Honig aus Afghanistan: Mein Bienenprojekt

Anfang April waren meine Abschlussberichte für meine drei Organisationen und meine Zeugnisse für die Lehrlinge endlich geschrieben. Ich hatte nun Urlaub und etwa drei, vier Wochen Zeit, mich um mein privates Projekt zu kümmern: Eine Imkerinnen-Ausbildung, in Zusammenarbeit mit AFA.

Im Januar hatte ich zusammen mit einem anderen deutschen Unterstützer ein weiteres Gespräch mit Nadia gehabt. Peter, der Deutsche, war einer der Spendensammler von AFA und besonders von dem Bienenprojekt angetan. Deshalb haben wir eine Schreinerinnen-Ausbildung nicht mehr weiter verfolgt.

Abgesprochen war nun, dass ich mich die inhaltliche Vorbereitung kümmern sollte und um den Imkereibedarf, wie Bienenkästen und Honigschleuder. AFA sollte sich um den organisatorischen Rahmen kümmern, wie Ort und ausbildungswillige Frauen und außerdem um Bienenvölker. Stattfinden sollte das Ganze in Jallalabad, ab Anfang April und bis dahin wollten wir jeweils unseren Teil vorbereitet haben. Gefreut hat mich, dass ich von Karl Anders die Zusage bekam, während dieser Zeit im Gästehaus des Entwicklungsdienst in Jallalabad wohnen zu dürfen.

Von einer befreundeten Imkerin bekam ich aus Deutschland einiges Material über den Bau (und die Maße) von Bienenkästen (‚Beuten’) zugeschickt. Sie hatte auch herausgefunden, dass in Afghanistan zwar auch gelegentlich mit der europäischen Honigbiene geimkert wird, eigentlich aber eine andere Art heimisch ist. Ich war etwas entmutigt, als ich feststellen musste, dass diese Bieneart deutlich anders beimkert werden muss, als ich das in Deutschland gewohnt bin. Zum einen fliegt diese Biene nicht so weite Strecken, wie die europäische. Das bedeutet, dass sie doch nicht so gut von einem Hof aus betreut werden kann, sondern immer wieder auch zu den Orten gebracht werden muss, wo es gerade Tracht gibt (es blüht). Das wiederum macht es schwer für Frauen, Bienen zu halten. Die Völker dieser Bienenart sind kleiner, so dass auch die Beuten kleiner sein müssen, als in Europa üblich. Von dieser Freundin bekam ich auch kleinere Ausrüstungsgegenstände zugeschickt. Was noch fehlte, waren die Honigschleuder und die Beuten selbst, die zu groß waren, um sie zu schicken.

Für meinen Container hatte ich ein paar Schlosserarbeiten gebraucht und einen Schlosser gefunden, der mir die entsprechenden Teile gebaut hatte. Diesen Schlosser zu finden, war schwierig gewesen. Bei einem anderen Schlosser war ich immer nur wieder vertröstet worden, selbst eine Anzahlung hatte nichts genutzt. Nach einigem Hin und Her rückte er das Geld ein paar Tage später tatsächlich wieder heraus. Mit dem zweiten Schlosser war ich sehr zufrieden und nach ein paar Aufträgen begrüßten wir uns wie alte Bekannte. Besonders die kleinen Jungs, die vor seiner Werkstatt an irgendwelchen Metallstücken herumhämmerten, riefen mir schon von weitem zu, wenn sie mich kommen sahen.

Nur wenn meine Wünsche gar zu kompliziert waren, hatten mein Dari und meine Zeichnungen nicht ausgereicht. Einen durch die Luftzufuhr zum Ofen gekühlten Ofenrohrstutzen musste ich zum Beispiel wieder umbauen, weil er nicht so geworden war, dass ich ihn benutzen konnte.

Nach diesen Erfahrungen versuchte ich für das komplizierte Bienengeschirr jemanden zu finden, der entweder Englisch oder sogar Deutsch versteht. Die Holzarbeiten hätte ich gerne in meiner Werkstatt in Hezarak bauen lassen. Nach einigem Überlegen war mir aber klar, dass sich das aus verschiedenen Gründen verbat: Wie passen diese Bienenkästen in den Ausbildungsplan, den ich mir mit Einnullah zusammen ausgedacht hatte? Wer würde den Preis festlegen und wem müsste ich das Geld geben? Vor allem aber wollte ich den Anschein vermeiden, ich würde diese Ausbildung benutzen, um etwas für mich abzuzweigen.

Über mehrere Ecken hörte ich von einem christlichen Orden, der mit einigen Brüdern schon viele Jahre in Afghanistan arbeitet und sowohl eine Schlosserei als auch eine Schreinerei betreibt. Weinig später saß ich dann in der Nähe von Taimani bei einem Ehepaar. Andreas war ursprünglich ein Mitglied dieses Ordens gewesen, hatte dann aber Beate kennen gelernt. Beate war ebenfalls schon unter den Taliban für eine andere Hilfsorganisation nach Afghanistan gekommen.

Sie wohnten in einem kleinen Haus mit Garten mitten in Kabul, der Obstbaum blühte schon. Zu meiner Verwunderung war die Tür nicht abgeschlossen, das hatte ich bisher noch nicht erlebt. Andreas sagte nur: Früher war hier kaum eine Tür abgeschlossen. Plaudernd habe ich einen schönen Nachmittag bei ihnen verbracht. Als ich allerdings von AFA erzählte, wurde Beate ärgerlich: „Weißt du nicht mehr,“ meinte sie zu Andreas: „Das sind die Frauen, die uns alle mit ihren radikalen Aktionen während der Taliban-Zeit in Gefahr gebracht haben.“

Mit Andreas fuhr ich ganz in den Süden von Kabul, wo er unter anderem eine Schreinerei leitete. Das Gelände war enorm groß, die Schreinerei wegen Umbauarbeiten aber gerade in einem Verschlag untergebracht. Zusammen mit Andreas erklärte ich zwei sehr alten Schreinern, welche Art von Beuten ich haben wollte. Auch hier waren im Moment keine Maschinen in Betrieb, sondern alle Arbeit wurde von Hand gemacht. Als ich diesen alten Handwerkskollegen gegenüberstand, wurde ich sehr ehrfürchtig. Was diese runzeligen Hände wohl schon alles gebaut haben mögen, und was diese faltigen Gesichter schon alles gesehen?

Es stellte sich heraus, das beide auch schon Bienenbeuten gebaut hatten und so vereinbarte ich mit ihnen, dass sie zwei Kästen auf afghanische Art und drei Kästen nach meinen Zeichnungen fertigen sollten. Glücklicherweise war hier der Samstag immer Arbeitstag, so dass ich an mehreren Samstagen die fertigen Arbeiten begutachten konnte. Das war auch gut so, denn an den Beuten nach meinen Zeichnungen und den von Andreas übersetzten Erklärungen waren doch einige Fehler nach zu bessern. Selbst Andreas war manchmal erstaunt, wie wenig die beiden doch erfahrenen Schreiner verstanden hatten.

Einen dieser Samstage verbrachte ich damit, selbst den kompliziertesten Teil, das Bodenteil mit dem Einflugloch, zu bauen, damit sie für die beiden anderen Kästen eine Vorlage hatten. Wieder war ich überrascht, wie schnell das Arbeiten ohne Strom geht. Ganz stolz war ich, mitten unter diesen Kollegen zu arbeiten und mit ihnen zusammen Pause zu machen.

Wenn ich handwerklich arbeite, können sie sehen, dass ich nicht nur Aufträge oder Befehle erteilen kann. Ich bin mit ihnen auf einer Stufe, ein Schreinerkollege halt und das schafft eine andere Verbindung, eine andere Art der Verständigung. Ich genieße das sehr. Ich weiß, dass die Entwicklungshilfe mehr und mehr in die Richtung geht, möglichst weit oben an zu setzen. Nicht ausbilden, schon gar nicht selbst schreinern, sondern möglichst die Lehrer ausbilden, oder noch besser: die Lehrpläne für die Lehrerausbildung erarbeiten.

„Gibst Du einem Armen einen Fisch, so hat er einen Tag etwas zu essen. Lehre ihn fischen, so hat er ein Leben lang zu essen.“ Massiv gefördert wird dadurch aber das Herrenmenschen-Bild: Die Weißnasen wissen alles besser.

Schwieriger war es, die Honigschleuder bauen zu lassen. Thomas, der Ordensbruder, der für die Schlosserei verantwortlich war, war für einige Zeit in Deutschland und sollte erst gegen Ende April wieder zurück kommen. Andreas hat mir deshalb die private Schlosserei eines Mitarbeiters gezeigt.

Der war ein sehr fähiger Schlosser, aber die Arbeiten an der Schleuder zogen sich sehr in die Länge. Zum Glück war seine Schlosserei ganz in der Nähe des Entwicklungsdienst-Gästehauses, so dass ich oft hinfahren konnte. Das musste ich auch.

Termingerecht fertig geworden ist sie nicht. Das war auch nicht mehr nötig, denn Nadia hatte offensichtlich das Interesse an dem Bienenprojekt verloren. Ich habe mehrere Tage lang halbstündlich unter zwei Telefonnummern versucht, sie an zu rufen, aber außer zwei sehr kurzen Rückrufen („ich rufe Dich in einer halben Stunde noch einmal an“), hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihr.

Obwohl sie wusste, wo ich wohne und dass ich auf sie warte, auch das ganze Material schon hatte, schrieb sie später an Peter, es sei nicht möglich gewesen, mich zu finden. Sie sei davon ausgegangen, dass ich mit AFA nichts mehr zu tun haben wollte. Mir blieb nichts anderes übrig, als die ganzen Sachen zu einer anderen Hilfsorganisation zu bringen, von der ich gehört hatte, dass sie auch ein Bienenprojekt plante. Auch einen Imker konnte ich ihnen noch vermitteln.

Zu meiner großen Erleichterung bezahlte mir Ole van den Berg von ZIM das Bienenmaterial. Ich glaube, es war eine Anerkennung für meine Arbeit in Hezarak. Ich habe keine Ahnung, aus welchem Topf er das Geld bezahlen konnte, war ihm aber ausgesprochen dankbar.

Arnold erzählte mir, dass er unter anderem ein Tischlereiprojekt für Frauen betreut. War das also doch möglich! Eigentlich alle, die ich noch Deutschland als Afghanistan-Experten gefragt hatte, rieten mir, mir solche westlichen Spinnereien aus dem Kopf zu schlagen: „Frauen können in Afghanistan nicht als Schreiner arbeiten!“

Ich habe Arnold sofort nach seinen Erfahrungen mit den Frauen gefragt, denn darauf war ich selbst die ganze Zeit sehr neugierig gewesen. Er meinte: „Du musst mit afghanischen Frauen ganz normal umgehen, ob mit Tschadori oder ohne. Dann kannst du schnell einen ganz normalen Kontakt herstellen. Inzwischen kommen die Frauen aus diesem Projekt mit alltäglichen Problemen zu mir, um sie zu besprechen. Mich hat das selbst gewundert, wie schnell sich da eine recht offene Situation entsteht.“

Im Grunde gingen auch meine wenigen Erfahrungen in diese Richtung. Anfangs war ich doch sehr gehemmt, besonders den total verschleierten Frauen gegenüber. Inzwischen grüßen mich die Teenagerinnen hier aus der Straße schon von weitem, wenn auch meist kichernd. So wie gleich am ersten Tag, als ich ohne mir dabei etwas zu denken, die Frauen im Nachbarhof grüßte und diese zurück winkten.

Nach wie vor finde ich den Tschadori, die Burka, aber sehr bedrückend. Und es ist nicht nur die natürlich gravierende Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Frauen. Sondern die damit einhergehende Kultur suggeriert zusätzlich, dass ich als Mann in irgendeiner Form eine sexuelle Bestie bin. Das verleidet mir die ganze Freude am Mannsein. Nach wie vor fällt es mir schwer, mit einer Frau unter einer Burka ‚ganz normal’ zu reden.

Ein Nebeneffekt von meinem missratenen Versuch, für Frauen in Afghanistan etwas zu tun, ist, dass ich nun noch etwas Zeit in Afghanistan habe, bevor ich wieder nach Deutschland fliege.

So kann ich eine Reise nach Jallalabad unternehmen und mich noch etwas in Kabul umsehen. Mit einem Bekannten wollte ich weit ins Landesinnere, in das Hazarajat fahren, aber das vereitelte meine Angst, mir könne in den letzten Tagen in Afghanistan noch etwas zu stoßen: Ich bekam eine fürchterliche Darminfektion, die meinen Aktionsradius für mehrere Tag auf ein paar wenige Meter beschränkte.

19. April

Letzter Ärger und Abschied aus Hezarak

Komisch, hier nun zu sitzen, zweieinhalb Wochen nach meiner letzten Nacht im Container, mir kommt das alles schon meilenweit weg vor. In der letzten Woche dort hat mich tatsächlich noch ein Magenvirus erwischt. Ich denke mal, der Koch hat mir das Wasser nicht abgekocht. Ist ja auch wenig einsichtig: Alle trinken das Wasser pur, es ist sauber und nur diese Weißnase will’s immer abgekocht haben. Eher ein Wunder, dass er’s die ganze Zeit für mich abgekocht hat.

Oh, das war ein böser Tag, ich wirklich völlig erledigt und bis mein Stuhl wieder normal war, das hat über eine Woche gedauert. Als ich da so über dem berühmten Loch hing, habe ich auch gedacht, jetzt lass ich wirklich alles los. Ich war ja so froh, dass meine Zeit zu Ende geht und dachte gar nicht daran, richtig Abschied zu nehmen. Aber ich habe eben doch Orte und Menschen lieb gewonnen, da hat halt mein Körper für mich losgelassen.

Und es wurde grüner, es wurde wärmer! Nebenbei hat mir das einen Haufen Fliegen im Container beschert und ich wusste dann auch plötzlich, warum mir ganz am Anfang einer der Wächter gesagt hatte: Es fehlt nur noch das Gitter vor dem Fenster. Ich war ganz entsetzt gewesen: Gitter vorm Fenster, ich bin doch kein Gefangener! Jetzt, mit den vielen Fliegen, wusste ich: Er meinte nur ein Fliegengitter.

Ich glaube, wir haben uns alle gefreut, das Grün zu sehen. Nicht nur die vielen Obstbäume, nicht nur die Bewässerungskulturen (von weitem konnte ich ein paar Tage einen richtigen Wasserfall hören, der aber auch künstlich war und Wasser auf bestimmte Felder brachte), auch die ganze höher gelegene Ebene von Hezarak bekam einen grünen Schleier. Sogar an den Bergen krallten sich ein paar Pflanzen fest.

Geärgert habe ich mich auch auf meine letzten Tage. Nasim, der Chef der Wächter und Lagerverwalter, betont penibel nach außen und gerne für sich am Abzweigen, drohte meinen Lehrlingen, dass das Lotterleben bald vorbei sei. Dann sei dieser Fremde endlich weg und dann sei er wieder ihr Chef. Irgendwie hat mich das mehr beschäftigt und gekränkt, als ich zuerst gedacht hatte. Eigentlich wusste ich, dass er mich nicht leiden kann.

Er ist ein ehemaliger Militär und ist aus dem Hassen noch nicht so richtig raus. Er versuchte noch zu verhindern, dass die Lehrlinge ihre selbstgebauten kleinen Schränke mit nach Hause nehmen durften. Dass ich ihnen das ermöglicht hatte, fanden alle NGE- Leute richtig doof. Ich hatte aber vorher Said Machmat danach gefragt, er hat es wohl nur nicht so richtig verstanden und als er es verhindern wollte, war es wirklich schon zu spät dazu, die Schränke waren schon gebaut.

Ich musste auch ein paar Zeilen schreiben und drei Leute informieren, um sicher zu stellen, dass er Ali Mohammad, einen meiner Leute, auch wirklich die versprochene und von mir bezahlte Werkbank mitnehmen ließ. Vor lauter Sorge, alle von uns gebauten Sachen könnten so langsam verschwinden, sobald ich weg bin, habe ich meinem Abschlussbericht eine ausführliche Inventarliste angehängt.

Zum Beispiel durfte ich die in der Abschlussprüfung gebauten kleinen Bänkchen nicht zum Materalpreis an meine Lehrlinge geben (die sie gerne genommen hätten), an die NGE- Leute aber schon. Die wollten auch alle gerne eines, waren aber nicht bereit, für das Holz zu zahlen. Ich denke, sie haben alle auf den Tag meiner Abreise gewartet und dann die Beute unter sich aufgeteilt.

Diese Regel, dass zwar etwas für den privaten Bedarf aller Leute gebaut werden
kann (solange es der Ausbildungsablauf zulässt), aber dass Holz dafür bezahlt werden müsse, scheint sehr unafghanisch gewesen zu sein.

Dabei kam sie nicht einmal von mir, sondern Ing. Mir Shah hatte sie im Gespräch mit den NGE- Kollegen, die gerade auf dem Hof waren, auf meine Nachfrage hin gemacht.
Ich habe mich dann daran gehalten, mir aber nur Feinde damit gemacht. Bestenfalls auf völliges Unverständnis bin ich gestoßen. Als Freund hätte ich ganz selbstverständlich das Holz, was zwar nicht mir gehört, aber über das ich verfügen kann, verschenkt. Eher noch als Sachen aus meinem tatsächlichen Besitz. So habe ich also beständig demonstriert, dass ich an Freundschaft kein Interesse habe.

Ich habe dann NGE am Ende des Workshops zwar Geld für Sachen, die wir für andere gebaut haben, übergeben, aber es war ausschließlich mein Geld, wie zum Beispiel das Geld für die Werkbank von Ali Mohammad. Lediglich der arme Co-Teacher Einnullah hat auf mehrfache Nachfrage für einen kleinen Stuhl für seine Tochter das Geld bezahlt und war deshalb total sauer auf mich.

Er hat übrigens bis zum Schluss sich die Namen der Lehrlinge kaum merken können (erstaunlich für einen Afghanen) und gegen Ende der Ausbildung zu meinem Entsetzen gerne bei ‚Leutnant’ Nasim übernachtet, wenn er in Kabul war. Was wohl auch bedeutet, dass er dessen Aktionen mitdeckt.

Für meine theoretische Abschlussprüfung brauchte ich in der letzten Woche die beiden Räume der Ingenieure für etwa zwei Stunden. Was an sich kein Problem war, weil Ing. Mir Shah als einziger der NGE- Ingenieure auf dem Hof war. Als ich ihn fragte, ob ich denn diese Räume haben könne, fragte er mich anstelle einer Antwort, was denn mit den beiden Klassenräumen wäre, die wir beantragt hatten.

Wir beide wussten, dass es gemein ist, mich für die damalige Ablehnung verantwortlich zu machen. Außerdem war es ja wohl unverhältnismäßig für zwei Stunden den Bau zweier Klassenräume zu verlangen. Mich hat das richtig getroffen, auch nachdem er die Benutzung nach dieser rhetorischen Frage erlaubt hatte. Ing. Mir Shah, der immer sehr höflich redete und immer lachte, wenn er mich sah, konnte mich in Wirklichkeit nicht ausstehen. Aber immer wieder hatte er wohl die Hoffnung, durch mich nach Deutschland zu kommen oder sonst welche Vorteile zu haben. Anfangs hat er mich wohl den anderen gegenüber als Kommunisten bezeichnet, ein Attribut, das mir in Hezarak richtig gefährlich hätte werden können. Ich hatte einmal gegen die ganz Reichen gelästert, dass solcher Reichtum verboten gehört.

In der Folgezeit habe ich dann nach allen Seiten ausgiebig über die Sowjets hergezogen, um das wieder hinzubiegen. Endgültig krumm hat er mir dann aber wohl genommen, als ich über den üblen Fundamentalisten Sayyaf eine Bemerkung verloren habe. Der hatte zum Beispiel die Wahnvorstellung gehabt, Kabul als Sündenpfuhl völlig ausrotten zu müssen und erst auf den ausgebleichten Knochen und planierten Ruinen nach einer Zeit der Grabesruhe ein neues, wahrhaft moslemisches Kabul wiederaufbauen zu können.

Said Machmat sagte zu mir in meiner letzten Woche: Es wäre nicht gut für ein Land, wenn eine ganze Gruppe von Menschen vom Wiederaufbau ausgegrenzt würden. Er meinte damit weniger die Taliban, als vielmehr Hektmatyar und seine Anhänger. Aber wie einen Konsens mit Leuten finden, denen alles andere als ihre spezielle Ideologie einen neuen Krieg wert ist?

Qiam, einer meiner Lehrlinge, wollte denn auch nicht abseits stehen bei dem Spiel ‚Burkhard ärgern’. Er erzählte mir nicht ohne Stolz, dass er drei Fenster an einem Tag bauen könne. Er ist derjenige gewesen, der am Saubersten arbeiten konnte, sauberer noch als Einnullah. Und war immer als einer der letzten fertig. Für sein erstes Fenster mit mir (das auf Zeit und nicht auf Stück bezahlt wurde) hatte er drei Wochen gebraucht. Na toll.

An die Esskultur hatte ich mich in diesen Monaten so gewöhnt, dass ich mich bei einem Besuch vom Bundesarbeitsamt (einer der Geldgeber von ZIM) in Hezarak nur schwer auf alle Einzelheiten deutscher Esskultur besinnen konnte. Ich hatte zwar daran gedacht, dass wir da nicht auf dem Boden sitzen können, jeder einen eigenen Becher braucht und Besteck anstelle der Finger zum Essen nimmt. Ganz vergessen hatte ich aber dafür zu sorgen, dass auch jeder einen eigenen Teller bekommt. Wenn es nicht etwas peinlich gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich laut gelacht.

Heute war mein Übersetzer Sadat zum letzten Mal mich besuchen. Er berichtete, dass ’alle’ nach mir fragen würden: „Did you see Burkhard? A really good guy! He’s no normal German!“ Ich hatte Sadat das letzte Mal noch ein paar Afghani mitgegeben, weil ich mich beim Umrechnen des Lohnes bei vier Leuten verrechnet hatte. Es hat sie wohl tief beeindruckt, dass ich eine Woche später dieses Geld noch schickte. Und dass ich das versprochene zweite Zertifikat noch habe bringen lassen, fanden sie toll. Sogar einer der Milizionäre hätte nach mir gefragt, meinte Sadat.  Das hat mir gut getan zu hören, auch wenn ich mir nach wie vor sicher bin, dass ich in Hezarak mehr Leute geärgert habe, als Freunde gewonnen. Aber das ist vielleicht auch nicht meine primäre Aufgabe gewesen.

Das Kapitel ‚Hezarak’ ist für mich jetzt beendet. Die Leute werden bleiben, aber meine Welt sieht nun wieder ganz anders aus. Worauf ich jetzt noch scharf bin ist, eine Ausgabe der Wuluswali- Zeitung in die Hand zu bekommen, in der ein Interview mit mir abgedruckt ist.

19. April

Reinhard Schlagintweit über seine Liebe zu Afghanistan, Fehler gegenüber den Taliban und den Einsatz deutscher Soldaten

Saghar Chopan im Gespräch mit Reinhard Schlagintweit. Bereits 1958 war er in Kabul an der Botschaft tätig: Ein Interview über sein Leben als Botschaftsangestellter und seine Reise als Vorsitzender von UNICEF nach Afghanistan kurz nach der Eroberung durch die Taliban. Weitere Themen sind die Sicherheitslage im Land und mögliche Fehler der Vergangenheit gegenüber dem Talibanregime. Zum Einsatz von deutschen Soldaten insbesondere im Süden hat Schlagintweit eine gespaltene Meinung: „... auf der einen Seite ... dürfen wir nicht sagen für diese schwierigen Aufgaben sind wir uns zu gut. Auf der anderen Seite an einer Aktion mitzuwirken, wo wir nicht die politischen Bedingungen selbst ... gestalten können ... ist zuviel verlangt.

Kabultag: Eine Schreinerei, in der Moschee und im Zoo

Am Donnerstag Morgen traf ich meine Leute dann an einer der Ausfallstraßen von Kabul. Ein Kleinbus und alle völlig gut drauf, laute Musik, einer, zwei mit Zigarette. Den Spaß mit dem Glimmstängel habe ich ihnen erst mal genommen und auch die laute Musik hat mich ziemlich nervös gemacht nach einer Weile. Ich dachte schon: Hoffentlich läuft mir dieser Ausflug nach Kabul nicht aus dem Ruder!

Aber dann wurde es sehr gut. In der Schreinerei, die ich besuchen wollte, wurden wir sehr freundlich und zuvorkommend empfangen. Ein Mitarbeiter wurde uns extra bereitgestellt, der auf alle Fragen bereitwillig Auskunft gab. Und meine Leute haben sehr viel gefragt, ich war total stolz. War wohl eine gute Idee gewesen, ihnen vorher einen Fragenkatalog zu geben und um Beantwortung zu bitten: Was wird gebaut, welche Maschinen, welche Preise, woher das Holz, was verdient ein Arbeiter?

Diese Schreinerei wird geleitet von einem recht jungen Afghanen, Qadir, der zuvor für die deutsche Welthungerhilfe gearbeitet hat und es irgendwann leid war, nur als Hilfsmafiosi zu arbeiten. „Solange wir nur ausländische Hilfe verteilen, kommen wir in diesem Land nie voran“, hatte er mir in einem Gespräch zuvor gesagt. Er selbst hat nie Schreiner gelernt, ist aber ein sehr guter Manager. Er hatte einige Unterstützungsgelder auftun können und eine richtig große, professionelle Schreinerei aufgebaut mit etwas 5o Arbeitern.

Nur zu seinen Arbeitern sei er nicht ganz so korrekt, wurde mir von anderer Seite gesagt.Die Möbel sind (fast) in europäischer Qualität und mit (fast) europäischen Preisen. Weil er aber viel für ausländische Hilfsorganisationen und deren Angehörigen arbeitet, kann er diese Preise auch durchsetzen.

In seiner Schreinerei gibt es eine kleine Polsterei, eine Korbflechterei, einen Raum, in dem Holzschnitzereien angefertigt werden, außerhalb einen überdachten Raum mit stationären Maschinen und einer sehr großen Bandsäge, mehrere Räume für die nach wie vor überwiegenden Handarbeiten, eine Drechselmaschine und einen großen Oberflächenraum (die Oberflächen sind allerdings nicht so toll, sondern kleben auch nach mehreren Monaten noch). Qadir hat sich sogar einen Holztrockenraum ausgedacht, der mit kleinen deutschen Anlagen gut mithalten kann. Von diesem Raum war ich wirklich begeistert.

In der folgenden Woche habe ich meine Lehrlinge abgefragt (nachdem ich sie in drei Gruppen untereinander das Gesehene habe durchsprechen lassen) und sie konnten mir noch einige Details nennen, die ich nicht mitbekommen habe. Unter anderem berichteten sie mir kichernd von einem Raum, in dem Frauen feine Malerarbeiten machten. Gebaut wurden Betten, Couchs, Tische, unter anderem ein Glastisch, ein Teetisch, ein Schreib- und ein Computertisch, sehr viele Stühle (unter anderem ein Schaukelstuhl), Schränke, aber auch viele kleinere Dinge, wie ein schöner Spiegel, Kleiderhaken, Bilderrahmen, ein Abfallkorb oder eine Flaggenstange.

Das Holz kommt überwiegend aus Russland oder den GUS-Ländern und ist etwas billiger als bei uns die Buche oder die Fichte, also für afghanische Verhältnisse sehr teuer. Ein kleinerer Teil kommt aus der afghanischen Provinz Kunar und aus Pakistan. In einer anderen Provinz, Nuristan, sei der Holzeinschlag verboten (was immer das dann bedeutet). Ein Arbeiter verdient 120,- Dollar pro Monat, was alle (bis auf Einnullah) ganz in Ordnung fanden.

Nazim, einer meiner Leute, bekam allerdings nicht so arg viel von all dem mit. Ihm ist irgendwie schwindlig geworden und ich habe ihn in den Bus gebracht, wo er ein wenig schlief. Sadat brachte ihm noch eine Cola.

Danach wollten alle zum Zoo und Sadat versuchte mir einzureden, dass der jetzt ganz prima auf dem Weg läge. Ich berief mich aber beharrlich auf den von den Lehrlingen selbst gemachten Plan und der lautete: Erst die Arbeit, dann der Zoo.

‚Die Arbeit’ war ein kleiner Einkaufsbummel. Ich wollte, dass sie alle die Plätze kennen lernen, wo in Kabul Schreinerwerkzeuge zu kaufen sind. Außerdem sollten sie Preise erfragen. Zusätzlich (das lag tatsächlich auf dem Weg) sind wir noch in den Möbelladen der Schreinerei von Qadir. Da haben sie dann einen Haufen Bilder gemacht, am Computertisch im Chefsessel und vor der afghanischen Fahne, gerne mit Sonnenbrille. Ich musste zum Ärger von einigen etwas bremsen, sonst hätten sie den einen Film völlig ohne Gruppenphotos verknipst.

Dann gab’s Essen, wobei die Hauptattraktion nicht das Essen, sondern der Fernseher mit sich erotisch bewegenden Sängern und Sängerinnen war. Nur Machmad, der Älteste, schaute demonstrativ nicht hin, sondern immer mal wieder entrüstet in meine Richtung. Ich habe dann auch kaum hingeschaut, es aber wahrscheinlich nicht so bedauert, wie er.

Wie immer nach dem Mittagessen wollten alle beten. Ich habe Einnullah gefragt, ob ich mitkommen dürfe und einmal mitbeten. Er fand das okay und so sind wir zu einer der großen Moscheen in Kabul. Allerdings sind wir draußen geblieben, auf dem umzäunten Gelände. Ich hatte eigentlich gehofft, hineingehen zu dürfen. Aber es war auch so spannend genug. Zuerst musste ich mich waschen. Dafür gab es (ich habe mal wieder nur Männer gesehen) als erstes unzählige kleine Kabinen, um die Genitalien zu waschen. Eine Schwingtür, etwa halbhoch, mann hockt sich hin, zwischen den Füssen eine tiefe, etwa 10 Zentimeter breite, geflieste Rinne, vor sich ein Wasserhahn. Deutlich zu riechen war, das diese Anlage auch als Pissoir genutzt wird. Ein guter Moslem, wurde mir gesagt, wäscht sich solcherart fünfmal am Tag. Und es herrschte tatsächlich ein ungeheuerer Antrag, aber so richtig sinnvoll kann ich das nicht finden. Richtig ungesund ist, dass etliche Frauen sich fünfmal täglich eine Scheidenspülung verpassen, um rein vor ihren Gott zu treten. Irgendeine Organisation versucht seit einiger Zeit, dem aufklärerisch entgegenzuwirken, zumal der Koran so was wirklich nicht vorschreibt.

Ohne Kabine werden dann die Füße, die Hände und das Gesicht gewaschen. Leider hatten Einnullah und ich keine Decke, auf der man eigentlich beten soll, aber es ging auch ohne. Ich habe mich neben Einnullah hingestellt und alles genau wie er gemacht. Zumindest habe ich das versucht, denn offensichtlich konnte man von außen gut erkennen, dass ich das nicht seit 40 Jahren mache. Und auch nicht in der Koranschule gelernt habe. Jedenfalls hatte ich bald in einer gewissen Entfernung einen wütenden Zuschauer. Ich habe ihn dann auch böse angeguckt, woraufhin er noch ein paar Meter zurückwich. Als er versuchte, andere auf mich aufmerksam zu machen, habe ich ihn auf Dari gefragt, ob es denn verboten wäre zu beten. Worauf er sich noch ein paar Meter entfernte. Hätte er weitere Anhänger für seine Wut gefunden, hätte ich mich ziemlich sofort entfernt, aber die allgemeine Stimmung war sehr freundlich. Besonders meine Lehrlinge waren begeistert. Ich habe mir gedacht, dass mein morgendliches Sonnengebet auch nicht so viel anders ist und dass ein praktizierender Moslem ziemlich beweglich bleibt.

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