Kultur

Drei junge Kabuler über ihre Kindheit, die Situation an der Schule und die Sicherheitslage in Afghanistan

Basheer (19), lernt deutsch am Goethe-Institut und studiert in der Literaturfakultät an der Universität Kabul. Basir (17) und Shamsullah (18) gehen beide in die 11. Klasse an der Amani-Oberrealschule, eine Schule mit Deutschschwerpunkt im Zentrum Kabuls. Ich führe ein halbstündiges Interview mit den drei jungen Kabulis über ihre Kindheit in einem Vorort Kabuls und in Pakistan und die Situation an der Schule. An diesem Tag gab es einen Anschlag in der Nähe der Wohnung von Basir bei dem er viele Tote sah und so ist auch die allgemeine Situation in Afghanistan und Sicherheitslage Thema des Gesprächs.

Mit 5 Jahren lebte Basir außerhalb Kabuls. Damals gab es oft Kämpfe und in der Gegend, wo Basir lebte, kämpfte Massud gegen Sayyaf. Ein einschneidendes Erlebnis damals war als nach einer Explosion eine menschliche Hand vom Himmel geflogen kam. Der Vater Basirs grub die Hand daraufhin ein.

Basheer lebte während des Krieges in Pakistan, in Peshawar. Afghanen durften dort nicht in die pakistanische Schule gehen. Er ging auf eine Schule, die nur für afghanische Kinder war. Seine Familie lebte zusammen mit anderen afghanischen Familien. Generell gab es viele Probleme, denn Afghanen waren als Flüchtlinge nicht gleichberechtigt, die meisten waren zudem arbeitslos.

Shamsullah war ebenfalls in Pakistan mit seiner Familie zu dieser Zeit. Er hatte die Möglichkeit auf eine pakistanische Schule zu gehen. In der Gegend, wo sie wohnten herrschte ein gutes Klima zwischen afghanischen Flüchtlingen und Pakistanis und so hat er gute Erinnerungen an diese Zeit.

Die Situation an der Amani-Schule, wo Basir und Shamsullah zur Schule gehen ist heute so, dass Jungen und Mädchen bis zur 6. Klasse zusammen Unterricht haben. Danach gehen sie auf getrennte Schulen. Alle lernen deutsch, auch wenn sie nicht so gut sprechen, denn bei 40 Schülern in der Klasse ist es manchmal schwierig. Es gibt sowohl Frauen als auch Männer als Lehrer. Vor dem Krieg waren Jungen und Mädchen zusammen in einer Klasse. Jetzt ist dies anders. An der Universität dagegen lernen alle wieder zusammen.

Es stellt ein Problem dar, dass die Lehrer sehr wenig verdienen. Wenn ein Schüler eine schlechte Prüfung abgelegt hat, kann er dies aber ausgleicht indem er dem Lehrer etwas bezahlt. Bei einem Monatsverdienst von manchmal nur 2000-3000 Afghani (40-50 Dollar) eine echte Notwendigkeit. Basheer erzählt wie er seine Schulnote einmal ganz anders beeinflussen konnte. Er zog sich die Uniform seines Vaters an und wartete vor der Schule auf den verängstigten Lehrer, der sich nicht heraustraute aus dem Gebäude bis Basir nach einigen Stunden nach Hause ging.

Bis zur sechsten Klasse sind die Schüler in der Grundschule. Hier herrschen noch teilweise archaische Regeln. Die Züchtigung von Schülern gehört dabei zum Alltag in vielen Schulen. Basheer schränkt dies ein. „Dies passiert heute nicht mehr so oft, nur noch manchmal.... Während der Talibanzeit kam dies viel öfter vor.“ Basheer und Basir haben hierfür teilweise Verständnis, Shamsullah lehnt das Schlagen von Schülern dagegen ab.

Folgend berichten die drei über die Talibanzeit. Damals mussten alle Schüler traditionelle afghanische Kleidung, den Afghanenrock, die weite afghanische Hose und einen Turban auf dem Kopf tragen. Wer etwas anderes trug, wurde von den Taliban geschlagen. Auch rasieren durfte man sich nicht. Fernsehen und Musik waren ebenfalls verboten. Wer mit einer Kassette oder einem Walkman angetroffen wurde, musste für einige Tage ins Gefängnis egal, wie alt er war, auch Schüler.

Die Sicherheitssituation bezeichnet Basheer als stabil – als „ganz normal“ in Kabul zumindest. Jedoch „heute (am 3.Mai) gab es einen Anschlag in Taimani“ nur 100 Meter vom Haus von Basir. „Unser Haus wackelte wie bei einem Erdbeben.“ Basir fuhr trotz der Warnung seiner Mutter mit Fahrrad zum Ort des Anschlags und sah mit seinen Freunden schreckliche Bilder. Ein Bus wurde dort von einer Bombe zerstört, die mit einem Handwagen eines Gemüsehändlers auf der Straße geschoben wurde. Laut den offiziellen Berichten kamen 3 Menschen ums Leben, doch Basheer sah mindestens 25 Tote. Basir bezeichnet solche Erlebnisse für viele Afghanen als normal, denn sie haben Derartiges schon oft gesehen. Shamsullah widerspricht: „Für mich ist das nicht normal. Ich habe große Angst.“ Nach dem Anschlag ging Basir zur Schule und berichtete seinen Mitschülern von dem Anschlag. Ein Mitschüler rief daraufhin seinen Vater an, der sich zu der Zeit in der Gegend aufhielt. Alles war ok mit ihm. In der Schule werden die Anschläge generell nicht diskutiert. Basheer: „Über Politik zu sprechen ist verboten.“ Eine Ausnahme bildet der Religionsunterricht. Der Religionslehrer von Shamsullah bezeichnet Selbstmordanschläge als unislamisch. Im Islam ist es verboten Menschen zu töten.


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Kabuler Alltag vor meiner Abreise

In den letzten Wochen hat es immer wieder geregnet, zum Teil richtig heftig. Toll für Afghanistan nach diesen Jahren der Dürre. Der Kabulfluss ist wieder ein richtiger Fluss. Da der Strom von Kabul (unter anderem) aus drei Wasserkraftwerken kommt, gibt es inzwischen auch wieder fast 24 Stunden Strom. Die Straßen sind allerdings nach einem Regen eine Katastrophe. Selbst die geteerten Straßen haben als Bürgersteige rechts und links nur Lehm und sind dann völlig aufgeweicht. Erstaunlich aber, wie viele Straßen dann doch geteert sind in Kabul, und immer wieder kommen welche dazu. Im Straßenbau, der oft von Deutschland mitfinanziert wird, gibt es auch regelrechte Frauenbrigaden. Auch die Straßenbeleuchtung wird von Woche zu Woche vollständiger, inzwischen sind so gut wie alle HauptStraßen beleuchtet und in einigen Vierteln auch die kleineren Straßen.

Letzte Woche habe ich einen tollen Fahrrad- und Fußgängerweg entdeckt, als kleine ParallelStraße neben der grossen Straße nach Taimani heraus und mit sehr wenig Schlaglöchern. Die große Straße ist meistens mit Autos, Fahrrädern und Lastkarren zu und natürlich auch völlig verpestet. Überhaupt hat mensch eigentlich immer die Wahl, entweder holprige Nebenstraßen ohne Verkehr zu fahren oder auf den asphaltierten und chaotischen Hauptstraßen.

Nachts hören wir öfter die Raketeneinschläge, die dem ISAF- Camp gelten, aber im Grunde fast nie Schaden anrichten. Vor drei Tagen war die Explosion so laut, dass wir dachten, das muss in unserem Viertel eingeschlagen haben. Hatte es aber nicht, sondern wie üblich in dem gut fünf Kilometer entfernten ISAF- Camp. Der Explosionskrater ist dafür meist erstaunlich klein, einen Meter oder so.

Allgemein wird das damit erklärt, dass Al Qaida- Leute nur zeigen wollen, dass sie noch da sind. Ich halte das für Unfug: Die würden doch versuchen, zu treffen und nicht nur sich der Gefahr aussetzen, entdeckt zu werden.

Für viel wahrscheinlicher halte ich, dass Regierungstruppen zeigen wollen, dass Taliban und Al Qaida noch da sind, um Gelder für die eigene Aufrüstung zu bekommen. Das würde erklären, warum tatsächlich fast nie jemand verletzt wird bei diesen Anschlägen. Einmal ist es auch aufgedeckt worden: Eine bestimmte Regierungseinheit wollte eine Lohnerhöhung und versuchte mit einem fingierten Anschlag zu zeigen, wie wichtig sie für die Sicherheit sind. Klarer kann mensch eigentlich nicht demonstrieren, dass der Frieden grundsätzlich von jeder Art bewaffneter Truppen bedroht ist.

Letzte Woche konnte ich am helllichten Tag eines der knapp über die Hausdächer donnernden Flugzeuge sehen, dass von mehreren Leuchtraketen beschossen wurde. Außer mir hatte das auf der Straße weiter keinen beeindruckt. Später erfuhr ich, dass es eine Art Übung für den bevorstehenden ‚Freedom Day’ war. Am selben Tag gab es auch eine große Übungsparade auf dem Paradeplatz im südlichen Teil der Stadt.

Erstaunlich, wie viele Afghanen Englisch sprechen können. Nur zum Teil sind es die Pakistan-Rückkehrer, die in der ehemaligen britischen Kolonie Englisch gelernt haben. Englisch gilt als Schlüssel für gute Jobs und so werden es täglich mehr, die Englisch lernen. Die Kinder rufen gerne schon von weitem “how are you”, was sich manchmal allerdings mehr nach dem Geschrei der allgegenwärtigen Maultiere (in Jallalabad waren es mehr Esel) anhört.

Letzte Woche bin ich einmal in eines der großen und über die ganze Stadt verteilten Postoffice gegangen. Das ganze Gebäude war bestimmt 8 mal 15 Meter groß und in einem kleinen Raum saß ein Postangestellter hinter einem Resopal-Schreibtisch, sonst gab es nichts. In dem kleinen Raum war wirklich nichts weiter als der Angestellte, zwei Stühle und dieser Schreibtisch. Auch der Rest des Gebäudes war, bis auf Postfächer, leer. Auf meine Nachfrage kramte er in einer der Schubladen, holte einen abgewetzten Briefumschlag hervor und bot mir verschiedene Briefmarken an. Zum Teil waren sie noch mit der alten Währung. Er hatte auch keine Ahnung, wie viel ein Brief denn so kosten könnte, schon gar nicht nach Europa. Ich habe mir dann einfach eine kleine Auswahl zusammengestellt und sie später auf zwei Postkarten einigermaßen gerecht verteilt.

Wie beschrieben, habe ich mich mit meiner Kleidung inzwischen schon recht angepasst, nur die kleineren Feinheiten gehen mir etwas verloren. So ‚darf’ mensch ja auch in Deutschland eigentlich nicht ein Ökooutfit mit einer Amischirmmütze mischen.

Ich musste also erst ein paar Erfahrungen sammeln. Das ‚Palästinenser-Tuch’ ist in der Stadt sehr häufig zu sehen, weil es erstens durch die aus den arabischen Staaten kommenden Gotteskrieger in Kabul üblich wurde und nun auch typisch ist für die Panjirifraktion. Außerhalb von Kabul sind diese aber oft nicht gerne gesehen und die Araber sind sowieso nicht beliebt, weil sie im Krieg häufig besonders grausam waren.

Mein weißes Käppi hingegen bestürzte die Wächter des Gästehauses: Du siehst ja jetzt aus, wie ein Mullah! Als ich in der Stadt einmal einen Container bestiegen habe, um von dort ein Bild zu machen, bin ich ein bisschen ängstlich gefragt worden, ob ich vielleicht ein Al Qaida sei. Weil eben meine Kleidung so kunterbunt zusammengestoppelt war.

Ein anderes Mal wollte ich unbedingt einen sehr malerischen Bettler fotografieren. Leider war er nicht nur malerisch, sondern auch verwirrt und irrte eine Straße mehrfach hoch und wieder runter, verschwand in Läden, kam wieder raus. Und ich, im Begehren ein super Foto zu machen, immer hinter ihm her.

Mit meinem Fotoapparat, ansonsten aber dem Afghanenkleid, Sandalen mit Strümpfen und dem bunten Käppi erregte ich das Aufsehen eines Geheimdienstmannes, dem klar war, dass da irgendetwas nicht stimmen konnte. Er ließ sich auch nicht davon überzeugen, dass ich ein Deutscher bin. Ich meinerseits hatte nicht die geringste Lust, ihm meinen Pass zu zeigen, sondern war richtig sauer.

Wenn er mir nicht glauben würde, solle er mir bitte folgen, meinte ich zu ihm und brav folgte der Security- Mann mir zum in der Nähe liegenden Entwicklungsdienst- Büro. Dort konnte ihn sehr schnell einer der Fahrer von der Wahrheit überzeugen. Er hat sich sogar entschuldigt.

Ein anderes Mal war mir mulmiger. Auf der Straße war eine riesige Pfütze, die ich umfahren wollte. Allerdings kam mir eines dieser Autos mit getönten Scheiben entgegen. Voller Verwunderung bemerkte ich, dass es langsamer fuhr, so dass ich um die Pfütze noch herum kam. Bedankt habe ich mich dafür mit der erhobenen Hand.

Das wurde allerdings missverstanden, zum Glück war ich schon ein bisschen weiter. Das Auto hielt vollends und der Fahrer rief mir hinterher: ‚Ich komme dich gleich holen!’ Erfreulicherweise tat er es nicht, ich weiß nicht, ob ich ihm hätte so schnell verständlich machen können, dass ich kein Araber bin.

Wann Afghanen sich gegenseitig helfen und wann nicht, habe ich nie verstehen können. Manchmal habe ich kleine Jungen mit umgekippter Schubkarre gesehen, die sich verzweifelt abmühten, diese wieder aufzurichten. Einer weinte sogar, aber niemand half. An anderer Stelle konnte ich aber viele helfen sehen, als zum Beispiel ein Motorrad ins Wasser gerutscht war. Oder wenn ein alter Mann über die Straße wollte.

Vielleicht liegt es an der Art der Arbeit, die die Hilfe erfordert. Unsere Wächter sind zum Beispiel noch immer der festen Überzeugung, alles Auf- und Abladen der Autos sei ihre Arbeit. Und auch in Hezarak sah ich, dass die Ingenieure für viele Arbeiten keinen Finger krümmten. Niemals wären sie auf die Idee gekommen, ihr Essen selbst auf- und abzutragen. Und als ich mich anbot, mitzufahren, um Wasser zu holen, waren die Wächter schwer empört.

Ich habe auch von einem Fahrer erzählt bekommen, der sich zwar ohne zu Zögern unter das Auto legte, um es zu reparieren, aber als seine Windschutzscheibe beim besten Willen nicht mehr durchsichtig war, einfach nur anhielt und nicht mehr weiter fahren konnte. Das war nun eindeutig nicht seine Arbeit. Öfter wird es auch einfach davon abhängen, wie hilfsbereit die Leute sind, die gerade so etwas beobachten. Das ist in Deutschland auch nicht anders.

25. April

Letzter Ärger und Abschied aus Hezarak

Komisch, hier nun zu sitzen, zweieinhalb Wochen nach meiner letzten Nacht im Container, mir kommt das alles schon meilenweit weg vor. In der letzten Woche dort hat mich tatsächlich noch ein Magenvirus erwischt. Ich denke mal, der Koch hat mir das Wasser nicht abgekocht. Ist ja auch wenig einsichtig: Alle trinken das Wasser pur, es ist sauber und nur diese Weißnase will’s immer abgekocht haben. Eher ein Wunder, dass er’s die ganze Zeit für mich abgekocht hat.

Oh, das war ein böser Tag, ich wirklich völlig erledigt und bis mein Stuhl wieder normal war, das hat über eine Woche gedauert. Als ich da so über dem berühmten Loch hing, habe ich auch gedacht, jetzt lass ich wirklich alles los. Ich war ja so froh, dass meine Zeit zu Ende geht und dachte gar nicht daran, richtig Abschied zu nehmen. Aber ich habe eben doch Orte und Menschen lieb gewonnen, da hat halt mein Körper für mich losgelassen.

Und es wurde grüner, es wurde wärmer! Nebenbei hat mir das einen Haufen Fliegen im Container beschert und ich wusste dann auch plötzlich, warum mir ganz am Anfang einer der Wächter gesagt hatte: Es fehlt nur noch das Gitter vor dem Fenster. Ich war ganz entsetzt gewesen: Gitter vorm Fenster, ich bin doch kein Gefangener! Jetzt, mit den vielen Fliegen, wusste ich: Er meinte nur ein Fliegengitter.

Ich glaube, wir haben uns alle gefreut, das Grün zu sehen. Nicht nur die vielen Obstbäume, nicht nur die Bewässerungskulturen (von weitem konnte ich ein paar Tage einen richtigen Wasserfall hören, der aber auch künstlich war und Wasser auf bestimmte Felder brachte), auch die ganze höher gelegene Ebene von Hezarak bekam einen grünen Schleier. Sogar an den Bergen krallten sich ein paar Pflanzen fest.

Geärgert habe ich mich auch auf meine letzten Tage. Nasim, der Chef der Wächter und Lagerverwalter, betont penibel nach außen und gerne für sich am Abzweigen, drohte meinen Lehrlingen, dass das Lotterleben bald vorbei sei. Dann sei dieser Fremde endlich weg und dann sei er wieder ihr Chef. Irgendwie hat mich das mehr beschäftigt und gekränkt, als ich zuerst gedacht hatte. Eigentlich wusste ich, dass er mich nicht leiden kann.

Er ist ein ehemaliger Militär und ist aus dem Hassen noch nicht so richtig raus. Er versuchte noch zu verhindern, dass die Lehrlinge ihre selbstgebauten kleinen Schränke mit nach Hause nehmen durften. Dass ich ihnen das ermöglicht hatte, fanden alle NGE- Leute richtig doof. Ich hatte aber vorher Said Machmat danach gefragt, er hat es wohl nur nicht so richtig verstanden und als er es verhindern wollte, war es wirklich schon zu spät dazu, die Schränke waren schon gebaut.

Ich musste auch ein paar Zeilen schreiben und drei Leute informieren, um sicher zu stellen, dass er Ali Mohammad, einen meiner Leute, auch wirklich die versprochene und von mir bezahlte Werkbank mitnehmen ließ. Vor lauter Sorge, alle von uns gebauten Sachen könnten so langsam verschwinden, sobald ich weg bin, habe ich meinem Abschlussbericht eine ausführliche Inventarliste angehängt.

Zum Beispiel durfte ich die in der Abschlussprüfung gebauten kleinen Bänkchen nicht zum Materalpreis an meine Lehrlinge geben (die sie gerne genommen hätten), an die NGE- Leute aber schon. Die wollten auch alle gerne eines, waren aber nicht bereit, für das Holz zu zahlen. Ich denke, sie haben alle auf den Tag meiner Abreise gewartet und dann die Beute unter sich aufgeteilt.

Diese Regel, dass zwar etwas für den privaten Bedarf aller Leute gebaut werden
kann (solange es der Ausbildungsablauf zulässt), aber dass Holz dafür bezahlt werden müsse, scheint sehr unafghanisch gewesen zu sein.

Dabei kam sie nicht einmal von mir, sondern Ing. Mir Shah hatte sie im Gespräch mit den NGE- Kollegen, die gerade auf dem Hof waren, auf meine Nachfrage hin gemacht.
Ich habe mich dann daran gehalten, mir aber nur Feinde damit gemacht. Bestenfalls auf völliges Unverständnis bin ich gestoßen. Als Freund hätte ich ganz selbstverständlich das Holz, was zwar nicht mir gehört, aber über das ich verfügen kann, verschenkt. Eher noch als Sachen aus meinem tatsächlichen Besitz. So habe ich also beständig demonstriert, dass ich an Freundschaft kein Interesse habe.

Ich habe dann NGE am Ende des Workshops zwar Geld für Sachen, die wir für andere gebaut haben, übergeben, aber es war ausschließlich mein Geld, wie zum Beispiel das Geld für die Werkbank von Ali Mohammad. Lediglich der arme Co-Teacher Einnullah hat auf mehrfache Nachfrage für einen kleinen Stuhl für seine Tochter das Geld bezahlt und war deshalb total sauer auf mich.

Er hat übrigens bis zum Schluss sich die Namen der Lehrlinge kaum merken können (erstaunlich für einen Afghanen) und gegen Ende der Ausbildung zu meinem Entsetzen gerne bei ‚Leutnant’ Nasim übernachtet, wenn er in Kabul war. Was wohl auch bedeutet, dass er dessen Aktionen mitdeckt.

Für meine theoretische Abschlussprüfung brauchte ich in der letzten Woche die beiden Räume der Ingenieure für etwa zwei Stunden. Was an sich kein Problem war, weil Ing. Mir Shah als einziger der NGE- Ingenieure auf dem Hof war. Als ich ihn fragte, ob ich denn diese Räume haben könne, fragte er mich anstelle einer Antwort, was denn mit den beiden Klassenräumen wäre, die wir beantragt hatten.

Wir beide wussten, dass es gemein ist, mich für die damalige Ablehnung verantwortlich zu machen. Außerdem war es ja wohl unverhältnismäßig für zwei Stunden den Bau zweier Klassenräume zu verlangen. Mich hat das richtig getroffen, auch nachdem er die Benutzung nach dieser rhetorischen Frage erlaubt hatte. Ing. Mir Shah, der immer sehr höflich redete und immer lachte, wenn er mich sah, konnte mich in Wirklichkeit nicht ausstehen. Aber immer wieder hatte er wohl die Hoffnung, durch mich nach Deutschland zu kommen oder sonst welche Vorteile zu haben. Anfangs hat er mich wohl den anderen gegenüber als Kommunisten bezeichnet, ein Attribut, das mir in Hezarak richtig gefährlich hätte werden können. Ich hatte einmal gegen die ganz Reichen gelästert, dass solcher Reichtum verboten gehört.

In der Folgezeit habe ich dann nach allen Seiten ausgiebig über die Sowjets hergezogen, um das wieder hinzubiegen. Endgültig krumm hat er mir dann aber wohl genommen, als ich über den üblen Fundamentalisten Sayyaf eine Bemerkung verloren habe. Der hatte zum Beispiel die Wahnvorstellung gehabt, Kabul als Sündenpfuhl völlig ausrotten zu müssen und erst auf den ausgebleichten Knochen und planierten Ruinen nach einer Zeit der Grabesruhe ein neues, wahrhaft moslemisches Kabul wiederaufbauen zu können.

Said Machmat sagte zu mir in meiner letzten Woche: Es wäre nicht gut für ein Land, wenn eine ganze Gruppe von Menschen vom Wiederaufbau ausgegrenzt würden. Er meinte damit weniger die Taliban, als vielmehr Hektmatyar und seine Anhänger. Aber wie einen Konsens mit Leuten finden, denen alles andere als ihre spezielle Ideologie einen neuen Krieg wert ist?

Qiam, einer meiner Lehrlinge, wollte denn auch nicht abseits stehen bei dem Spiel ‚Burkhard ärgern’. Er erzählte mir nicht ohne Stolz, dass er drei Fenster an einem Tag bauen könne. Er ist derjenige gewesen, der am Saubersten arbeiten konnte, sauberer noch als Einnullah. Und war immer als einer der letzten fertig. Für sein erstes Fenster mit mir (das auf Zeit und nicht auf Stück bezahlt wurde) hatte er drei Wochen gebraucht. Na toll.

An die Esskultur hatte ich mich in diesen Monaten so gewöhnt, dass ich mich bei einem Besuch vom Bundesarbeitsamt (einer der Geldgeber von ZIM) in Hezarak nur schwer auf alle Einzelheiten deutscher Esskultur besinnen konnte. Ich hatte zwar daran gedacht, dass wir da nicht auf dem Boden sitzen können, jeder einen eigenen Becher braucht und Besteck anstelle der Finger zum Essen nimmt. Ganz vergessen hatte ich aber dafür zu sorgen, dass auch jeder einen eigenen Teller bekommt. Wenn es nicht etwas peinlich gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich laut gelacht.

Heute war mein Übersetzer Sadat zum letzten Mal mich besuchen. Er berichtete, dass ’alle’ nach mir fragen würden: „Did you see Burkhard? A really good guy! He’s no normal German!“ Ich hatte Sadat das letzte Mal noch ein paar Afghani mitgegeben, weil ich mich beim Umrechnen des Lohnes bei vier Leuten verrechnet hatte. Es hat sie wohl tief beeindruckt, dass ich eine Woche später dieses Geld noch schickte. Und dass ich das versprochene zweite Zertifikat noch habe bringen lassen, fanden sie toll. Sogar einer der Milizionäre hätte nach mir gefragt, meinte Sadat.  Das hat mir gut getan zu hören, auch wenn ich mir nach wie vor sicher bin, dass ich in Hezarak mehr Leute geärgert habe, als Freunde gewonnen. Aber das ist vielleicht auch nicht meine primäre Aufgabe gewesen.

Das Kapitel ‚Hezarak’ ist für mich jetzt beendet. Die Leute werden bleiben, aber meine Welt sieht nun wieder ganz anders aus. Worauf ich jetzt noch scharf bin ist, eine Ausgabe der Wuluswali- Zeitung in die Hand zu bekommen, in der ein Interview mit mir abgedruckt ist.

19. April

Handwerk in Afghanistan: „Es macht wenig Sinn, sauberer zu arbeiten, als ein Kunde das wünscht.“

Ich denke, ein ganz wesentlicher Aspekt meiner Arbeit hier ist, dass ich völlig ohne Strom arbeite und alles, was ich lehre, sich nur auf Handarbeit bezieht. Das ist eigentlich nicht so die Stärke eines deutschen Handwerksmeisters, zum Glück aber meine. Meine Leute können sehr schnell arbeiten, im Allgemeinen schneller als ich. Aber auf dem Bazar und natürlich besonders bei meinen Lehrlingen, die zum Teil ja Anfänger sind, sehe ich sehr unsaubere Arbeiten. Maßhaltigkeit, genaue, saubere Verbindungen gibt es selten. Selbst Einnullah, mein Co-Teacher arbeitet nicht besonders sauber. Für die Zwingen werden keine Zulagen genommen, andere Druckstellen gar nicht erst beachtet, wenn Holz ausreißt, ist das auch in Ordnung.

Das Holz ist so teuer, dass eine vernünftige Holzauswahl kaum möglich ist. Ich habe versucht, zu erklären, dass der Kern eines Holzes keinesfalls genommen werden darf, aber Einnullah hat meine Lehrlinge dann hinterher doch angewiesen, auch Holz mit der Mark- (Kern) röhre zu nehmen. Das bedeutet natürlich, dass das Holz sehr reißt. Vor allem auch die Benutzung von Nägeln macht die Arbeit unsauber. Das Holz reißt auch dort oft auf, die Hammerschläge beschädigen das Holz, es bleibt der Nagelkopf sichtbar. Manchmal bricht mit dem Nagel eine ganze Ecke des Holzes weg. Das passiert oft, wenn kleinere Reparaturen am eigenen Werkstück vorgenommen werden. Da kleine Zwingen nicht üblich sind, wird eigentlich immer mit Hilfe von Nägeln geleimt, die alles noch schlimmer machen.

Die Fenster und Türen werden mit Bändern hergestellt, wie wir sie an alten Truhen haben, der Schreiner nennt sie Lappenbänder. Die sind mit Schrauben befestigt, die aber oft der Schnelligkeit halber mit dem Hammer eingetrieben werden.

Es gibt nicht, wie in Deutschland, die Einspannmöglichkeiten für ein Werkstück. So wird das, was ich bearbeite, fast immer mit dem Fuß gehalten. Oft stehen meine Leute auf dem Werktisch und sägen das mit dem Fuß gehaltene Holz von oben mit dem Fuchsschwanz. Jedes Holz wird mit der Rauhbank, mit der ich inzwischen ganz gut umgehen kann, erst glatt gehobelt. Die Rauhbank ist ein sehr langer Hobel, der das Holz eben macht. Vorausgesetzt, er ist gut geschärft und auch anderweitig in Ordnung.

Anfangs haben meine Lehrlinge von mir erwartet, dass ich ihre Werkzeuge in Ordnung halte. Sie brachten mir einen Hobel: ‚Geht nicht' und wenn ich ihn dann in die Hand nahm, wollten sie zufrieden abziehen in der Erwartung, ihn später geschärft und repariert wieder zurückzubekommen. Das hätte mir auch geholfen. Denn, selbst wenn ich es irgendwann schaffe, das Teil zu reparieren, kann ich oft noch nicht erklären, was ich da eigentlich gemacht habe. Aber Ausbildung bedeutet natürlich, ihnen beizubringen, wie sie es selbst machen müssen.

Zum Glück sind ja viele Dinge analog, so dass ich mit meinem Wissen über den normalen Hobel auch schnell erfasse, warum eine Rauhbank nicht so arbeitet, wie sie soll.
Trotzdem ist den meisten schon klar geworden, dass ich vorher noch nie mit einer Rauhbank gearbeitet habe. Aber für die vielen Sachen, die eben in Afghanistan üblich sind und nicht in Deutschland, arbeite ich ja auch mit meinem Co-Teacher Einnullah zusammen, von dem ich selbst lerne. Meine Stärken sind deshalb mein sauberes, genaues Arbeiten, vor dem sie alle ehrfürchtig staunen und mein im Vergleich doch umfangreiches, theoretisches Wissen über Verbindungen, Werkzeug und Holz.

Wenn nur Einnullah auch bereit wäre, von mir zu lernen. Obwohl er selbst wohl ganz gut erklären kann, hat er eine ausgeprägte Abneigung gegen Theorie. Soweit ich beurteilen kann, was er erklärt. Denn wenn er an der Tafel steht, fällt mein Übersetzer Sadat immer in so eine Art Lethargie, aus der ich ihn nur schwer erwecken kann. Mit viel persönlicher Energie bringe ich ihn manchmal dazu, mir einen oder zwei Sätze von Einnullah zu übersetzen. Wonach er wieder beharrlich schweigt. So sitzen wir beide während des Vortrages von Einnullah da und träumen vor uns hin.

Als wir die Werktische gebaut haben, habe ich ihnen gezeigt, wie man eine Gratleiste macht. Eine Gratleiste hält ein Vollholzbrett (wie zum Beispiel die Arbeitsfläche der Werkbänke) gerade und lässt das Holz trotzdem arbeiten, d.h. schwinden. Wenn ich ihnen etwas Neues zeige, behaupten sie oft (besonders Einnullah), das sei zu schwierig. Dabei hat der, der die Leiste dann machte, nur zwanzig Minuten dafür gebraucht.

Lange habe ich dafür gebraucht, zu erklären, dass Holz arbeitet, also sich zusammenzieht, wenn es trocknet und sich ausdehnt, wenn es Feuchtigkeit aufnimmt. In Deutschland ist das eine der wichtigsten Grundregeln fürs Schreinern. In Afghanistan wird das natürlich in vielen Verbindungen praktisch angewendet, aber sie wissen nicht unbedingt, warum. Einnullah jedenfalls ganz sicher nicht.

Die Arbeitsfläche der Werkbänke wollte er in der Fläche verleimen und dann aber auf der Unterkonstruktion festschrauben. Das muss reißen habe ich gesagt und: Gut, wir machen halt beides und schauen es uns einen Monat später noch mal an. Diese Woche haben wir es uns gemeinsam angeschaut: Die verleimten und verschraubten Tische sind entweder in der Leimfuge gerissen oder, wenn es gut und richtig geleimt war, mitten durchs Holz. Der Tisch mit der Gratleiste ist in der Breite zwei Zentimeter schmaler geworden, aber nicht gerissen. Erst schien es, als hätten sie verstanden. Aber dann verleimte Einnullah den Stuhl, den er zum Vorzeigen für die Lehrlinge gebaut hatte, wieder in genau der Art und Weise, dass die Sitzfläche mitten im Holz reißen muss. Ich habe es nur für ihn erneut erklärt und vielleicht hat er es verstanden.

Ich glaube, in unseren fachlichen Auseinandersetzungen geht es ihm oft um seine Selbstbehauptung. Ich habe deshalb anfänglich oft nachgeben, auch weil ich hoffte, von ihm zu lernen. Aber nachdem ich jetzt schon recht häufig anschaulich sehen konnte, warum ich als Schreiner irgendetwas so und nicht anders mache, bestehe ich nun regelmäßiger auf meiner Methode. Ich werde ja auch eigentlich nicht dafür bezahlt, dass ich etwas lerne, sondern dass etwas von meinen Kenntnissen und Fähigkeiten in Afghanistan bleibt.

In der direkten Konfrontation ziehe ich aber häufig den Kürzeren. Viele, einschließlich Einnullah, sind einfach sehr stur. Und wenn ich irgendetwas jetzt und hier geändert haben will, dann passiert einfach gar nichts. Zum Glück gefällt mir das grundsätzlich (nur im jeweiligen Moment halt nicht). Außerdem habe ich auch mit meinem Sohn gelernt, rechtzeitig aus einer Eskalation auszusteigen und nicht Willen brechen zu wollen. Wenn ich es unbedingt will, wird es noch lange nicht gemacht.

Oft ist es für sie sehr einfach zu erklären, warum ich sauberer als sie arbeite: Ich habe einfach das bessere Werkzeug (das sie oft ausleihen wollen). Werkzeug aus Deutschland ist immer viel besser. Vor allem besser als pakistanische Produkte, die immer schlecht sind, sagen sie. Ich habe dann zeitweilig mit ihrem Werkzeug gearbeitet, um ihnen zu zeigen. dass es eben nicht an der Badehose liegt, wenn der Bauer nicht schwimmen kann. Außerdem habe ich einigen, deren Werkzeug auch nicht scharf war, gesagt, dass sie es nicht behalten können, wenn sie gar nicht damit arbeiten.

Ein paar Sachen habe ich als Beispiel gebaut, weil es anschaulich besser zu erklären ist, als an der Tafel. Trotzdem glaube ich, dass ein guter Schreiner auch theoretische Sachen nachvollziehen können muss, sonst gibt es bald Grenzen in dem, was er lernen kann. Deshalb mache ich gleichzeitig weiter mit meinem theoretischen Unterricht. Da unterrichte ich auch Fachrechnen. Ich habe sie in zwei Gruppen eingeteilt. Es gibt eine Gruppe, in der ich die Grundrechenarten lehre, das kleine Einmaleins durchnehme (ich habe es mit arabischen Zahlen geschrieben und als Kopie an alle verteilt) oder auch nur addieren über Zehnergrenzen übe.

In der anderen Gruppe nehmen wir Dreisatz, Bruchrechnen und Kommazahlen durch. Ich wusste gar nicht, wie schwer es ist, zu erklären, warum 0,5 durch 0,0125 geteilt vierzig ergibt. Als letztes will ich mit ihnen Raumberechnung machen, um die Frage zu klären, wie viele Bretter ein Stamm ergibt. Spaß macht es mir, das Gelernte gleich im drauffolgenden Praxisunterricht abzufragen: Wie viele Schrauben brauchst Du, wenn Du hier am Fenster vier Bänder hast mit je sechs Schrauben? Na ja, oft stellt sich dann heraus, dass es nicht ganz die richtige Formulierung ist zu sagen: 'Das Gelernte abzufragen'.

Gut hat sich bewährt, mir die von ihnen gebauten Werkstücke mit jedem Lehrling einzeln genau anzugucken und zu bewerten. Ich versuche dann immer die Ecke zu finden, die gut geworden ist und zu sagen: Das ist toll geworden. Fast alle meine Lehrlinge sind mit Lob leicht zu erreichen. Der Krieg hat sie eben sehr hungrig gemacht, auch auf Lob. Auf die Art habe ich deutliche Verbesserungen ihrer Arbeit erzielen können. Obwohl ich auch viele verzierte Schreinerarbeiten gesehen habe, überwiegt in dieser Wiederaufbauzeit eindeutig die Funktion des Gebauten. Es ist oft nicht ganz so wichtig, wie es aussieht. Und das hängt im Grunde natürlich mit den Kundenwünschen zusammen. Auch in Deutschland macht es wenig Sinn, sauberer zu arbeiten, als ein Kunde das wünscht. Das wird eben nicht bezahlt.

Über das hier verwendete Holz kann ich übrigens gar nichts lehren. Ich kann die verschiedenen Holzsorten weder voneinander unterscheiden, noch kenne ich ihre Eigenschaften. Ich sehe nur, dass es erstaunlich viele verschiedene Sorten gibt und eine Eichenart habe ich erkannt. Zu meinem Entsetzen als Feuerholz in größerer Menge. Plattenmaterial gibt es auch, Spanplatten, die hier espanpalat heißen, und Sperrholz in allen Stärken und meist schlechter Qualität. Vieles ist so, wie ich mir Schreinerei in Deutschland vor etwa hundert Jahren, vielleicht auch direkt nach dem 2.Weltkrieg, vorstelle.

Öfter kommt irgendjemand und will irgendetwas von mir persönlich gebaut haben. Ich bin dann schnell abgenervt, weil sie dafür auch nichts bezahlen wollen. Wildfremde Menschen behaupten, dass das Gebaute sie dann immer an mich erinnern würde, wenn ich wieder in Deutschland bin.

Obwohl ich inzwischen ein wenig den anderen kulturellen Hintergrund verstehe, aus dem heraus sie mich auf so etwas anquatschen, sind meine Emotionen noch eindeutig europäisch. Ich bin dann immer ärgerlich. Ich bin es gewohnt, dass alles bezahlt wird und dass man höflich fragt, ob jemand etwas für einen machen kann und es nicht fordert.

In unserer individualisierten Welt wird eben viel über Geld geregelt, viele Beziehungen unter den Leuten sind Warenbeziehungen. Für die Afghanen ist das völlig unverständlich, weil vieles über Freundschaft und deshalb als Geschenk läuft. Weil jemand, der über Mittel verfügt, mehr Geschenke machen kann und diese Geschenke dann ‚Seilschaften' herstellen, sprechen wir von Korruption oder Unterschlagung.

So ist die Vehemenz, mit der auch ich auf Bezahlung und Abrechnung bestehe, im Grunde nichts anderes als die Durchsetzung der Warengesellschaft, ‚Entwicklungshilfe' eben.

21. März

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