Spaziergänge mit Sher Patscha

Auf einer meiner Taxifahrten hatte ich ein längeres Gespräch mit dem Fahrer. Wir unterhielten uns über Krieg und Frieden, scheiterten dann aber an meinen doch noch immer ungenügenden Sprachkenntnissen. „Sie müssen mich unbedingt besuchen kommen,“ meinte er zum Ende des Gespräches und wechselte dabei die Anrede: „Am Besten, Du kommst jetzt gleich mit mir zu einem Tee. Mein Schwager spricht Englisch!“

Normalerweise habe ich solche Einladungen nicht mehr sehr ernst genommen, weil ich gelernt hatte, dass sie oft auch nur als nette Geste gemeint waren. Einmal lud mich Said Machmat zu sich zu einem Tee ein, als wir an seinem Haus vorbei fuhren. Ich glaubte, das sei ernst gemeint und war auch neugierig, sein Haus zu sehen. Als ich einwilligen wollte, schritten zum Glück meine Mitfahrer mit Entschiedenheit ein: „ Nein, wir haben keine Zeit!“ Ich konnte an Said Machmat’s Gesicht erkennen, dass er froh war, als ich mich dann auch erinnerte, wie knapp unsere Zeit war.

Diesmal aber war die Einladung deutlich ernst gemeint; ich hatte auch Zeit und willigte ein. Ich konnte nicht ahnen, dass daraus eine meiner schönsten Begegnungen in Afghanistan würde. Der Schwager des Taxifahrers hieß Sher Patscha und arbeitete bei einer der vielen ausländischen Hilfsorganisationen. Er hatte das Glück, dass er dort eine relativ sichere Position hatte, wie ich aus den Gesprächen entnehmen konnte.

Er gehörte zu den Intellektuellen, wie ich sie schon getroffen hatte: Gebildet, interessiert und wach; es war sehr anregend sich mit ihm zu unterhalten. Bald war mir, ähnlich wie mit meinen afghanischen Kollegen, nicht mehr bewusst, dass ich in Afghanistan war. Bei unserem ersten Tee, im Beisein seines Schwagers, war Sher Patscha erst recht kühl mir gegenüber, taute aber im Gespräch schnell auf.

„Weißt du, ich habe schon so viele Europäer kennen gelernt und halte mich meist von ihnen fern. Viele schauen auf uns herab, halten sich für besser. Das können sie gerne tun, aber ich habe dann auch keine Lust, ihnen näher zu kommen. Bei Dir fühle ich mich gleichwertig,“ sagte er mir zum Abschied und verabredete sich mit mir zu einem Spaziergang durch die Stadt für die folgende Woche.

Sechs Tage später kam Sher Patscha pünktlich zu mir nach Hause, um mich abzuholen. Er hatte sich einen westlichen Anzug angezogen, was aber den Nachteil hatte, dass wir die Blicke der Leute auf uns zogen. „Ich dachte, dass Du auch europäisch gekleidet wärst und wollte dir zeigen, dass mir Deine Kleidung nicht ungewohnt ist,“ meinte er und lachte: „Das nächste Mal komme ich auch in unauffälligen Sachen!“

In den folgenden Wochen sind wir durch einige Winkel der Stadt gelaufen, den Viehmarkt und die Gassen hinter dem Großmarkt haben wir uns angeschaut und Sher Patscha hat mir sein Land erklärt. Auf einem der Hügel zeigte er mir die Versuche der Stadtverwaltung vor über zwanzig Jahren, also noch bevor der Krieg begann, grüne Oasen in der Stadt zu schaffen. Oben auf dem Hügel war ein Betonbecken, dass Regenwasser sammeln sollte. Es war geplant, den Hügel mit Bäumen zu bepflanzen, die die Zisterne bei Trockenheit bewässern sollte. Mir wurde in den Gesprächen immer mehr bewusst, wie sehr hier jemand leiden musste, der seinen Ort und die Menschen, mit denen er lebt, liebt. Vor dem Krieg hatte er mit aufbauen wollen, Afghanistan zu einem Land machen wollen, in dem es sich für alle gut leben lässt. Und stattdessen sah er jahrzehntelang nur Zerstörung.

„Weißt Du, als die Sowjets kamen, da glaubten einige von uns, dass sie dem Land auch helfen, verstaubte Strukturen zu verändern. Aber die waren ja so verbohrt. Ich habe miterlebt, wie sie eine alte Frau zur Alphabetisierung geschleppt haben. Oder einem Vater von fünf Jungen alle fünfe zum Militär eingezogen haben. ‚Nur für ein Jahr!’ Daraus wurden zwei, drei, vier. Viele der Kommunisten waren ganz junge Leute, die alles andere als sensibel mit den alten Strukturen umgegangen sind. Mit solchen und vielen anderen Geschichten haben sie ihre guten Ideen schon im Ansatz selbst lächerlich gemacht. Na ja, und dann natürlich dieses ganze Undemokratische, die Spitzel, die Gefängnisse. So etwas kannten wir schon vorher, aber es war noch schärfer, noch dazu, weil der Krieg dann ja begann.“

„Von Massoud hatte ich lange eine hohe Meinung,“ sagte er ein anderes Mal: „ich dachte, dass er demokratischer wäre und auch, wie soll ich sagen, zivilisierter. Lange hatten wir nur diese Idioten wie Rabbani, Hektmatyar oder andere dieser in Pakistan geschulten reaktionären Mörder in der Stadt. Als Massoud hier dann auftauchte, sind Freunde von mir zu seinen Truppen in die Berge, um sich anzuschließen. Oh, denen wurde übel mitgespielt! Weil sie aus Kabul waren und angeblich verwestlicht, wurden sie von Massouds Mujaheddin schikaniert und zum Teil behandelt, wie Feinde. Ich habe zwei von ihnen nie mehr wieder gesehen. Besonders, als Massouds Truppen sich dann in der Stadt festsetzten und gegen die anderen Kriegsherren kämpften, da benahmen sie sich genauso barbarisch, wie alle übrigen. Manchmal hat sich Massoud offiziell von den schlimmsten Vergewaltigungen oder Massakern distanziert, aber er hat nichts dagegen unternommen. Was waren wir enttäuscht.“

Manchmal wurde er sehr wütend über die Afghanen, die ins Ausland geflohen sind. Besonders diejenigen, die nach Europa oder Amerika fliehen konnten, jetzt reich sind (zumindest für afghanische Verhältnisse) und auch nach Kriegsende nicht zurückkommen. Ich glaube, er war verzweifelt, weil er gerade auf deren Weltoffenheit und Liberalität in Afghanistan hoffte. „Ich bin bei meinen Leuten geblieben,“ meinte er: „Die Menschen wollte ich nicht im Stich lassen. Meine Brüder sind alle geflohen, ich hätte auch das Geld gehabt. Natürlich weiß ich nicht, ob das irgendwem geholfen hat. Aber ich weiß, was es bedeutet, wenn gerade Dein Haus beschossen wird. Ich habe in Mikroyan gewohnt, als Hektmatyar angriff. Das Haus wurde voll getroffen, während wir im Keller saßen. Was ein Wunder, dass wir überlebt haben.“

Als ich ihm über den Wuluswal von Hezarak erzählte, fing er an zu schimpfen: „Diese ungebildeten Idioten! Haben nur Stroh im Hirn, haben nie etwas anderes gelernt als Töten! So Leute können nur noch von Krieg und Töten erzählen, weil sie von nichts anderem eine Ahnung haben. Ich habe das oft genug erlebt. Und sie glauben, wenn eine Frau sich wäscht, sei sie ‚sexuell’. Nur weil sie selbst und ihre Frauen stinken. Ungebildete Idioten halt.“ Ich lachte: „Du bist ein echter Kabuler, Sher Patscha! Die Kabuler haben die Leute vom Land noch nie gemocht.“ „Na ja,“ meinte Sher Patscha, „Glaub mir, so sind die Leute von der Sayyaf- Partei: Konservativ, gefährlich und dumm. Du hast doch erzählt: Die Familie vom Wuluswal wohnt in Pakistan, weil er sie dort sicherer weiß. Er kennt halt seinesgleichen. Hier ist für ihn Manövergebiet und hier will er regieren und absahnen!“

Manchmal war ich ganz schlapp nach einem Besuch von ihm, es waren so viele bittere Geschichten, die er zu erzählen hatte. Er wollte auch anfangs nicht, dass ich ihn zu Hause besuche. Als ich ihn das erste Mal getroffen hatte, war er in dem Haus seines Schwagers gewesen. Er wollte wohl kein Aufsehen im Block, weil ihn ein Europäer besucht. Ich glaube, er hat sich in den vielen Kriegsjahren an Vorsicht und Angst gewöhnt. Seine Frau trage auch die Burka, wenn sie außer Haus gehe, meinte er.

Sher Patscha wohnte in einer der Plattenbausiedlungen, die unter den Afghanen als Wohnungen sehr beliebt sind. Warum die Wohnung beliebt sind, konnte ich nicht nachvollziehen, ich fand sie sehr hässlich und eng.

Irgendwann erlaubte er mich doch, ihn zu besuchen: „Meine Kinder wollen Dich gerne sehen“, sagte er lächelnd. Sieben Kinder hatte auch er, zwei waren schon junge Männer, studierten beide. Und alle zusammen wohnten in einer kaum möblierten Drei-Zimmer-Wohnung, die Schlafmatten wurden immer ausgerollt. Ich bekam Tee und eine Süßspeise serviert und nacheinander kamen zwei kleine Jungen ins Zimmer, blieben kurz und gingen dann wieder. Seine kleine Tochter schaute ebenfalls für ein paar Minuten zu uns herein Seine Frau bekam ich auch bei ihm nicht zu Gesicht. Bilder hingen an den Wänden. „Früher habe ich geschrieben und gemalt,“ erzählte mir Sher Patscha,“ aber das kann ich heute nicht mehr. Die Kriegszeit macht so hart.“

So gerne ich mit Sher Patscha zusammen war, bei ihm wurde mir am schmerzlichsten bewusst, wie schwer es ist, über Kulturgrenzen hinaus Freundschaften zu schließen. Manchmal mag es die Sprache gewesen sein, aber oft war es unser verschiedener kultureller Hintergrund, der ein wirkliches Verstehen so schwer machte. Besonders in den Zeiten, in denen ich durch meine kurzen Wochenenden in Kabul weniger Kontakt zu den anderen Deutschen hatte, spürte ich, wie meine Freundschaft zu Sher Patscha oder anderen Afghanen die Nähe nicht ersetzen konnte, die ich von Deutschland her kannte. Es war halt doch immer noch eher ein Bilderbuch, dass ich aufschlug, eine Betrachtung von außen und kein Verstehen von innen.

6. April

Logar – in der Heimatprovinz von meinem Co-Teacher Einnullah

An meinem letzten Arbeits-Wochenende bin ich mit Übersetzer Sadat und meinem Co-Teacher Einnullah in die Heimatprovinz des Letzteren gefahren. Die Woche zuvor hatte mir Einnullah spontan abgesagt und ich war sehr enttäuscht gewesen. Als Grund hatte er angegeben, dass es in Logar gefährlich wäre. Ich habe das nicht recht geglaubt, sondern eher vermutet, dass er schlicht keine Lust dazu hatte, mich einzuladen, oder aber es in seinem Haus zu eng wäre. Ursprünglich wollte ich über eine Nacht dort bleiben und da er in dem Haus seines Schwiegervaters für sich und seine Frau nebst zweijähriger Tochter nur ein Zimmer zur Verfügung hat, kann das gut zu eng gewesen sein (in dem einen Zimmer natürlich, aber normal gibt’s in so einem Anwesen ja ein Gästezimmer).

Ich war richtig stinkig, weil ich mich sehr darauf gefreut hatte und habe ihm bei der nächsten Gelegenheit erzählt, dass ich nicht glaube, dass ich sein Freund sei, sonst hätte er mich nicht ausgeladen. Irgendwie haben wir dann ausgehandelt, dass ich ihn nur über Tag besuche. Er ist also nach der Arbeit am Donnerstag nach Logar und kam am Freitag früh wieder nach Kabul. Um acht Uhr hatte er uns zu der Werkstatt eines seiner Onkel bestellt, er kam so gegen neun. Etwa eine halbe Stunde später (nach etlichen kleineren Widrigkeiten, ich glaubte schon nicht mehr so recht daran, dass wir überhaupt fahren würden) ging’s dann auch schon los.

Wir haben uns in einen Kleinbus mit dazu gesetzt, hinter uns eine Familie mit kleinem, schreienden Kind und ein einzelner Mann, vor uns neben dem Fahrer noch ein dritter Mann. Und kaum, dass wir abfahren wollten, kam noch ein weiterer Mann absprachewidrig mit zu uns dreien in die zweite Sitzreihe. Das wurde ziemlich unbequem und mir schien die Fahrt endlos. Besonders die ersten zwanzig Minuten wollten nicht vorüber gehen. Und ich wusste ja: Eine Strecke dauert ungefähr zwei Stunden.

Aber die Landschaft wurde immer schöner. Wir konnten sie meist rechts neben uns liegen sehen, die recht gute, asphaltierte Straße zog sich ein wenig am Hang entlang. Eine echte Flussoasen-Landschaft mit ausgedehnten Bewässerungskulturen, auch hier wieder viele blühende Obstbäume. Eine Art blüht ganz lila, wie bei uns der Flieder von der Farbe her, die Blüten sind aber einzeln.

Und direkt neben den Feldern und vielen Bäumen dann karges Land, jetzt mit einem zarten grünen Überzug, der aber in den nächsten Monaten, zum Sommer hin, wieder verschwindet. Die Berge, die sich den ganzen Weg entlang rechts und links auftürmen, mal weiter weg, mal ganz eng zusammen, zum Teil noch mit ein wenig Schnee, aber alle kahl. Weit im Hintergrund hohe, ganz weiße Bergspitzen. Ein besonders hoher Berg zu unserer Linken ist Koh-e-safet, der weiße Berg, den ich auch von Hezarak aus immer sehen konnte.

Auf den Berghängen die Zelte der Kutschis mit zum Teil riesigen Schaf- und Ziegenherden. Einmal sahen wir sie auch mit Kamelen. Und überall Siedlungen, ich konnte nicht erkennen, wo ein Dorf aufhört und wo das nächste anfängt. Auch die Entscheidung, was ein größerer Ort ist (wie auf der Karte eingezeichnet), fand ich ziemlich willkürlich.

Gegen Ende der Fahrt verließen wir die gut ausgebaute Straße, die auch weiter zu den Unruheprovinzen Paktia und Paktika führt und bogen auf eine der inzwischen gutbekannten Lehmpisten ab. Dort standen ab und zu kleine Jungen, die mit Mühe ihre Schaufel halten konnten, neben einem Schlagloch. Wütend schrieen sie uns manchmal etwas nach, wenn wir sie nicht dafür bezahlen wollten, das sie doch offensichtlich die Straße reparierten.

Leider war unsere Absprache, dass ich meine Klappe halte und auch auf gar keinen Fall fotografiere, damit mich (inzwischen mit Afghanenkleid, Sandalen ohne Strümpfe, weißem Mullahkäppi, der Decke über der Schulter und –was mir schwer gefallen ist- ohne Rucksack) niemand als Ausländer erkennt.

So musste ich dann mit dem Bildermachen warten, bis wir aus dem Auto gelassen wurden (was ein Glück!) und unsere Glieder strecken konnten. Wir standen nun inmitten einer engen Allee, ringsum Felder und Baumreihen, vor uns, an einen Hügel mitten im Tal gebaut, eine Siedlung. Den engen Gassen folgend, kamen wir zu einem sehr verwinkelten Haus und durch eine kleine Holztür verschwand Einnullah. Wir mussten erst einmal draußen warten, bis drinnen alle unsere Wege ausreichend frauenfrei waren, dann durften wir eintreten, freundlich durch zwei 15-jährige erst mit Tee, später mit dem üblichen Reis, Fleisch, Joghurt und weißem Pudding bewirtet. Wir aßen zu fünft.

Einnullah’s kleine Tochter kam irgendwann heulend zu uns und ließ sich weder mit Murmeln, noch mit einer kleinen Taschenlampe von mir beeindrucken. Einnullah erklärte auf meine Nachfrage, dass sie geschlagen oder ausgeschimpft wurde, weil sie geschrieen hatte. Nach meiner Beobachtung ist es mit der viel gerühmten Kinderliebe der Afghanen nicht ganz so weit her. Besonders die Paschtunen sind sehr streng selbst zu den Kleinsten. Ich habe zwar manchmal auch in der Öffentlichkeit Mütter und Väter zärtlich zu ihren kleinen Kindern gesehen, aber eben auch öfter Schläge beobachtet.

Einmal bekam ich auf einer sehr großen Kreuzung von einem etwa zwölfjährigen Radfahrer den Weg abgeschnitten. Rechts neben mir ein Auto, er von schräg links kommend, blieb mir nichts anderes übrig, als anzuhalten. Obwohl die Kreuzung ansonsten fast leer war, standen wir nun dicht an dicht, er konnte wegen des Autos ja auch nicht weiter. Ich hebe in so Momenten gerne grinsend die Hände und frage: „Und, was hast Du jetzt vor?“ Der Junge hat aber mein Handheben sofort eindeutig interpretiert und duckte seinen Kopf. Wie selbstverständlich erwartete er eine Ohrfeige. Aber, wie bereits geschrieben, die Polizisten ohrfeigen auch Erwachsene, nicht nur Kinder.

Das Haus selbst bestand aus mehreren Etagen, an den Hang gebaut, zum Teil durch eine wunderschöne, gewundene Lehmtreppe miteinander verbunden. In ihrem Zimmer hatten sie mächtig herumgeräumt, um mir den üblichen, leeren Raum präsentieren zu können. In einem Drittel stapelten sich irgendwelche Dinge bis unter die Decke, mit Tüchern zugedeckt. Das Badezimmer bestand aus einem sehr dunklen Raum mit verschiedenen Abteilungen, die durch etwa zehn Zentimeter hohe Mäuerchen voneinander abgetrennt waren. Eine dieser Abteilungen war das berühmte Loch im Boden, das ich dann auch benutzte. Daneben lag in einer kleinen Kuhle ein Haufen loser Erde. Ich nehme an, die wird nach getaner Arbeit durch das Loch geworfen, gegen die Fliegen.

Nach dem Essen bedurfte es einiger Überzeugungsarbeit, bis ich das versprochene Sightseeing-Programm auch wirklich geboten bekommen habe. Ich kam mir zwar einerseits ziemlich schofel und unhöflich als Gast vor, auf der anderen Seite wusste ich aber auch, dass ich nach Logar wahrscheinlich nie mehr in meinem Leben kommen würde. Und mir ging es auch ein bisschen auf den Keks, immer wieder alles Erdenkliche versprochen zu bekommen, mit dem offensichtlich gutem Wissen, dass es doch nicht möglich ist. Viele Argumente jedenfalls, die ich zu hören bekam, wusste Einnullah schon vorher.

Als erstes war auf dem Programm, Einnullahs zukünftiges Haus zu bewundern. Gegen meinen Willen sind wir mit einem Taxi dort hingefahren. Das Argument war, wir müssten sowieso das letzte Stück zu Fuß gehen (etwa 300 Meter). Wir gingen an einem tiefen, sehr großen Loch vorbei, wohl ein Bewässerungsbrunnen mit irgendeiner Wasserhebevorrichtung. Leider habe ich nicht ganz verstehen können, wie das funktionierte und Sadat war mal wieder mit seiner Verdauung beschäftigt und unwillig zu übersetzen. Im Augenblick – durch den vielen Regen der letzten Wochen – floss aber sowieso genügend Wasser über die normalen Bewässerungskanäle.

Wir kamen dann in eine Folge enger Gassen, die zwischen hohen Mauern hindurch gingen (aber auch hier etwas freier und luftiger, als die Paschtunen- Siedlungen), bis wir wieder vor einem sehr niedrigen Holztor standen. Durch eine Reihe von tunnelartigen Gängen (wir mussten uns zum Teil bücken) ging es zu einer größeren Freifläche, die von offensichtlich kriegsbeschädigten Bauten umgeben war. “Hier will ich mein Haus bauen”, sagte Einnullah. Zu sehen war noch gar nichts. Ich bin mir immer noch unsicher, ob ich ihm das alles so recht abnehmen soll. Immerhin ist es ihm ein wichtiges Anliegen, mir klar zu machen, wie arm er ist, weil er sich über mich Unterstützung von ZIM erhofft. Hauptsächlich hat mich irritiert, dass sein Haus hinter einer solch langen Flucht von anderen Bauten in einen kleinen Winkel eingebaut werden sollte. Kein richtiger Garten, das Ganze ziemlich bedrückend und eng. Und das, obwohl das Gebiet ringsum eigentlich weiträumig und offen ist, wir waren schließlich nicht in Kabul.

Auf dem Rückweg durch den Tunnel kamen wir an zwei wunderschönen, geschnitzten Türen vorbei. “Die hat mein Schwager selbst gemacht”, erklärte Einnullah: “der ist auch Schreiner, wie die meisten meiner Familie.” Kaum wieder draußen wurden wir von weiteren Verwandten in den nächsten Hof zum Tee gebeten. Auch hier wieder erstaunliche Bauten hinter den nicht ganz so gepflegten und nicht so hohen Mauern, zum Teil mehrstöckig (die Bauten).

Dort kamen Männer jeglichen Alters zusammen, um mit mir Tee zu trinken. Ich glaubte schon die Großvater-Generation zu bewundern, wurde aber eines Besseren belehrt. Die alten Männer mit ihren langen Bärten standen ehrfürchtig auf, als ein Greis den Raum betrat, mit Stock und nur noch nuschelnd. Dessen Alter war nun wirklich nicht mehr einzuschätzen.

Obwohl es durch den Tee schon spät geworden war, bestand ich auf den versprochenen Spaziergang, zumindest einmal wollte ich einen der Hänge hinauf, um einen Blick über das Tal zu bekommen. Sie hatten schon das Taxi bestellt für den Rückweg und nun wollten sie einfach wieder zurück. Mit Geld und Geduld konnte ich dann auch den Taxifahrer davon überzeugen, wie wichtig mir das wäre, etwas zu Fuß zu laufen.

Unterhalb eines Aussicht versprechenden Berges und nach meiner eindringlichen Nachfrage, ob er auch wirklich sicher Minenfrei sei, hielt das Taxi an. Sadat meinte, es sei nicht gut, mit vielen Leuten auf den Berg zu gehen, weil dann die Miliz argwöhnisch werden würde. Einnullah aber kam mit und dann noch ein Junge, wohl der Bruder des Taxifahrers (seine niedliche, zweijährige Schwester war übrigens auch mit im Taxi).

Ich bin sofort voller Begeisterung den Hang hochgestürmt, kam aber bald nicht weiter, weil einer der vielen Bewässerungsgräben (inzwischen bestimmt 20 Meter oberhalb des Flusses) mir den Weg versperrte. Nach dem fast erfolgreichen Versuch, ihn einfach zu überspringen, wollte mich Einnullah schon überreden, wieder umzukehren. Ich sei schließlich ganz nass und oberhalb sei ein weiterer Graben, noch tiefer und breiter.

Das stimmte auch, aber erstens schien die Sonne und zweitens gab es weiter links ein Gehöft, das hinter den Gräben lag. Also musste es eine Brücke geben. Als wir diese überquerten, wurden wir neugierig beobachtet.

Mir wurde wieder bewusst, wie neu auch in Deutschland die Idee ist, Landschaft nicht nur nutzen, sondern betrachten zu wollen. Soweit ich weiß, fingen bei uns die Leute erst im Zuge der Romantik an, wandern zu gehen. Und Berge zu besteigen, ohne Vieh weiden lassen zu wollen, gab es vor 1800 so gut wie nicht.

Ich erinnere mich, noch während meiner Lehrzeit auf dem Land mit meinem Ansinnen, spazieren gehen zu wollen, auf völliges Unverständnis gestoßen zu sein. Und nicht etwa, weil jemand gehfaul war (wie Sadat), sondern weil meine damalige Freundin sich einfach nichts darunter vorstellen konnte. Sie führte mich in den großen Gemüsegarten hinter ihrem Haus und schaute mich dann ratlos an: „Und jetzt?“

Oben auf dem Berg angekommen, war es wunderschön. Selbst Einnullah, der eigentlich nur seinen Gast nicht alleine lassen durfte, war erstaunt und begeistert, seine Heimat von oben zu betrachten. Deutlich konnten wir die Flussoase als dichtes, grünes Band mit vielen Häusern sich durch das Braun der Landschaft ziehen sehen. Mitten drin der sich spiegelnde Fluss und zu den Seiten die zum Teil schneebedeckten Berge. Dann war es Zeit, wieder nach Kabul zu fahren. Ich rannte den Berg hinunter, es machte richtig Spaß. Dann mussten wir aber wieder einen Übergang über die beiden Kanäle finden, wir waren nicht denselben Weg zurückgelaufen. In der Nähe eines Hofes gebot mir Einnullah, nicht mehr zu rennen. Das würde auf uns aufmerksam machen, weil in Afghanistan niemand rennt würde.

Ich habe tatsächlich noch keinen Afghanen rennen sehen. Mit den Badelatschen, die die Afghanen oft tragen, kann man auch nicht rennen. In der Nähe von Einnullahs Haus mussten wir das Taxi wechseln. Einnullah bestand darauf, auf meinen Pullover aufzupassen und verschlampte ihn dann. Er versprach mir, ihn wieder beizubringen, vergaß ihn aber bei der nächsten Begegnung.

Vielleicht spekuliert er darauf, ihn auch geschenkt zu bekommen (ich hatte ihm schon mal einen geschenkt), ich weiß es nicht. Der neue Taxifahrer wollte möglichst schnell nach Kabul, weil er in Logar wohnte und wieder zurück wollte, am gleichen Tag.

Nach wieder mal einiger Überzeugungsarbeit an allen Beteiligten gelang es mir, in der nächsten ‚Stadt’ einen Taxifahrer zu finden, der mir zusicherte, genügend Zeit zu haben, dass ich immer wieder anhalten könne um Bilder zu machen. Das war richtig toll, ich habe einige sehr schöne Bilder machen können.

Sadat und ich hatten auch richtig viel Platz in dem Taxi nur für uns, ein ganz anderes Fahren, als auf dem Hinweg. War natürlich auch teurer: Anstelle vorher umgerechnet 1 Euro pro Kopf für die zweistündige Fahrt zahlte ich jetzt 6 Euro für das ganze Taxi. Einnullah war in der Kreisstadt geblieben und wollte abends wieder zu seinem Haus zurück.

Sadat wollte unbedingt vorne sitzen und redete in einer Tour auf den Fahrer ein. Nach etwa einer Stunde wirklich unentwegten Redens (der Fahrer hörte fast nur zu), machte ich eine Bemerkung dazu, weil es mich langsam aufregte. Sadat erklärte mir daraufhin, sie hätten einiges klären können, der Fahrer habe zu der gleichen ‚Society’ gehört wie er. Mir war sofort klar, zu welcher: Beide gehörten früher dem fundamentalistischen Hektmatyar an, der in der Zeit nach der Vertreibung der Russen unter anderem gegen Massoud kämpfte und dabei das bis dahin kaum zerstörte Kabul in Schutt und Asche legte.

Sobald Hektmatyar wieder zu mehr fähig ist, als zu albernen Kleinattacken gegen die Amerikaner wie jetzt, wird Sadat mit Begeisterung mitkämpfen. Waffen haben wir alle noch, meinte er stolz.

In der einbrechenden Dämmerung erreichten wir den letzten Checkpoint vor Kabul. Zu meinem großen Ärger hielten Milizionäre das Auto an und erklärten, dass sie mitfahren wollten nach Kabul. Einer stieg erst auf der einen Seite ein und zweie schickten sich an, auf der anderen Seite einzusteigen. Ich habe fluchtartig das Auto verlassen, zwischen diesen beleibten Herren wollte ich mich auf keinen Fall einzwängen lassen. Sie fanden dann auch ganz normal, dass ich mich vorne zu Sadat quetschte.

Sadat, offenbar in Angst, es könne auf die letzten Meter jetzt noch Schwierigkeiten geben, gebot mir, bloß die Klappe zu halten. Die werden sonst misstrauisch und wollen wissen, woher Du kommst, was Du in Logar gemacht hast und so weiter, meinte er. Ich war so sauer, dass ich mich nur mit Mühe beherrschen konnte. Und in Kabul angekommen, wo ich mich sicher fühlte, redete ich auch trotz des Verbotes von Sadat. Die dreie hinter uns hat es aber nicht im Mindesten interessiert.

Im Süden von Kabul ließ uns der Taxifahrer raus, ich verabschiedete mich von Sadat, aß noch eine Portion Pommes und suchte mir dann ein Taxi nach Taimani.

4.April

Mit meiner Kollegin ohne Schleier in Karam

Letzte Woche war noch mal richtig was los. Erst kam mich am Mittwoch Abend Bettina , meine Kollegin, abholen. Ich habe die Gelegenheit genutzt, sie zu fragen, ob sie mit mir vielleicht noch mal nach Karam fahren möchte. Weil ich das doch gerne fotografieren wollte. Sie hatte Lust und Zeit dazu und so sind wir bis zu dem Ort gefahren und anschließend noch zu Gulsars Gehöft gelaufen (die Straße geht nur bis zur Ortsmitte, danach gibt es nur den Weg für Fußgänger und Maulesel).

Es war wieder richtig schön, besonders weil die Obstblüte unmittelbar bevorsteht und es an vielen Stellen schon richtig grün geworden ist. Auch einige Blumen habe ich gesehen, den Huflattich habe ich erkannt.  Als wir losfuhren, habe ich Bettina vorsichtig wegen einem Kopftuch gefragt. Sadat meinte, das sei nicht nötig. ‚We have now democracy’ sagte er empört, aber auch ein wenig spöttisch. Mir war es dann sehr peinlich, Bettina darauf angesprochen zu haben.

Und tatsächlich, die Leute haben zwar geguckt, aber ein Problem war es zu keinem Zeitpunkt. Nur eine Reihe von Mädchen, die auf dem Feld arbeiteten, fingen fürchterlich an zu kichern. Bettina meinte: ‚Davon werden sie wohl noch ein Leben lang erzählen.’ Und ich setzte lachend hinzu: ‚Ja, ‚a nacked women’.’ Ich dachte mir dann, da hätte Svenja auch nicht die ganze Zeit auf dem Hof ein Kopftuch tragen müssen.

Die Schomali-Ebene nördlich von Kabul

An einem Wochenende fuhren Benjamin und ich in die Schomali-Ebene nördlich von Kabul. Ich hatte immer mal wieder davon gelesen und wollte sie einfach gerne sehen. Sie soll sehr fruchtbar gewesen sein, voller Weinberge auch. Sie war aber immer wieder ein wichtiges Kriegsgebiet gewesen, zuletzt zwischen den Taliban und den die Nordallianz dominierenden Panjiris. Das Panjirtal grenzt im Norden direkt an die Schomali- Ebene. Die Taliban verfolgten eine Weile eine Politik der Vertreibung und etliche Schomali-Dörfer wurden in die Provinz um Jallalabad zwangsumgesiedelt. Außerdem haben sie viele Weinberge zerstört, weil sie dem Laster und der Gottesferne dienen. Mir ist die Schomali- Ebene die ganze Zeit nur ein Begriff gewesen, unerreichbar fern.

Mit dem Taxi eines Nachbarn und dessen 17-jährigen Sohn als Fahrer (der Nachbar hatte gefragt, ob ich nicht lieber selber fahren wollte, sein Sohn würde immer so schnell fahren), ging’s los. Und ich war erstaunt, wie schnell wir diese Ebene erreichten. Im Grunde mussten wir nur über einen der Hügel. Oben gab es eine Kaserne mit wirklich der riesigsten Massoud-Stellwand (dem ermordeten Kriegsfürsten der Panjiris), die ich bisher gesehen habe. Und das will was heißen, ist sein Konterfei doch überall präsent in der Stadt.

Die Amerikaner wollten eigentlich nicht, dass die Nordallianz die Stadt Kabul einnimmt, aber das hätten sie nur mit einem Krieg gegen ihre Verbündeten verhindern können. Nachdem die Taliban einmal aus Schomali vertrieben waren, brauchten die Massoud-Krieger schließlich nur noch übern Berg. Nun sitzen sie in Kabul in allen wichtigen, bzw. lukrativen Positionen, empfinden sich als Befreier oder als Besatzer und benehmen sich auch so. Das sind ja zum Teil Leute, die zwanzig Jahre nichts anderes als gekämpft und getötet haben. So einer ist dann jetzt Bürgermeister von Kabul zum Beispiel. Für den ist Kabul nur die Beute, die es auszunehmen gilt.

Aber dann lag sie endlich zu unseren Füssen, die blühende Landschaft. Grün, endlich wieder grün! Und blühende Obstbäume! Und wilde Tulpen! Die Felder waren voll davon und Kinder standen am Straßenrand, um sie zu verkaufen. Ich habe auch noch sehr viele Weinberge gesehen, wobei es natürlich keine Berge sind, sondern der Wein wird in der Ebene angebaut. Viel Kriegsschrott (beeindruckend ist so ein Schlachtfeld mit mehreren ausgebrannten Panzern und anderen Fahrzeugen schon) konnten wir auch sehen, viele Zerstörungen, Ruinen und Mienenfelder.

Aber im Grunde ist die ganze Ebene besiedelt. Überall diese Wehrburgen, aber auch kleinräumigere Siedlungen. Ein Deutscher, in dessen Werkstatt ich meine Bienenkästen habe bauen lassen, erklärte mir später, dass die Paschtunen vorzugsweise diese Festungen bauen und auch nicht unbedingt im Dorfverbund. In einem solchem Hof wohnen manchmal schon über fünfzig Menschen.

Und die Tadjiken (meine Schreibweise ist keine offizielle!) bauen eher im Dorfverbund und brauchen nicht so dringend diese hohen Mauern um ihre Anwesen. Das war mir auch in Karam aufgefallen, in Hezarak. Karam war ein sehr großes Dorf und irgendwie anders als die Dörfer sonst in Hezarak. Bis mir auffiel, dass unter anderem die hohen Mauern fehlten. Auch mein Lehrling Shirshah (übersetzt: der König der Löwen) wohnte in einem Haus ohne Mauer drum herum.

Karam ist ein Tadjiken-Dorf. In einem Paschtunen- Dorf hatte mir Mir Shah von NGE Häuser gezeigt, die sie fertig gebaut hatten, in die die Leute aber nicht einziehen wollten, weil die Mauer noch fehlte. Paschtunen bauen erst die Mauer, dann das Haus.

Mitten durch diese Ebene geht die autobahnbreite Straße, richtig mit Grünstreifen in der Mitte. Die haben die Taliban gebaut, eine echte Hitlerautobahn, aus militärischen Gründen halt. Manchmal ist sie direkt am Straßenrand vermint.

Wir haben bald Rast gemacht, in einem Restaurant zu Mittag gegessen. Das war so ein Drive-in, neu gebaut, aber nett gemacht. Und das Essen in dem großen Raum war auch gut. Leider gab es nicht mal die Andeutung einer Toilette. Warum auch, drumherum ist schließlich genug Landschaft. Wir saßen auf einem der Holzpodeste, die es –neben der Bestuhlung- oft in den Restaurants gib. Ich mag das sehr gerne, im Schneidersitz zu essen. Wir hatten natürlich bald zwei, drei interessierte Zuhörer und bekamen auch den Rat, nicht in die Berge zu fahren. Ansonsten war das große Restaurant fast leer.

Direkt neben dem Restaurant gab es einen kleinen Bach, der unter einer Steinbrücke unter der Straße entlang floss. Ihm entlang konnte ich unter grünen Bäumen in der Ferne Kinder auf einer Wiese zwischen ihren Häusern spielen sehen, ein richtig schönes Frühlingsbild.

Später konnten wir von Weitem Baghrami sehen, den großen Militärflughafen der Amerikaner, auf dem sie ihr zentrales Gefangenenlager in Afghanistan eingerichtet haben und –nach vielen übereinstimmenden Berichten- auch foltern. Wahrscheinlich in Gottes Auftrag. Je weiter wir nach Norden fuhren, desto unruhiger wurde unser Fahrer. Nach eigenen Angaben hat er Kabul noch nie verlassen, aber ich kann das nicht glauben. Vielleicht war er in diesem Jahr noch nicht außerhalb von Kabul. Jedenfalls ist für ihn, wie für jeden echten Kabuler, alles außerhalb Kabuls gefährlich.

Als Benjamin irgendwo mit seiner großen Kamera Bilder machte und auch ins Gespräch kam mit einer Volleyballmannschaft, kam er hinterher gelaufen und bat ihn wieder ins Auto: “Die haben alle Pistolen unter ihren Schawls (den großen Decken, die sie oft tragen)!”

Für mich war es sehr beeindruckend, an den Tälern vorbeizufahren, wo es nach Bamyian abgeht, dem Hazarajat also, wo die großen Buddhastatuen standen, oder dem Tal, wo es nach Salang geht, dem Hindukushpass nach Mazar-i-Sharif. Dem Pass also, den alle der vielzähligen Eroberer überwinden mussten, Alexander der Grosse zum Beispiel.

Leider wurde es dann zu spät, die Straße war auch nach der letzten Flussüberquerung (eine beeindruckend gesprengte Brücke und wir fuhren weit hinunter auf eine Ponton-Brücke) immer schlechter geworden und wir kamen kaum noch voran. Auch waren wir schon am nördlichen Rand der Ebene und es ging in die angrenzenden Hügel hinein.

Ich wäre so gerne noch bis zum Panjirtal gefahren, hätte Gulbahar gerne gesehen, wo die große Textilfabrik gestanden hatte, vor 25 Jahren der Einsatzort vieler Entwicklungsdienst-Kollegen. Aber unserem Fahrer stand allmählich die Angst im Gesicht geschrieben und wir wollten auch vor sechs wieder in Kabul sein. Auf dem Nachhause-Weg mussten wir ihn allerdings bremsen, sonst hätte er uns mit überhöhter Geschwindigkeit noch in den Straßengraben befördert. Auf einem malerischen Bazar, direkt neben dem Salangfluss, zum Teil ging’s mit kleinen Stahlbrücken über das tief eingeschnittene Tal, habe ich mir mit viel Handeln noch einen dieser Shawels gekauft, die über die Schulter getragen werden, aber auch als Sitzkissen oder Aufbewahrungsbeutel gut geeignet sind.

Ich fand diesen Ausflug super toll. Vor allem auch die Flüsse mit dem vielen Wasser haben mich sehr beeindruckt. Inzwischen hat der Kabulfluss auch recht ansehnlich Wasser, genug jedenfalls um den sogenannten ‚Titanic-Markt’, der im Flussbett war, zu vertreiben. Aber ein paar Monate lang habe ich kaum ein paar Liter Wasser auf einen Haufen gesehen.

28.März

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