Hezarak ist durch und durch eine Landwirtschaftsregion (wie fast überall in Afghanistan). So überwiegen bei den Entwicklungshilfeprojekten - neben medizinischer Versorgung und dem Bau von Schulen und dergleichen - die Arbeit in diesem Sektor. Die Erklärungen meiner Lehrlinge, warum sie zu spät gekommen sind, sind entsprechend: Die Kuh war krank, mein Esel ist gestorben und ich musste nach einem Neuen suchen, oder: Auf dem Weg zur Arbeit bat mich ein Nachbar, ihm beim Säen zu helfen. Ob ich wolle, dass sein Nachbar nicht richtig aussät?
Neben der eigentlichen landwirtschaftlichen Beratung gibt es aber auch den Wasserbausektor und das ist schon sehr interessant: Einmal sind das sehr große Brunnen, etwa zweieinhalb Meter im Durchmesser, die von unten her hoch gemauert werden (wenn sie nicht zu früh auf Wasser stoßen und dann nicht mauern können - dann bröckelt nur leider die Erde vom Rand her langsam wieder ins Loch) und der Bewässerung der Felder dienen. Zum anderen sind das aber die so genannten Kareze, in denen unterirdisch Wasser von Quellen an zu bewässernde Stellen gebracht werden. Manchmal sind das übermauerte Kanäle, manchmal aber sind es Stollen, die durch Berge getrieben werden. Das hat in Afghanistan seit vielen Jahrhunderten Tradition, wenn nicht länger (ich muss zugeben, dass ich nicht weiß, ob es nicht vielleicht schon viel älter ist). Leider hat UNHCR aus mir nicht bekannten Gründen die Unterstützung für diesen Teil des Wasserbaus eingestellt.
Zum Dritten gibt es dann noch die überirdischen, sichtbaren Kanäle, die ich immer wieder beeindruckend finde. Über viele Kilometer wird das Wasser vom eigentlichen Fluss- oder Bachbett abgezweigt, bis es dann irgendwann weit oberhalb des Talgrundes entlang fließt und so über viele Terrassen hinweg bewässern kann.
Es muss halt nur genug Wasser im Bach sein. Denn obwohl es jetzt schon seit fünf Wochen immer wieder regnet und das Grundwasser von Kabul inzwischen nicht mehr ganz so schrecklich schmeckt, wie am Anfang meiner Zeit, sind die Quellwasserreservoire in den Bergen noch lange nicht aufgefüllt. Die Bäche führen meist nur dann Wasser, wenn es gerade regnet. Darauf versiegen sie wieder.
Aber immerhin: Der Kabulfluss, der Panjir -Fluss, der Logar -Fluss, alles Flüsse hier in der Gegend, sie alle führen jetzt wieder durchgängig Wasser. Die Teppichverkäufer in Kabul, die ihre Stände im Flussbett hatten, mussten zum großen Teil dem Wasser weichen.
Nun ist das Ende meiner Dienstzeit immer absehbarer und ich will versuchen, noch möglichst viel aufzuschreiben, bevor ich alles vergesse. Diese Woche saß ich abends mit Ing. Mir Shah zusammen und dann kamen im Radio plötzlich die Namen meiner Lehrlinge und am Schluss auch mein Name. Hab ich mich aber gefreut! Da waren wohl an einem Tag, an dem ich noch nicht da oder schon weg war, ISAF- Soldaten im Hof erschienen und haben nach einem Musikwunsch meiner Leute gefragt.
Vor einiger Zeit hatte ich mit einem meiner Anfänger, einem lieben, schlaksigen, jungen Kerl namens Sardar, ein Einzelgespräch. Sardar ist ein ganz eifriger Lerner und auch intelligent, aber Analphabet (wie sich dass anhört, wo das hier doch ganz normal ist). Irgendwie dachte ich, ich muss ihm ein Leselernbuch oder so was beschaffen, weil ich die Schriftsprache ja selber nicht beherrsche und auch nicht unterrichten kann. Er fand die Idee toll.
Später sprach mich der ältere Machmad erneut auf Geld an und ich sann darüber nach, wie ich ihm, dem Vater von ‚acht Kindern und einem Jungen' wohl am Besten würde helfen können. Es widerstrebt mir irgendwie, den Leuten einfach nur Geld in die Hand zu drücken.
Inzwischen habe ich ihn schon oft an der Tafel unterrichten lassen (Mathe für Fortgeschrittene), ein leibhaftiger Lehrer Böckel und dann war irgendwie klar: Der soll meine Analphabeten unterrichten. Ein bisschen habe ich dabei ein schlechtes Gewissen, weil es wieder einmal ausschließlich Männer sind, die ich da unterstütze. Ich habe ihn trotzdem gefragt und er hat sich wohl ziemlich gefreut, war gleich dabei, sich die Rahmenbedingungen zu überlegen und einen Lehrplan festzulegen. Dann erzählte er mir, dass er in Pakistan schon unterrichtet hätte, ihm nur für Afghanistan irgendeine Abschlussprüfung fehlt. War ich stolz auf mich, wohl ein echter Volltreffer.
Als Bettina vom Entwicklungsdienst mich diese Woche abholen kam, hat er sie auch gleich angesprochen, ob der Entwicklungsdienst seinen Unterricht nicht vielleicht länger bezahlen könne. Bettina hat mich später danach gefragt, weil so eine Unterstützung unter bestimmten Regeln schon möglich wäre. Aber ich konnte ihr da keine Empfehlung geben, weil ich keine sinnvolle Kontrolle weiß. Und ein weiteres Problem hatte ich: Wem gebe ich das Geld für den Unterricht? Also wem kann ich so vertrauen. dass dann auch wirklich Unterricht sein wird? Ihm selbst? Den Lehrlingen? Einem von den Chefs dort?
Ich habe mich dann entschlossen, ihm den Hauptteil des Geldes zu geben und Said Machmat den anderen Teil. Said Machmat fand meine Idee toll und bot von sich aus an, das Geld treuhändlerisch zu übernehmen und später auszuzahlen. Für mich war es nicht besonders viel: 150 Euro für 50 Schulstunden. Ein Lehrer verdient normal das Einheitsgehalt aller Staatsbediensteten von 40 Dollar im Monat (soweit ich gehört habe). Das reicht eigentlich nicht für eine Familie.
Ich fragte Machmad, ob Said Machmat okay für ihn sei, ob er da sicher sei, das Geld auch zu bekommen (immerhin sind einige Lehrlinge auf NGE schlecht zu sprechen und erzählen viele böse Unterschlagungsgeschichten). Ja klar, meinte er, das ist immerhin der Sohn meiner Schwester! Oh nein, dachte ich. Erstens weiß ich jetzt auch, warum er einen Platz im Schreinerworkshop bekommen hat, obwohl er schon so alt ist und eigentlich gar nicht dazu passt. Ich dachte, dass sei eine besonders soziale Nummer von Said Machmat gewesen, weil Machmad so arm ist. Und zweitens bin ich gleich im Kopf alles durchgegangen, was ich mit meiner großen Klappe inzwischen über NGE meinen Lehrlingen erzählt habe.
Über meine eigene Arbeit war ich diese Woche etwas frustriert. Ich hatte mir doch Mühe gegeben, den Lehrlingen etwas über die Formveränderungen des Holzes beim Trocknen beizubringen. Bei der praktischen Anwendung musste ich jetzt feststellen, dass es niemand verstanden hat. Kann natürlich sein, dass mir wieder mein lieber Kollege Einnullah dazwischengefunkt hat, der den Lehrlingen andere Anweisungen gegeben hat, als ich. Ich habe mich dann vor die Klasse gestellt und gesagt, dass ich ein schlechter Lehrer sei, weil ich es nicht geschafft hätte, ihnen dieses Wissen beizubringen. Das hat sie alle sehr beeindruckt. Und ich glaube, dass das einige jetzt wirklich behalten haben, schon alleine um mir zu beweisen, dass ich kein schlechter Lehrer bin. Vielleicht sogar Einnullah.
27.März
Mitte März war ein hoher schiitischer Feiertag. Der war ein bisschen heikel, weil die Schiiten eine Minderheit in dem ansonsten mehrheitlich sunnitischen Afghanistan sind und dieser Feiertag irgendwie eine Erinnerung an einen Krieg zwischen den Glaubensrichtungen ist. Prompt gab es bei uns hier auf der Kreuzung auch eine kleinere Schlägerei zwischen Jugendlichen beider Gruppen. Ganz in der Nähe ist übrigens auch noch eine Moschee der Ismaeliten, die wiederum eine schiitische Abspaltung sind.
Mohammad, selbst Sunnit, stand tagsüber draußen vor der Tür, schaute den Massenansammlungen vor der kleinen schiitischen Moschee zu und sagte nachdenklich zu mir: „Das ist nun alles 1300 Jahre her und wir wissen eigentlich alle nicht mehr so richtig, wer von uns Recht hat mit seiner Darstellung der Geschichte.“
Ich glaube, der dritte Imam war es, der auf dem Weg zu einer Stadt, in der seine Anhänger lebten, umgebracht worden ist und die Schiiten geißeln sich nun seit 1300 Jahren an diesem Jahrestag selbst, weil ihre Vorfahren ihm nicht zur Hilfe geeilt sind. Benjamin wollte sich diese Geißelungen unbedingt anschauen, aber ich hatte dazu keine besondere Lust. Mir hat schon gereicht, was ich von hier oben aus meinem Zimmer, vage in der Moschee schräg gegenüber erkennen konnte.
Den Abend zuvor hatten sie sich gemeinsam im Takt nur auf die Brust geschlagen, aber am eigentlichen Feiertag sollte es dann mit Peitschen, die ausgewählte Männer (sie waren ganz in grün gekleidet) sich selbst über die Schulter auf den Rücken schlagen, richtig zur Sache gehen. Benjamin und ich sind ein bisschen durch die Straßen gelaufen, auf denen immer wieder Schiiten in langen Konvois fuhren oder als eine Art Prozession durch die Straßen liefen. Ganz in schwarz war auch an einigen Stellen eine Art Zelt aufgebaut, wo sie sich dann trafen. Aus Solidarität hatte übrigens die ganze Stadt frei.
Meine Lehrlinge fragten mich diese Woche, ob ich auch von der Gottesoffenbarung in Deutschland wüsste. Es sei schon etwa zehn Jahre her, aber es stand wohl in den Zeitungen und für sie war es eine ganz wichtige Sache. In irgendeinem deutschen Park hätten sich die Blätter alleine zu den Worten: Allah ist groß' geformt. Sie hätten Bilder davon gesehen und es würde ganz sicher stimmen. Auch wären einige Deutsche daraufhin zum Islam übergetreten.
Ich sagte ihnen, dass diese Geschichte nur Propaganda ist (was sie vehement bestritten). Fundamentalistische Christen würden bei Bedarf ähnliche Geschichten auch über islamische Länder erzählen. Ich würde keine davon glauben und ich fände viel wichtiger als solche Geschichten, dass es eben ein und derselbe Gott sei, an den Christen und Moslems glauben. Ich kann ihren großen Hunger nach allem und jedem ja meistens gut nachvollziehen und bin immer ganz gerührt, wenn irgendjemand trotz aller Armut die Kraft aufbringt, irgendein Geschenk abzulehnen. Manchmal aber ärgert es mich, dass sie so grenzenlos fordern können und oft gerade dann unzufrieden werden, wenn sie etwas bekommen.
Ich habe ihnen deshalb diese Woche das Märchen von dem Fischer und seiner Frau erzählt. Bei mir hieß es aus Gründen der besseren Identifikation: Die Fischerin und ihr Mann' und es war ihr Mann, der grenzenlos forderte. Ein paar waren durch die ständigen Wiederholungen etwas abgenervt, aber die meisten sind begeistert mitgegangen. Als aber der Fischer der 1. Iman sein wollte, waren alle so gebannt von dieser Ungeheuerlichkeit, das es mucksmäuschenstill wurde. Ich entschloss mich deshalb, es dabei zu belassen, und zu verschweigen, dass dem Fischer dieser Wunsch gewährt wurde und er danach Gott selbst sein wollte.
Hermidula, einer meiner Lehrlinge, der gerne kämpft und fordert, meinte dann auch: Der Fischer sei wie die Amerikaner. Ich lachte, antwortete dann aber, dass ich diese Geschichte für mich selbst als wichtig empfinden würde: Es sei gut, Wünsche zu haben, aber es sei mir auch wichtig zu wissen, was ich wirklich brauche und wünschen kann und was nicht.
22.März
Ich denke, ein ganz wesentlicher Aspekt meiner Arbeit hier ist, dass ich völlig ohne Strom arbeite und alles, was ich lehre, sich nur auf Handarbeit bezieht. Das ist eigentlich nicht so die Stärke eines deutschen Handwerksmeisters, zum Glück aber meine. Meine Leute können sehr schnell arbeiten, im Allgemeinen schneller als ich. Aber auf dem Bazar und natürlich besonders bei meinen Lehrlingen, die zum Teil ja Anfänger sind, sehe ich sehr unsaubere Arbeiten. Maßhaltigkeit, genaue, saubere Verbindungen gibt es selten. Selbst Einnullah, mein Co-Teacher arbeitet nicht besonders sauber. Für die Zwingen werden keine Zulagen genommen, andere Druckstellen gar nicht erst beachtet, wenn Holz ausreißt, ist das auch in Ordnung.
Das Holz ist so teuer, dass eine vernünftige Holzauswahl kaum möglich ist. Ich habe versucht, zu erklären, dass der Kern eines Holzes keinesfalls genommen werden darf, aber Einnullah hat meine Lehrlinge dann hinterher doch angewiesen, auch Holz mit der Mark- (Kern) röhre zu nehmen. Das bedeutet natürlich, dass das Holz sehr reißt. Vor allem auch die Benutzung von Nägeln macht die Arbeit unsauber. Das Holz reißt auch dort oft auf, die Hammerschläge beschädigen das Holz, es bleibt der Nagelkopf sichtbar. Manchmal bricht mit dem Nagel eine ganze Ecke des Holzes weg. Das passiert oft, wenn kleinere Reparaturen am eigenen Werkstück vorgenommen werden. Da kleine Zwingen nicht üblich sind, wird eigentlich immer mit Hilfe von Nägeln geleimt, die alles noch schlimmer machen.
Die Fenster und Türen werden mit Bändern hergestellt, wie wir sie an alten Truhen haben, der Schreiner nennt sie Lappenbänder. Die sind mit Schrauben befestigt, die aber oft der Schnelligkeit halber mit dem Hammer eingetrieben werden.
Es gibt nicht, wie in Deutschland, die Einspannmöglichkeiten für ein Werkstück. So wird das, was ich bearbeite, fast immer mit dem Fuß gehalten. Oft stehen meine Leute auf dem Werktisch und sägen das mit dem Fuß gehaltene Holz von oben mit dem Fuchsschwanz. Jedes Holz wird mit der Rauhbank, mit der ich inzwischen ganz gut umgehen kann, erst glatt gehobelt. Die Rauhbank ist ein sehr langer Hobel, der das Holz eben macht. Vorausgesetzt, er ist gut geschärft und auch anderweitig in Ordnung.
Anfangs haben meine Lehrlinge von mir erwartet, dass ich ihre Werkzeuge in Ordnung halte. Sie brachten mir einen Hobel: ‚Geht nicht' und wenn ich ihn dann in die Hand nahm, wollten sie zufrieden abziehen in der Erwartung, ihn später geschärft und repariert wieder zurückzubekommen. Das hätte mir auch geholfen. Denn, selbst wenn ich es irgendwann schaffe, das Teil zu reparieren, kann ich oft noch nicht erklären, was ich da eigentlich gemacht habe. Aber Ausbildung bedeutet natürlich, ihnen beizubringen, wie sie es selbst machen müssen.
Zum Glück sind ja viele Dinge analog, so dass ich mit meinem Wissen über den normalen Hobel auch schnell erfasse, warum eine Rauhbank nicht so arbeitet, wie sie soll.
Trotzdem ist den meisten schon klar geworden, dass ich vorher noch nie mit einer Rauhbank gearbeitet habe. Aber für die vielen Sachen, die eben in Afghanistan üblich sind und nicht in Deutschland, arbeite ich ja auch mit meinem Co-Teacher Einnullah zusammen, von dem ich selbst lerne. Meine Stärken sind deshalb mein sauberes, genaues Arbeiten, vor dem sie alle ehrfürchtig staunen und mein im Vergleich doch umfangreiches, theoretisches Wissen über Verbindungen, Werkzeug und Holz.
Wenn nur Einnullah auch bereit wäre, von mir zu lernen. Obwohl er selbst wohl ganz gut erklären kann, hat er eine ausgeprägte Abneigung gegen Theorie. Soweit ich beurteilen kann, was er erklärt. Denn wenn er an der Tafel steht, fällt mein Übersetzer Sadat immer in so eine Art Lethargie, aus der ich ihn nur schwer erwecken kann. Mit viel persönlicher Energie bringe ich ihn manchmal dazu, mir einen oder zwei Sätze von Einnullah zu übersetzen. Wonach er wieder beharrlich schweigt. So sitzen wir beide während des Vortrages von Einnullah da und träumen vor uns hin.
Als wir die Werktische gebaut haben, habe ich ihnen gezeigt, wie man eine Gratleiste macht. Eine Gratleiste hält ein Vollholzbrett (wie zum Beispiel die Arbeitsfläche der Werkbänke) gerade und lässt das Holz trotzdem arbeiten, d.h. schwinden. Wenn ich ihnen etwas Neues zeige, behaupten sie oft (besonders Einnullah), das sei zu schwierig. Dabei hat der, der die Leiste dann machte, nur zwanzig Minuten dafür gebraucht.
Lange habe ich dafür gebraucht, zu erklären, dass Holz arbeitet, also sich zusammenzieht, wenn es trocknet und sich ausdehnt, wenn es Feuchtigkeit aufnimmt. In Deutschland ist das eine der wichtigsten Grundregeln fürs Schreinern. In Afghanistan wird das natürlich in vielen Verbindungen praktisch angewendet, aber sie wissen nicht unbedingt, warum. Einnullah jedenfalls ganz sicher nicht.
Die Arbeitsfläche der Werkbänke wollte er in der Fläche verleimen und dann aber auf der Unterkonstruktion festschrauben. Das muss reißen habe ich gesagt und: Gut, wir machen halt beides und schauen es uns einen Monat später noch mal an. Diese Woche haben wir es uns gemeinsam angeschaut: Die verleimten und verschraubten Tische sind entweder in der Leimfuge gerissen oder, wenn es gut und richtig geleimt war, mitten durchs Holz. Der Tisch mit der Gratleiste ist in der Breite zwei Zentimeter schmaler geworden, aber nicht gerissen. Erst schien es, als hätten sie verstanden. Aber dann verleimte Einnullah den Stuhl, den er zum Vorzeigen für die Lehrlinge gebaut hatte, wieder in genau der Art und Weise, dass die Sitzfläche mitten im Holz reißen muss. Ich habe es nur für ihn erneut erklärt und vielleicht hat er es verstanden.
Ich glaube, in unseren fachlichen Auseinandersetzungen geht es ihm oft um seine Selbstbehauptung. Ich habe deshalb anfänglich oft nachgeben, auch weil ich hoffte, von ihm zu lernen. Aber nachdem ich jetzt schon recht häufig anschaulich sehen konnte, warum ich als Schreiner irgendetwas so und nicht anders mache, bestehe ich nun regelmäßiger auf meiner Methode. Ich werde ja auch eigentlich nicht dafür bezahlt, dass ich etwas lerne, sondern dass etwas von meinen Kenntnissen und Fähigkeiten in Afghanistan bleibt.
In der direkten Konfrontation ziehe ich aber häufig den Kürzeren. Viele, einschließlich Einnullah, sind einfach sehr stur. Und wenn ich irgendetwas jetzt und hier geändert haben will, dann passiert einfach gar nichts. Zum Glück gefällt mir das grundsätzlich (nur im jeweiligen Moment halt nicht). Außerdem habe ich auch mit meinem Sohn gelernt, rechtzeitig aus einer Eskalation auszusteigen und nicht Willen brechen zu wollen. Wenn ich es unbedingt will, wird es noch lange nicht gemacht.
Oft ist es für sie sehr einfach zu erklären, warum ich sauberer als sie arbeite: Ich habe einfach das bessere Werkzeug (das sie oft ausleihen wollen). Werkzeug aus Deutschland ist immer viel besser. Vor allem besser als pakistanische Produkte, die immer schlecht sind, sagen sie. Ich habe dann zeitweilig mit ihrem Werkzeug gearbeitet, um ihnen zu zeigen. dass es eben nicht an der Badehose liegt, wenn der Bauer nicht schwimmen kann. Außerdem habe ich einigen, deren Werkzeug auch nicht scharf war, gesagt, dass sie es nicht behalten können, wenn sie gar nicht damit arbeiten.
Ein paar Sachen habe ich als Beispiel gebaut, weil es anschaulich besser zu erklären ist, als an der Tafel. Trotzdem glaube ich, dass ein guter Schreiner auch theoretische Sachen nachvollziehen können muss, sonst gibt es bald Grenzen in dem, was er lernen kann. Deshalb mache ich gleichzeitig weiter mit meinem theoretischen Unterricht. Da unterrichte ich auch Fachrechnen. Ich habe sie in zwei Gruppen eingeteilt. Es gibt eine Gruppe, in der ich die Grundrechenarten lehre, das kleine Einmaleins durchnehme (ich habe es mit arabischen Zahlen geschrieben und als Kopie an alle verteilt) oder auch nur addieren über Zehnergrenzen übe.
In der anderen Gruppe nehmen wir Dreisatz, Bruchrechnen und Kommazahlen durch. Ich wusste gar nicht, wie schwer es ist, zu erklären, warum 0,5 durch 0,0125 geteilt vierzig ergibt. Als letztes will ich mit ihnen Raumberechnung machen, um die Frage zu klären, wie viele Bretter ein Stamm ergibt. Spaß macht es mir, das Gelernte gleich im drauffolgenden Praxisunterricht abzufragen: Wie viele Schrauben brauchst Du, wenn Du hier am Fenster vier Bänder hast mit je sechs Schrauben? Na ja, oft stellt sich dann heraus, dass es nicht ganz die richtige Formulierung ist zu sagen: 'Das Gelernte abzufragen'.
Gut hat sich bewährt, mir die von ihnen gebauten Werkstücke mit jedem Lehrling einzeln genau anzugucken und zu bewerten. Ich versuche dann immer die Ecke zu finden, die gut geworden ist und zu sagen: Das ist toll geworden. Fast alle meine Lehrlinge sind mit Lob leicht zu erreichen. Der Krieg hat sie eben sehr hungrig gemacht, auch auf Lob. Auf die Art habe ich deutliche Verbesserungen ihrer Arbeit erzielen können. Obwohl ich auch viele verzierte Schreinerarbeiten gesehen habe, überwiegt in dieser Wiederaufbauzeit eindeutig die Funktion des Gebauten. Es ist oft nicht ganz so wichtig, wie es aussieht. Und das hängt im Grunde natürlich mit den Kundenwünschen zusammen. Auch in Deutschland macht es wenig Sinn, sauberer zu arbeiten, als ein Kunde das wünscht. Das wird eben nicht bezahlt.
Über das hier verwendete Holz kann ich übrigens gar nichts lehren. Ich kann die verschiedenen Holzsorten weder voneinander unterscheiden, noch kenne ich ihre Eigenschaften. Ich sehe nur, dass es erstaunlich viele verschiedene Sorten gibt und eine Eichenart habe ich erkannt. Zu meinem Entsetzen als Feuerholz in größerer Menge. Plattenmaterial gibt es auch, Spanplatten, die hier espanpalat heißen, und Sperrholz in allen Stärken und meist schlechter Qualität. Vieles ist so, wie ich mir Schreinerei in Deutschland vor etwa hundert Jahren, vielleicht auch direkt nach dem 2.Weltkrieg, vorstelle.
Öfter kommt irgendjemand und will irgendetwas von mir persönlich gebaut haben. Ich bin dann schnell abgenervt, weil sie dafür auch nichts bezahlen wollen. Wildfremde Menschen behaupten, dass das Gebaute sie dann immer an mich erinnern würde, wenn ich wieder in Deutschland bin.
Obwohl ich inzwischen ein wenig den anderen kulturellen Hintergrund verstehe, aus dem heraus sie mich auf so etwas anquatschen, sind meine Emotionen noch eindeutig europäisch. Ich bin dann immer ärgerlich. Ich bin es gewohnt, dass alles bezahlt wird und dass man höflich fragt, ob jemand etwas für einen machen kann und es nicht fordert.
In unserer individualisierten Welt wird eben viel über Geld geregelt, viele Beziehungen unter den Leuten sind Warenbeziehungen. Für die Afghanen ist das völlig unverständlich, weil vieles über Freundschaft und deshalb als Geschenk läuft. Weil jemand, der über Mittel verfügt, mehr Geschenke machen kann und diese Geschenke dann ‚Seilschaften' herstellen, sprechen wir von Korruption oder Unterschlagung.
So ist die Vehemenz, mit der auch ich auf Bezahlung und Abrechnung bestehe, im Grunde nichts anderes als die Durchsetzung der Warengesellschaft, ‚Entwicklungshilfe' eben.
21. März