchtet. „Nazim schläft dort“, meint er. Oh je, denke ich. Ich gehe wieder zurück zu den Ingenieuren und berichte davon. Erst ist die einhellige Meinung, dass er sofort den Hof verlassen muss. Irgendetwas stimmt mit ihm nicht, wer weiß, was er nachts anstellt.
Ich gebe zu Bedenken, dass er, falls er wirklich psychisch krank ist, sicher nicht nach Hause gehen wird. Vielleicht wird er dort geschlagen? Und dann hat er nur drei Möglichkeiten: Draußen schlafen, wieder Ärger mit der Polizei oder er lebt morgen nicht mehr. Wir beschließen, dass er bei den Wächtern schlafen soll, die sowieso Wache halten müssen. Dass ich morgen allen Lehrlingen verbiete, nach 19.00 Uhr noch auf dem Gelände zu sein, andernfalls fristlose Kündigung. Morgens erzählt Nazim mir, dass er bei einem Freund war, der bald heiratet. Nachts ist er zum Pissen rausgegangen und da wären zwei Autos gekommen. Weil er dachte, dass die auch zu seinem Freund wollten, habe er ihnen mit der Taschenlampe Blinkzeichen gegeben. Aber es waren leider Polizeiautos gewesen. Er habe sie eingeladen, mit zu feiern, weil er die meisten auch kannte, aber leider wären Neue dabei gewesen, Freunde des ebenfalls neuen Wuluswal. Die hätten darauf bestanden, ihn einzusperren, in einen kalten Container. Nach einer halben Stunde hätten seine Bekannten ihn aber in die Wachstube geholt.
Er war schon einmal eine Woche eingesperrt gewesen, weil er Mädchen beim Wasserholen über eine Mauer beobachtet hatte. Später höre ich, dass er in eines dieser Mädchen verliebt ist und diese Liebe auch erwidert würde. Der Vater des Mädchen will ihn aber nicht, und wird seine Tochter an jemanden anderen verheiraten.
11. März
Heute bin ich einfach nicht nach Hezarak gefahren, sondern den Leuten in der Office so lange auf den Zeiger gegangen, bis alles zu meiner Zufriedenheit gelöst war. Nach all diesen kleinen Widrigkeiten mit dem Ofen habe ich mich entschlossen, mich selbst darum zu kümmern. Mein Ansprechpartner Said Machmat meinte zwar, er habe einen Ofen für mich und das sei überhaupt kein Problem und am Samstag, wenn ich immer nach Hezarak fahre, könne er einfach mitgenommen werden. Ich habe mich nicht davon irritieren lassen und sie sind am Samstag natürlich ohne Ofen und ohne mich nach Hezarak gefahren.
Was mich allerdings doch immer noch beeindruckt, ist die absolute Gewissheit, mit der immer wieder alles Mögliche behauptet wird. Selbst, wenn es sich unmittelbar als falsch belegen lässt, zum Beispiel durch bloßen Augenschein. Mir wäre das einfach peinlich. Außerdem wollte ich nicht nur einen Ofen bezahlt bekommen (besorgt habe ich ihn dann selbst), sondern auch endlich den Vertrag von Einnullah, meinem afghanischen Co-Teacher geschrieben sehen und ihm Geld nach Hezarak mitnehmen.
Dazu noch wollte ich den Monatslohn von meinen Lehrlingen und nachfragen, warum diverse Kleinigkeiten, die ich schon sechs Wochen vorher beantragt hatte, immer noch nicht in Hezarak angekommen sind. Zum Beispiel sechs Plastik Kannen für je 15 Afghani (30 Cent), damit meine Leute schneller sind mit ihren rituellen Waschungen nach dem Mittagessen. Bis jetzt benutzen sie gemeinsam zwei oder drei dieser Kannen und sind manchmal bis zu einer Stunde damit zugange, nacheinander halt. Ich bin mir zwar sicher, dass sie nicht ganz so religiös sind, wenn sie nicht nach Zeit, sondern nach Stückzahlen bezahlt werden, kann als Ungläubiger aber schlecht irgendetwas dazu sagen. Und Geld für mich, dass ich vorgelegt hatte, wollte ich auch.
Und zu meinem Erstaunen ging alles. Ich bekam sogar Geld, dass ich erst Ende der Woche brauche, für meine Exkursion mit den Lehrlingen nach Kabul. Dass hatte ich gar nicht erwartet. Schwierig war trotzdem fast jeder einzelne Punkt. Vor allem der Vertrag von Einnullah. Mir Rachim , der afghanische Chef Kabul meinte erst, sie hätten keine Vertragsvorlage. Zum Glück hatte ich eine, sogar schon ausgefüllt. Dann meinte er, Einnullah könne nicht unterschreiben, weil er nicht da wäre. Immer mit dem Hinweis, wir machen das besser am Donnerstag. Und ich dann immer die gleiche Antwort: Dass wir Donnerstags immer zu spät kommen. Dann hat das Meeting schon angefangen und wenn es zu Ende ist, dann ist Einnullah auch schon längst gefahren, um den letzten Bus in die Nachbarprovinz Logar zu bekommen, wo er wohnt.
Ich bin also zu dem Ort gefahren, wo Einnullah gemeinsam mit den Köchen und meinem Übersetzer auf das NGE- Auto nach Hezarak wartete, habe Einnullah unterschreiben lassen und bin wieder zurück zum NGE- Büro.
Dann meinte Mir Rachim , es wäre besser, das Geld erst am Donnerstag zu holen, wegen der Sicherheit, die in Hezarak nicht gewährleistet sei. Fast hätte ich mich überzeugen lassen, bis mir einfiel, dass auch das schwierig sein wird. Das Geld wird einfach nicht da sein und keiner am Donnerstag Nachmittag Zeit haben, noch welches zu holen.
Es war ein Fight besonderer Art: Mir Rachim ist wohl in Sorge, dass der Schrank, den er Einnullah beauftragt hat nebenbei für ihn zu bauen, nicht fertig werden könnte, sobald Einnullah seinen Vertrag und Geld hat. Ich glaube nicht, dass er ihm Arbeitslohn zahlen will. Es soll wohl eine Gegenleistung sein dafür, dass er Einnullah diesen Job mit mir verschafft hat. Und ich will, dass Einnullah endlich seinen Lohn bekommt und mit diesem blöden Schrank nicht mehr so unter Druck steht. Letzte Woche konnte ich ihn nur noch mit Mühe davon abhalten, daran während der Arbeitszeit zu bauen. Ich war ziemlich abgenervt, weil damit auch klar wurde, dass er als Lehrer eher nicht zu empfehlen ist: Er wird ein Haufen Zeug nebenher machen, wenn ich nicht mehr da bin. Der arme Kerl kann nicht nein sagen.
Was dann wieder erstaunlich leicht ging, war den Ofen, den ich zuvor schon ausgesucht hatte, abzuholen. Ich wollte nicht wieder ein Taxi aus der eigenen Tasche bezahlen, wie schon zweimal an diesem Tag und war zu müde zum Laufen, wie auch schon zweimal an diesem Tag. Ich habe einen der NGE- Fahrer gefragt und der hat mich einfach gefahren, ohne Rücksprache auf drei Ebenen der Hierarchie. Ich war begeistert.
Er ist sogar noch mit mir zu dem Geldwechsler-Basar und hat mit mir die 100-Dollarnoten in kleine Scheine getauscht, so dass ich jedem Lehrling auch wirklich exakt seinen Lohn auszahlen kann. Und der Geldwechsler wollte kein Geld dafür extra.
Vormittags war ich mit Sadat unterwegs, der wieder eher unwillig war. Vor allem, dass ich soviel zu Fuß laufe und nicht jedes Mal ein Taxi nehme, ist wohl ziemlich blöde. Der Arme muss dann ja alles mitmachen. Könnte natürlich auch selber mal ein Taxi bezahlen. Aber wir sind dann in die Innenstadt und ich habe mit ihm zusammen bei einem dieser fliegenden Händler eine Jacke mit vielen Taschen für ihn gekauft, aus Leder. Aus gutem Grund habe ich ihm vorher den Preis gesagt, den ich bereit bin zu zahlen.
Ich glaube, er war ganz glücklich damit. Er hatte Wochen zuvor die Bemerkung gemacht, dass er meine Jacke ganz toll fände und ich glaube von seinem Lohn hat er nicht ganz so viel, sondern vor allem seine Großfamilie profitiert davon. Da sind Sachleistungen doch was Direkteres.
9.März
Irgendwann hatte Arnold, mein Kollege vom Entwicklungsdienst, der auch bei der Entwicklungshilfe arbeitet, die Nase voll. Er ist übrigens derjenige, von dem ich am meisten Unterstützung bekomme, konstruktiv, konkret, verlässlich. Das ist sehr angenehm in diesem Land. Wie gesagt, er wollte nicht mehr ständig nur Anrufe wegen diesem oder jenem bekommen, sondern die finanziellen Absprachen besser und möglichst abschließend klären. Dafür hatte er ein Treffen anberaumt. Zum Beispiel sollte auch über den Vertrag von Einnullah geredet werden.
In der Zusammenarbeit verschiedener Hilfsorganisationen passiert es immer wieder, dass jede meint, die anderen sollten froh sein, dass die eigene Organisation überhaupt etwas tut oder bezahlt. Der Entwicklungsdienst meint z.B., dass es doch toll ist, dass sie einen deutschen Facharbeiter plus Übersetzer stellen. Ein Geschenk sozusagen. ZIM gibt Geld für meinen Workshop und erwartet von NGE, dass sie die Infrastruktur stellen. Das Geld (übrigens in der Tat sehr viel) ist ebenfalls ein Geschenk.
Und NGE erwartet von ZIM und Entwicklungsdienst, dass sie den kompletten Workshop finanzieren, samt allen Nebenkosten. Sie haben im Grunde kein eigenes Geld und empfinden sich nur als ausführendes Organ. Alle wollen sie aber den Workshop für sich vermarkten und alle empfinden sich als Geber für andere Leute. Das waren die Vorzeichen für unser Gespräch. Karl Anders kam nicht, hatte auch nicht abgesagt. Also waren wir zu viert.
Said Machmat legte einen Finanzplan für die bereitgestellten 11.500,- Dollar vor, den allerdings ich geschrieben hatte und der nur ein Entwurf sein sollte. Ursprünglich wollte ich mir damit nur selbst einen Überblick verschaffen und anhand dieses Planes Mir Rachim fragen, wieso er meint, für die Bezahlung der Lehrlinge für die Arbeit an dem Container sei kein Geld da.
Ich hatte auch in einer überarbeiteten Fassung nicht die ganzen 11.500 Dollar erreicht, deshalb hatte Said Machmat noch die Kosten für einen Wächter und einen der Köche mit auf die Liste gesetzt. Für Einnullah, meinen Co-Teacher waren ebenfalls 265,- Dollar für 4 Monate angesetzt, ebenso für die Bezahlung der Lehrlingsarbeit an dem Container. Ich hatte sogar Kosten für meinen Transport von Kabul nach Hezarak eingeplant und Geld für das Büro von NGE, alles nicht zu knapp.
Dieser Plan lag also auf dem Tisch. Mir Rachim und Said Machmat hatten noch einige Bitten: Ob ZIM vielleicht zusätzlich den Co-Teacher bezahlen könne. Und vielleicht den Koch. Und dann fragten sie, ob ZIM, wie einmal abgesprochen, die Kosten für zwei Klassenräume für mich bezahlen könnten. Die wären doch frühestens fertig, wenn ich gehe, meinte Arnold.
Ja, es hätte halt Schwierigkeiten mit dem Besitzer des Hofes gegeben. Und in dem neuen Vertrag mit dem Besitzer würde jetzt drin stehen, dass sie zwei Klassenräume bauen. Deshalb bräuchten sie das Geld. Ich dachte, na ja, von den 11 500,- Dollar werden soviel übrig bleiben, die können sie doch dann gut nehmen für die Klassenräume. So teuer sind die schließlich nicht, vielleicht 200,- $ pro Raum, vielleicht auch 400. Deshalb fragte ich, nachdem Arnold schon mehr oder weniger erstaunt abgelehnt hatte, um welche Summe es sich denn handeln würde. 6000,- Dollar meinte Said Machmat, es sollten zwei richtig gute Räume werden, aus Beton. Der ganze Hof ist aus ungebranntem Lehm, mein jetziger Unterrichtsraum ein Loch, die Werkstatt die meiste Zeit ohne Ofen, nur mit Plastik abgetrennt und jetzt, wo es warm wird und ich nicht mehr da, brauchen sie Geld für zwei richtig gute Räume.
Ohne zu sagen wofür, warum, wozu. „Die Ausbildung soll fortgesetzt werden“, sagt Said Machmat. Mit wem? Welchen Lehrlingen, welchem Lehrer, welchen Ausbildungsinhalten? Tatsache ist eigentlich nur, dass ich dann nicht mehr da bin, um die Verwendung der Gelder zu überprüfen.
Ich fragte auch, was mit den Fenstern geschehen soll, die jetzt im Rahmen des Workshops gebaut worden sind. Die wolle er aufheben, als gutes Beispiel für die demnächst wieder anlaufende Produktion von Fenstern und Türen, ein halbes Jahr oder besser ein Jahr. Achtzehn Türen, dreißig Fenster. ‚Warum sagt er nicht gleich, er will ein Haus bauen?’, dachte ich.
Mir Rachim war sehr verärgert, als er ging. Er hatte nichts von dem bekommen, was er wollte. Obwohl ich dabei war und ihm -als gutem Freund- hätte helfen können. Das irre daran ist, dass sie wirklich nicht verstehen, warum ZIM all das nicht zahlen will. Hochintelligent, gut ausgebildet, aber eine ganz andere Kultur.
In der darauf folgenden Woche sitze ich mit Said Machmat bis spät in der Nacht zusammen und wir reden lange über dieses Gespräch. Ich versuche sehr vorsichtig zu sein und erkläre zuerst, dass ich von all diesen Dingen sicherlich weniger Ahnung habe, als er. Schließlich ist es das erste Mal, dass ich im Ausland arbeite. Er ist aber ganz offen und bittet mich um meine Meinung.
So versuche ich ihm zu erklären, dass er die Arbeit von NGE wie ein Produkt anbieten müsse, wenn er Geld wolle. Wenn er in einen Laden kommen würde und der Verkäufer bittet ihn freundlich um 1000 Afghani ohne zu sagen wofür, würde er vielleicht auch nichts bezahlen wollen. Es müsse für ZIM zum Beispiel klar werden, warum diese zwei Klassenräume, die NGE bauen will, genau in ihr Programm passen. Dafür ist es auch wichtig zu wissen, in welchem Rahmen Geldgeber arbeiten, um sich auf sie einstellen zu können.
Warum denn die Klassenräume so teuer gebaut werden sollten, frage ich ihn. „Na ja“, meint er, „das war sozusagen unser erstes Angebot. Wir dachten, dass wir über die Summe dann noch verhandeln können.“ Dass er die Fenster und Türen, die in meinem Workshop gebaut wurden, aufheben wolle als gutes Beispiel, habe er jedem gesagt. Auf diese Fenster und Türen seien ganz viele Leute scharf. Er wolle aber genau gucken, wer wirklich bedürftig sei und bis dahin bekommen alle diese Erklärung zu hören.
Sie hätten auch nicht den Lohn für Einnullah und den Koch zweimal gewollt. Schön war, dass er mir glaubhaft versichern konnte, dass er zwar schon sehr lange mit ausländischen Organisationen zusammenarbeitet, aber sich bisher noch nie mit einem Europäer so verständigen konnte und so ernst genommen gefühlt hat, wie mit mir.
Ich bin auch wegen mir froh, mit ihm geredet zu haben. Es gibt eine Entwicklungsdienst-interne Untersuchung, dass die Mehrzahl der Entwicklungshelfer mit mehr rassistischem Gedankengut als vor ihrer Abfahrt von ihrem Auslandseinsatz wieder zurück kommen. Im Grunde ist das natürlich ein weit verbreitetes Phänomen. Auslandsdeutsche sind oft besonders deutsch und besonders stolz auf ihre Kultur.
Ich glaube, in der Konfrontation mit der fremden Kultur erlebe ich zuerst, dass mein Gegenüber meine Werte nicht akzeptiert oder lebt. Für mich sind meine Werte aber eine Grundlage für mein Denken, für meine Bewertungen, für meine Vorstellungen von gut und böse. „Das sind doch alles Halunken“, dieser Gedanke ist dann die logische Folge.
Zumindest eben, solange ich nicht die Werte und Normen kennen- und verstehen gelernt habe, die an die Stelle dessen treten, was ich im fremden Land verloren glaube. Würde Said Machmat nicht seine Position auch nutzen, für Verwandte und Bekannte zu sorgen, er könnte sich in dem Gebiet von Hezarak nicht mehr sehen lassen. Würde er doch grundlegende Traditionen des gegenseitigen Versorgens brechen und allen zeigen, dass er an einer Freundschaft kein Interesse hat.
Inzwischen habe ich ähnliche Erlebnisse schon oft gemacht. Das fängt an mit dem alten Khalid, der ein steifes Bein hat und dessen hauptsächliche Arbeit für NGE daraus besteht, die vorgeschriebenen Gebetszeiten ausgiebig einzuhalten und ein Verwandter von Mir Rachim zu sein. Stolz hatte er mir einmal erzählt, dass er auf die Frage, was er denn eigentlich genau bei NGE tun möchte, nur geantwortet hat: Geld verdienen. „Ist doch wahr“, hatte er gesagt: “ich habe so viele Kinder, ich bin hier, um Geld zu verdienen.“
Dieser Khalid also hatte mich gebeten, einen kleinen Hocker für ihn zu bauen, weil er hier auf dem Gelände immer so Schwierigkeiten hat beim Beten wegen des Beines. Wie für alle, sagte ich ihm, müsse er aber das Holz bezahlen, 40 Afghani, also etwa 90 Cent. Weil er und die übrigen, die um mich herum standen, wie bei solchen Gelegenheiten so entsetzt und traurig guckten, meinte ich: „Okay, I will pay this money. It’s a gift from me”. Am Wochenende sah ich ihn, wie er diesen Hocker einpackte und mit nach Hause nahm. Die Woche darauf wollte er noch einen gebaut haben. Diesmal guckte ich sehr traurig, und er ließ von diesem Verlangen mir gegenüber ab. Als ich einen Tag mal nicht mit auf dem Gelände war, war dieses Bänkchen auch schon gebaut. Steht jetzt im Baderaum, keinem ist’s aufgefallen, keiner hat’s gebaut (er selbst bestimmt nicht).
Mr. Khalid hatte noch eine andere Idee: Ob ich für seinen Sohn nicht aus Deutschland eine Fußprothese zuschicken lassen könnte, die Deutschen seien so gut. Ich habe eher gar nichts darauf geantwortet. Samea wusste zum Glück, wie viel die ungefähr kostet (Khalid sicher auch) und rechneten das für die anderen aus.
Samea, der das von Khalid sehr unhöflich fand, hatte mich zwei Wochen zuvor auf Hühnerfarmen angesprochen. Sie würden im Gebiet von Hezarak Hühnerfarmen fördern, das sei eine gute Möglichkeit für arme Leute. Ich könnte gerne mal mitkommen, mir so einen Hof ansehen. Ob es für den Entwicklungsdienst oder für ZIM eine Möglichkeit gäbe, das zu fördern? Ich bin also zu ZIM und sie haben tatsächlich ein Kleinkreditprogramme für solche Fälle, aber eigentlich nur für Kabul. „Mal sehen“, meinte der zuständige Afghane, „vielleicht ist dafür eine Ausnahme möglich.“ Und gab mir ein Antragsformular mit. Als ich mit diesem Formular zu NGE kam, wollten gleich drei Leute einen Antrag stellen. Ob ich nicht noch mehr Formulare besorgen könne? Ich bat sie, das eine Formular doch bitte zu kopieren. (Das machten sie dann auch, aber ZIM akzeptierte nur das Original).
Kaum hatte Samea das Formular, erklärte er mir ganz offen, dass er sich freue, für einen seiner Söhne nun eine Möglichkeit zu haben. In diesen schwierigen Zeiten wäre es immer gut, wenn man möglichst viele Einnahmequellen hat. Als er mein entsetztes Gesicht sah, meinte er entschuldigend: „Wer weiß, wie lange ich noch bei NGE arbeiten kann. Bei den NGO’s kann es von heute auf morgen heißen: Wir stoppen leider sofort das Programm, an dem wir gerade arbeiten.“
Das hatte ich in der Tat auch selbst schon erlebt: Haschir, der nette Hazara und Veterinärarzt, war tatsächlich gekündigt worden, zwei Wochen vor Monatsende. Vielleicht können wir noch verlängern, hieß es. Am letzten Tag war dann klar: Nein, es geht nicht. Ich war total froh, ihn eine Woche später doch wieder zusehen: Mir Rachim hatte seien Vertrag tatsächlich verlängert. Aber am selben Tag wurde er endgültig gekündigt: Matthias, der holländische Chef von NGE sagte, es gäbe kein Geld für einen Tierarzt . UNHCR habe diesen Teil des Programms gestrichen.
-- Gerade werde ich umringt von Afghanen, die unbedingt wissen wollen, was ich schreibe, vor allem, ob ich über sie schreibe. Eine Stunde zuvor war es Hermid, der mich das Gleiche fragte. Das ist ein komisches Gefühl, wenn eine Gestalt meines Schreibens so plötzlich vor mir steht und mich fragt, ob ich sie da auf dem Papier noch mal erschaffe. Da wird der Mensch vor mir plötzlich zu Linien auf dem Papier oder diese Linien auf dem Papier werden plötzlich zu einem realen Menschen, der mich anspricht. Ob ich besser nicht über ihn schreibe, fragte ich . „Schreib halt“, meinte er.Das ungute Gefühl bleibt, dass ich die Macht habe, ihn zu verändern, ihn zu beschreiben, wie ich das will.—
Von anderer Seite bekomme ich zusätzlich böse Geschichten über NGE erzählt: Die Ärzte würden hauptsächlich in zwei Dörfern arbeiten, dem Heimatdorf von einem Mitglied des Medizin-Teams (der gar nicht Arzt ist, wie ich dachte, sondern (mal wieder) hauptberuflich Verwandter von Mir Rachim sei) und einem zweiten Dorf, das in der Nähe liegt. Viel würden sie sowieso nicht arbeiten. In dem Tadschiken-Dorf Karam, dem größten Dorf des Gebietes, wären sie fast nie (ich sah sie dort allerdings schon).
Als jemand von der UNHCR zum Controlling kam, hatten sie dicke Rundhölzer besorgt und über all die dünnen Hölzer gelegt, die sie sonst verteilen. Kaum war der Mensch von UNHCR, sehr zufrieden, weg, sei der Bruder von Said Machmat gekommen und holte die wertvolleren Hölzer für den eigenen Hausbau.
Einer sah, wie zwei Wächter Weizen aus dem Hilfsprogramme aufluden und dem Fahrer erklärten, wo ihre Häuser seien. Einmal kam ‚ein Fremder’ und sagte zu einem Afghanen, dass er sich mehr Mühe mit den Fenstern geben solle, immerhin bekäme er 1200 Afghani für ein Fenster. 300 Afghani bekam er tatsächlich von NGE. Said Machmat bat mich, vier kleine Regale für die Räume der Ingenieure bauen zu lassen für Bücher und dergleichen.
Wenn es etwas für den NGE- Hof ist, dann braucht das Holz natürlich nicht bezahlt zu werden. Als die Regale fertig waren und ich sie anbringen lassen wollte, hieß es: „Nein, bitte bring sie erst später an!“ Das ist mittlerweile schon drei Wochen her und mir schwant, dass da jemand nur die 80 Afghani sparen wollte für Regale für sich zu Hause.
Bei einigen Sachen weiß ich natürlich nicht, ob die so stimmen. Und manches entlarvt sich schon beim näheren Nachfragen als Übertreibung. Wer weiß, ob der fremde Herr (wahrscheinlich UNHCR) richtig übersetzt wurde, oder vielleicht hatte er nur den Preis im Kopf, den NGE für die Fenster bekommt. Und ihre Kosten und das Holz sind da mit drin. Außerdem kommt noch viel in Hezarak an. Der, der mir die Geschichte mit den Rundhölzern erzählte, konnte immerhin sein Haus mit diesen Hölzern wieder aufbauen (den dünneren halt), wie viele andere auch. Wer hier die Unterschlagungen radikal bekämpfen wollte, müsste NGE im Grunde die Lizenz entziehen, ein Haufen Leute entlassen und die Menschen von Hezarak alleine lassen.
Eine deutsche Kollegin meinte dazu: Im Grunde musst du die Leute vorher ganz lang und genau prüfen. Und selbst dann kann sich die Geschichte schnell verändern. Wenn eine NGO einmal in die falsche Richtung läuft, ist es sehr schwierig, da entgegen zu wirken. Eigentlich kannst Du nur die Gelder sperren. Und damit triffst Du hauptsächlich die, die am untersten Ende der Kette sind, denen du helfen wolltest.
Die holländischen Verantwortlichen von NGE waren bei solchen Problemen wenig hilfreich. Als ich die Geschichte mit dem Essensgeld für meine Azubis ansprechen wollte, meinte der NGE- Verantwortliche für Kabul zu mir: „Dann müssen wir halt den Koch entlassen!“ Das war mit Sicherheit die falsche Stelle und ich dachte: ‚Also, wir brauchen darüber auch nicht miteinander reden.’ (Das stimmte so auch wieder nicht. Zum Ende meiner Zeit in Afghanistan hatte ich mit ihm ein ganz gutes Gespräch genau über diese Dinge.) Die Sägespäne, die meine Lehrlinge nicht mit nach Hause nehmen dürfen, werden weiterhin lustig von den Ingenieuren abtransportiert. Obwohl der NGE- Boss drüber wütend war und etwas von einem Ofen für Sägespäne erzählte und zu hohen Kosten für Brennholz, dass aus Pakistan gekauft wird. Und es dabei belässt. Dann braucht er es auch gar nicht erst anzusprechen. Und Zeit hätte er, sich einmal stichpunktartig um eine Sache richtig zu kümmern: Wo geht das Geld hin, wer nimmt jenes mit?
8. März