Nawroz – das islamische Neujahrsfest in Afghanistan

Nawroz, der ‚neue Tag’, der Anfang des Jahres. Es ist ein Dari-Wort, ein persisches Wort, und ich weiß, das es auch von den Kurden benutzt wird. Hier in Kabul gibt es hauptsächlich zwei Plätze, an denen gefeiert wird: Beide haben irgendwie mit dem vierten Kalifen zu tun. Wir, Benjamin und ich, wollten zu einer Moschee, in der die Gebeine einer Nichte oder eines Neffen des vierten Kalifen liegen.

Benjamin studiert Orientalistik, war ein Jahr im Iran und spricht die iranische Variante des Persisch. Für drei Wochen ist er im Gästehaus unter gekommen. Die Moschee liegt von uns aus hinter der Hügelkette, die mitten durch Kabul geht und nur einen schmalen Durchlass hat, wo der Kabulfluss hindurchfließt.

Wir sind also nachmittags irgendwann von Taimani, unserem Stadtteil, aus los und über einen der Hügel gelaufen. Schon auf der Straße, die den Hügel hinaufführte, fiel uns auf, wie viele Frauen an diesem Tag unterwegs waren. In einer Hoftür sah ich eine Jugendliche ohne Kopftuch, mit weitem Ausschnitt. Und mindestens mehr als die Hälfte der Frauen war ohne Burka, viele recht bunt geschminkt. Das alles ist recht beeindruckend, wenn sonst im Alltag so wenig Frauengesichter zu sehen sind. Ich habe auch das Gefühl, das seid diesem Nawroz viel mehr Frauen ohne Burka zu sehen sind.

Ein Afghane erklärte mir, das Nawroz tatsächlich auch traditionell so ein Tag sei, an dem sich wieder mehr nach außen orientiert und die Sommerkleidung hervorgeholt wird, nachdem der Winter alle in die Häuser getrieben hat.

Auf dem Weg den Hang hinauf verließen die Volksmassen bald die FahrStraße und es ging einen steilen Pfad weiter, rechts von uns lag ein kleines Tälchen. Von überall her war Musik zu hören und auf der gegenüberliegenden Seite des Tales waren ein paar Jugendliche auf einem großen Felsblock am Tanzen. Überall saßen auch Gruppen von Leuten.

Oben war eine Art Pass, rechts und links stiegen die Hügel weiter an, aber wir konnten schon die andere Seite der Stadt sehen. Hier oben standen ein paar Pommes- (die hier ‚Chips’ heißen) und andere Buden (z.B. eine Art gefüllter Reibekuchen), wo wir auch etwas aßen.
Das Gedränge war ernorm und weit unter uns konnten wir die Moschee sehen, mit einem großen Platz voller Buden und Menschen.

Wir sind einen recht steilen Weg durch die Häuser am Hang hinunter, Benjamin, der westliche Kleidung trug, hinter mir. Unterwegs kam uns eine Gruppe Jugendlicher entgegen, zuerst etwa zehn junge Männer, hinter ihnen ebenso viele junge Frauen. Irgendetwas haben sie zu uns gesagt, auch Benjamin konnte es nicht richtig verstehen. Und ehe wir uns versahen, war Benjamin von den Männern umringt und ich, der auf ihn warten wollte, unfreiwillig von den Frauen. Irgendwie war es für die Männer nicht okay, dass ich da mitten unter ihren Frauen stand. Und für mich fühlte sich das alles sehr bedrohlich an, obwohl die Stimmung noch nicht aggressiv war. Zum Glück löste es sich plötzlich wieder auf und wir konnten weiter gehen. Benjamin meinte, sie hätten irgendwie gesagt, wir sollten nicht weitergehen, das sei gefährlich.

Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wer oder was da gefährlich sein könnte, wollte aber nicht mehr weiter gehen, weil meine Stimmung auf dem Tiefpunkt war. Ich war auch abgenervt so aufzufallen, weil ich alleine in meinem Afghanenkleid immer meine Ruhe habe und ungestört überall lang laufen kann.

Zu allem Überfluss gesellten sich noch zwei kleine Jungs zu uns, die uns partout nicht verlassen wollten und von denen der eine die ganze Zeit irgendetwas von Bomben und gefährlich und nicht weitergehen schwadronierte.

Aber wir waren ja schon umgedreht und, wenn auch nicht den gleichen Weg, zurückgegangen (ich wollte nicht mehr da lang laufen, wo die Massen waren). So waren diese Jungen als Begleiter ein weiterer Punkt, der alle anderen auf uns aufmerksam machte. Ich alleine hätte diese beiden recht schnell und deutlich vertrieben, aber Benjamin war eher der Meinung, dass sie ruhig hinter und vor uns herlaufen dürften. Diese Meinungsverschiedenheit war den Jungen natürlich nicht entgangen, und so blieben sie erst mal bei uns.

Wir sind dann in ein immer ärmeres Wohngebiet geraten und, um den Jungs zu entkommen, bog ich noch mal ab in eine kleine etwa 100 mal 100 Meter große Trümmerlandschaft am Hang. Auf der anderen Seite des Berges warteten schon wieder die Jungen auf uns und diesmal wollten sie sehr direkt Geld.

Auf die nun von meiner Seite sehr aggressive Absage reagierte der eine Junge mit einem Steinwurf, aber dann waren wir sie endlich los und wieder auf der Straße Richtung Taimani. Am nächsten Tag erfuhr ich, dass zwei Männer aus diesen Volksmassen ebenfalls genau an dieser Stelle am Hügel in Mienen geraten waren.

Benjamin wurde bleich: Darauf habe ich überhaupt nicht geachtet, meinte er. Ich hatte aber, ohne dass mir das ganz bewusst gewesen wäre. Ich hatte die weißen Kreuze an den Ruinen gesehen (was soviel heißt, wie: ‚geräumt’, aber eben auch: hier gab es Minen) und war daraufhin nur auf deutlichen Fußpfaden gelaufen, wo andere schon gelaufen sind. Außerdem hatte ich geguckt, dass Benjamin wirklich genau hinter mir blieb. Vielleicht hat der Minenkurs tatsächlich was genützt. Jedenfalls ist mir die Mienengefahr immer irgendwie bewusst. Und sie ist auch etwas, was es mir eher verleidet, in Afghanistan zu sein. Ich gehe einfach total gerne spazieren und das am liebsten mitten durch die Pampa.

21. März

Leben in Kabul: Auto fahren, Taxis, Einladungen zum Tee und die Faszination von Bildern

Inzwischen bin ich äußerlich so assimiliert, dass mich letzte Woche ein Junge ganz selbstverständlich auf Dari ansprach, ob er auf meinem Fahrradgepäckträger mit bis zur nächsten Straßenkreuzung fahren könne. War ich stolz. Überall in Kabul gibt es quer über die Straßen Bodenwellen, manchmal aus Panzerketten, meist aus Erde oder auch kleine Gräben, an denen die Autos langsam fahren müssen. Ganz oft sitzen dort BettlerInnen, die auf Almosen warten, manchmal liegen sie auch mitten auf der Straße, die Burka tragenden Frauen manchmal mit Kindern auf dem Arm in Auspuffhöhe oder die Kinder mit dem Kopf zur Fahrbahn vor sich liegend. Manchmal sehe ich auch Kinder am Steuer der Autos, neun, zehn Jahre alt.

Generell wird sehr regellos gefahren, aber bis auf die Geheimdienstautos oder manchmal sehr elegante, neue Wagen mit jungen Männern als Fahrer und Beifahrer, fahren alle nach meiner Beobachtung viel weniger aggressiv als in Deutschland (ich muss aber dazu sagen, dass einige Kollegen diese Einschätzung nicht teilen).

Alle rechnen mit Regelverstößen und bremsen, anstatt Gas zu geben, wenn ihnen jemand gerade die Vorfahrt nehmen will. Für mein Fahrradfahren ist das sehr angenehm zu spüren. Nur an das ewige Gehupe musste ich mich sehr gewöhnen. Es ist halt kein Zeichen der Empörung, wie bei uns, sondern nur: ‘Achtung, ich überhole dich jetzt’ oder auch: ’Pass auf, ich will abbiegen.’ Inzwischen bin ich dankbar für das Hupen, weil es eben auch bedeutet: ‚Vorsicht’ oder: ‘Ich habe dich gesehen.’

Auf den Straßen liegen viele Teppiche, immer wieder. Mir wurde erzählt, die lägen dort, um aus neuen, billigeren Teppichen, Ältere zu machen. Ich kann’s immer noch nicht so richtig glauben.

Von etwa 100 Leuten auf den Straßen in Kabul (in Hezarak sehe ich bis auf ganz seltene Ausnahmen nur Männer) sind etwa 70 Männer, darunter 5 Soldaten/ Polizisten, 25 Kinder, darunter unter 10 Mädchen, und 5 Frauen, etwa drei mit Burka.

Immer wieder habe ich natürlich mit Taxifahrern zu tun. Viele lehnen erst mal ab, dass ich überhaupt bezahle, meist als Höflichkeitsfloskel (die ich als Geste trotzdem nett finde) und manchmal auch hartnäckig, im Ernst. Ich habe mich bisher immer durchgesetzt, weil sie ja wirklich für mich gearbeitet haben, aber schade fand ich’s manchmal schon, so ein Geschenk nicht anzunehmen.

Ein paar der Taxifahrer versuchen einen auszunehmen und immer wieder ärgere ich mich richtig darüber. Komisch, dass mich das so ärgert. Wahrscheinlich wieder die alte Leier, dass ich einfach der tolle Almosenbringer sein will und nicht undankbare Leute um mich haben. Ein anderes Mal habe ich mich mit einem Taxifahrer eine ganze Weile über den Preis gezankt und das ist mir heute noch peinlich. Ich hatte mich gewundert, dass er so viel Geld wollte, weil er eigentlich ein ganz Netter war. Ich hatte mehrere Ziele nach einander mit ihm angefahren. Er gab dann auch nach und später merkte ich, dass ich mich schlicht verrechnet hatte.

Eine Fahrt kostet so zwischen 30-60 Afghani, je nach Fahrer, ein bisschen auch je nach Länge. Ich bezahle eigentlich starrköpfig immer nur 50 Afghani, frage auch inzwischen manchmal vorher gar nicht erst nach dem Preis, sondern bezahle am Ende der Fahrt einfach meinen einen Euro. Das gefällt mir schon alleine deshalb, weil die Netten sich dann freuen und die Gierhälse sich ärgern. Wenn ich mehrere Sachen zu erledigen habe, ist es oft besser, jedes Mal ein neues Taxi anzuhalten, weil die Fahrer sich auch das Warten bezahlen lassen. Schwerer fällt es mir, mit den 1 Afghani teuren Bussen zu fahren, weil ich so schlecht herausbekomme, wohin sie denn eigentlich fahren.

Oft werde ich nach einem Job gefragt, oder ob der Sohn bei mir in die Ausbildung gehen könne. Oder ich soll sie mit nach Deutschland nehmen. Ganz oft werde ich auch zu einem Tee eingeladen, viel als Floskel, manchmal im Ernst. Ich erkenne es daran, was passiert, wenn ich ”Dankeschön” als Antwort sage. Meist ist es dann okay, manchmal beharrt jemand auf seiner Einladung. Ich glaube aber, ich würde immer einen Tee bekommen, wenn ich wollte, auch auf eine eigentlich nicht ernst gemeinte Einladung. Ich habe auch schon den ganzen Monatslohn einer Person hingehalten bekommen: ‘Brauchst du?’ –auch so eine Sitte gegenüber guten Freunden (und ich glaube, hauptsächlich gegenüber jenen guten Freunden, von denen man erwartet, dass sie ‚Nein’ sagen).

Astrid erzählte, dass sie schon häufig von Männern gefragt wurde, ob sie nicht heiraten wolle. Und nicht als Spaß.

Schwierigkeiten habe ich mir selbst eingebrockt, als ich ein paar Bilder von den Kindern aus der Nachbarschaft gemacht habe, Papierbilder diesmal, und sie dann anschließend an die Kinder verteilt. Das sprach sich sehr schnell herum. Und zog immer weitere Kreise. Ich war dann doch bald überfordert. Und sie teilen diese Bilder auch nicht. Wenn drei Leute auf einem Bild sind, dann wollen sie alle drei dieses Bild und ich habe mit Sicherheit danach zwei Leute, die richtig sauer auf mich sind. Wenn ich drei Bilder von den gleichen Leuten gemacht habe, sackt alle drei der erste ein, der sie in die Hände bekommt.

Selbst die Ingenieure, die: ”lass mich doch mal alle Bilder angucken” sagten, waren schwer zu bewegen, Bilder wieder herauszurücken, auf denen auch sie zu sehen waren. Ich habe später dann die Bilder schon vorsortiert und keiner konnte alle Bilder sehen. Wenn aber einmal die Besitzverhältnisse klar waren, dann konnten sie untereinander –manchmal- sich ihre Bilder zeigen. Insgesamt war es aber erstaunlich schwer mit meinen Bildern und hat eher Unfreude gebracht.

19.März

Ajmal Naqshbandi ermordet

Ich hatte es gerade in den Nachrichten gehört, als Björn (www.inyas-blog.eu) es mir ebenfalls mitteilte.

Der letzten Monat zusammen mit dem italienischen Reporter Daniele Mastrogiacomo entführte Journalist Ajmal Naqshbandi wurde von den Taliban umgebracht. Am Montag Abend fand eine Gedenkveranstaltung bei NAI (http://nai.org.af) statt.

BBC: The Taleban say they have killed an Afghan reporter abducted last month with an Italian journalist.
http://news.bbc.co.uk/go/em/fr/-/1/hi/world/south_asia/6537097.stm

Krieg im Irak und Stubenarrest in Afghanistan

Nun haben wir also unseren Stubenarrest, verordnet vom Entwicklungsdienst wegen des Angriffs der USA auf den Irak. Heute Morgen gegen halb sechs flog ein Flugzeug so niedrig über unser Hausdach, dass ich von einem höllischen Lärm und ratternden Scheiben geweckt wurde. Ich dachte: Das war’s jetzt, eine Bombe, oder: Krieg jetzt auch in Kabul. Bin ans Fenster gestürzt und konnte dieses dämliche Flugzeug sehen. Erst als ich langsam zur Besinnung kam, habe ich gemerkt, dass ich Herzrasen hatte und wirklich am ganzen Leibe zitterte.

Ich hoffe jetzt nur, dass es bei den zwei Tagen bleibt und unsere Sicherheitsverwahrung nicht noch verlängert wird. Hier merkt man nichts von diesem mörderischen Schwachsinn mehrere Tausend Kilometer weiter. Es ist Frühlingsanfang und es zieht mich ungemein nach draußen, auf die Straßen, unter die Leute, die alle fröhlich ihr ‚Nawroz' feiern, den ersten Tag des neuen Jahres.

Seit zwei Tagen ist es jetzt richtig warm, ich habe abends nicht mehr den Ofen angemacht, was sehr angenehm ist, weil es mir -hier in Kabul- die Dämpfe des Ölofens erspart. In Hezarak habe ich ja in meinem Zimmer einen tollen Bollerofen für Holz. Für die Werkstatt ist mir jetzt zum Ende des Winters gelungen, (wie schon ausführlich beschrieben) auch einen Ölofen zu bekommen. Die Leute haben gefeixt: Jetzt wird’s doch sowieso warm! Zu meinem großen Glück und meiner Rechtfertigung war es Anfang dieser Woche noch mal richtig kalt. Und ich habe allen nachdrücklich erzählt, wie froh ich darüber bin, dass dieser Ofen da ist. Der Ofen selbst ist Afganistan-made und ein wunderschönes, rundes Blechteil, mit einem kleinen Öltank daneben, einem Hahn, aus dem das Öl in einen kleinen Trichter tropft und über eine kleine Leitung in den Ofen fließt. Ganz anders als dieses komplizierte Teil, das ja auch kaputt war an dem ersten Ofen. Nur die kleine Leitung meines neuen Ofen fehlte, als ich in Hezarak ankam. Nach einigem Suchen fand ich sie in dem Werkzeugkasten des Fahrers Emir, mit dem ich gefahren war.

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