Ich finde es sehr schön, auf meine letzten Tage in Kabul nicht mehr alleine im Gästehaus zu sein. Ein bisschen gemeinsames Yoga, gemeinsames Kochen oder ein Spiel am Abend mit netten Leuten lassen die Tage kürzer werden, als ich es eigentlich will. Mit dem Ehepaar Pukmann bin ich zweimal in die Innenstadt einkaufen und jedes Mal haben wir eines der vielen afghanischen Restaurants besucht. Das eine, das Herat- Restaurant, ist Ausländer gewohnt, aber in dem anderen, einer echten Spelunke, sind wir doch sehr aufgefallen, besonders natürlich wegen Carmen Pukmann.
Mich haben die Leute auch groß angeguckt, weil ich zwar afghanisch gekleidet bin und auch noch den ‚Fremdenführer’ gebe, in dem ich übersetze und erkläre, aber dann nur schlecht Dari spreche. Trotzdem bin ich begeistert, wie schnell es möglich ist, eine Sprache so zu lernen, dass Verständigung möglich ist. Und ich bin nun wahrlich kein Sprachgenie, sondern habe mich schon mit dem Englisch lernen damals sehr gequält.
Vor einigen Tagen habe ich mein Ariana-Ticket bekommen, Holger aus dem Büro hat es mir gebracht. Ich wollte nicht wieder mit der Bundeswehr fliegen, einen Flug fand ich interessant genug. Ariana fliegt regelmäßig als zivile Linie nach Frankfurt, warum soll ich da nicht mitfliegen? Ein Kollege meinte: „Ich weiß, warum ich da nicht mitfliegen will. Kennst Du die indischen Flugzeuge und deren Sicherheit? Na, und Ariana fliegt mit ausrangierten indischen Flugzeugen!“
Ich werde angewiesen, das Ticket im Ariana-Büro bestätigen zu lassen. Das Büro ist in einem normalen Haus untergebracht und zuerst weiß ich nicht, welchen Eingang ich benutzen soll. Weil aber vor dem einen Tor eine ganz lange Schlange ist, gehe ich durch das zweite Tor, dass ich in der Mauer finde. Dort ist nur ein Wächter, der mich freundlich grüßt und ich gelange in einen Garten, in dem ich mein Fahrrad abstellen kann.
Eine Balkontür führt in ein Büro mit Tresen und es sieht so aus, als sei ich den normalen Weg herein gekommen. In dem Büro sind eine Menge Leute und ich brauche eine Weile, bis ich an den richtigen Mann gerate. Der erklärt mir etwas unfreundlich, dass ich gar nicht hätte kommen brauchen. Aber auch das gehört wohl zum Ritual.
Mein Gepäck habe ich zuvor in Alukisten gepackt und mit der Post zurück geschickt. Das erspart mir den ganzen Aufwand mit Speditionsfirma und dergleichen. Es ist ja auch nicht mehr all zu viel.
Und dann ist mein Abreise-Tag da. Jemand hat mir vor ein paar Tagen den Bären aufgebunden, Ariana wäre einmal sogar eine halbe Stunde zu früh los geflogen und mir damit tatsächlich einen Schrecken eingejagt. Anstelle eine Stunde später, als von Ariana angegeben (was ich sonst getan hätte), bin ich heute Morgen eine Stunde früher aufgebrochen.
In der Nähe des Flughafens gehe ich, sozusagen zum Abschied, in eine der Basarstraßen, um Obst und etwas zum Trinken zu kaufen. Mit meinem letzten Kleingeld beglücke ich noch eine Bettlerin, um dann zum Flughafen-Gebäude zu schlendern.
Die Formalitäten sind erstaunlich schnell erledigt und ich ärgere mich, dass meine letzten zwei Stunden Afghanistan ausgerechnet in dieser tristen Wartehalle stattfinden sollen.
Mir gegenüber sitzen einige Frauen mit Burka und ich überlege, ob die nach Frankfurt mitfliegen. Das muss wohl so sein, denn die Sperre ist zu und hier im Warteraum ist nur noch Zugang für Reisende. Später im Flugzeug rätsele ich, wer von den schick und westlich gekleideten Frauen wohl vorher eine Burka getragen hat.
Eine junge Frau war ohne Burka in der Abfertigungshalle gewesen. Weil sie alleine reiste und westlich gekleidet war, wurde sie besonders schikanös und gründlich durchsucht. Mich hat das schon beim Zuschauen wütend gemacht. Nur zu deutlich war, dass die afghanischen Beamten sie am Liebsten inhaftiert oder misshandelt hätten für ihr unzüchtiges Auftreten. Bewundert habe ich die Ruhe und Klarheit, mit der diese junge Frau den Herren entgegen getreten ist, obwohl sie sichtlich abgenervt war von dieser Art Afghanistan.
Nun bin ich weit über den Wolken, habe die kargen Berge Afghanistans gesehen und dazwischen die schmalen Bänder der Flussoasen. Als es grüner wurde, waren wir schon lange über dem Iran.
30. April
In den letzten Wochen hat es immer wieder geregnet, zum Teil richtig heftig. Toll für Afghanistan nach diesen Jahren der Dürre. Der Kabulfluss ist wieder ein richtiger Fluss. Da der Strom von Kabul (unter anderem) aus drei Wasserkraftwerken kommt, gibt es inzwischen auch wieder fast 24 Stunden Strom. Die Straßen sind allerdings nach einem Regen eine Katastrophe. Selbst die geteerten Straßen haben als Bürgersteige rechts und links nur Lehm und sind dann völlig aufgeweicht. Erstaunlich aber, wie viele Straßen dann doch geteert sind in Kabul, und immer wieder kommen welche dazu. Im Straßenbau, der oft von Deutschland mitfinanziert wird, gibt es auch regelrechte Frauenbrigaden. Auch die Straßenbeleuchtung wird von Woche zu Woche vollständiger, inzwischen sind so gut wie alle HauptStraßen beleuchtet und in einigen Vierteln auch die kleineren Straßen.
Letzte Woche habe ich einen tollen Fahrrad- und Fußgängerweg entdeckt, als kleine ParallelStraße neben der grossen Straße nach Taimani heraus und mit sehr wenig Schlaglöchern. Die große Straße ist meistens mit Autos, Fahrrädern und Lastkarren zu und natürlich auch völlig verpestet. Überhaupt hat mensch eigentlich immer die Wahl, entweder holprige Nebenstraßen ohne Verkehr zu fahren oder auf den asphaltierten und chaotischen Hauptstraßen.
Nachts hören wir öfter die Raketeneinschläge, die dem ISAF- Camp gelten, aber im Grunde fast nie Schaden anrichten. Vor drei Tagen war die Explosion so laut, dass wir dachten, das muss in unserem Viertel eingeschlagen haben. Hatte es aber nicht, sondern wie üblich in dem gut fünf Kilometer entfernten ISAF- Camp. Der Explosionskrater ist dafür meist erstaunlich klein, einen Meter oder so.
Allgemein wird das damit erklärt, dass Al Qaida- Leute nur zeigen wollen, dass sie noch da sind. Ich halte das für Unfug: Die würden doch versuchen, zu treffen und nicht nur sich der Gefahr aussetzen, entdeckt zu werden.
Für viel wahrscheinlicher halte ich, dass Regierungstruppen zeigen wollen, dass Taliban und Al Qaida noch da sind, um Gelder für die eigene Aufrüstung zu bekommen. Das würde erklären, warum tatsächlich fast nie jemand verletzt wird bei diesen Anschlägen. Einmal ist es auch aufgedeckt worden: Eine bestimmte Regierungseinheit wollte eine Lohnerhöhung und versuchte mit einem fingierten Anschlag zu zeigen, wie wichtig sie für die Sicherheit sind. Klarer kann mensch eigentlich nicht demonstrieren, dass der Frieden grundsätzlich von jeder Art bewaffneter Truppen bedroht ist.
Letzte Woche konnte ich am helllichten Tag eines der knapp über die Hausdächer donnernden Flugzeuge sehen, dass von mehreren Leuchtraketen beschossen wurde. Außer mir hatte das auf der Straße weiter keinen beeindruckt. Später erfuhr ich, dass es eine Art Übung für den bevorstehenden ‚Freedom Day’ war. Am selben Tag gab es auch eine große Übungsparade auf dem Paradeplatz im südlichen Teil der Stadt.
Erstaunlich, wie viele Afghanen Englisch sprechen können. Nur zum Teil sind es die Pakistan-Rückkehrer, die in der ehemaligen britischen Kolonie Englisch gelernt haben. Englisch gilt als Schlüssel für gute Jobs und so werden es täglich mehr, die Englisch lernen. Die Kinder rufen gerne schon von weitem “how are you”, was sich manchmal allerdings mehr nach dem Geschrei der allgegenwärtigen Maultiere (in Jallalabad waren es mehr Esel) anhört.
Letzte Woche bin ich einmal in eines der großen und über die ganze Stadt verteilten Postoffice gegangen. Das ganze Gebäude war bestimmt 8 mal 15 Meter groß und in einem kleinen Raum saß ein Postangestellter hinter einem Resopal-Schreibtisch, sonst gab es nichts. In dem kleinen Raum war wirklich nichts weiter als der Angestellte, zwei Stühle und dieser Schreibtisch. Auch der Rest des Gebäudes war, bis auf Postfächer, leer. Auf meine Nachfrage kramte er in einer der Schubladen, holte einen abgewetzten Briefumschlag hervor und bot mir verschiedene Briefmarken an. Zum Teil waren sie noch mit der alten Währung. Er hatte auch keine Ahnung, wie viel ein Brief denn so kosten könnte, schon gar nicht nach Europa. Ich habe mir dann einfach eine kleine Auswahl zusammengestellt und sie später auf zwei Postkarten einigermaßen gerecht verteilt.
Wie beschrieben, habe ich mich mit meiner Kleidung inzwischen schon recht angepasst, nur die kleineren Feinheiten gehen mir etwas verloren. So ‚darf’ mensch ja auch in Deutschland eigentlich nicht ein Ökooutfit mit einer Amischirmmütze mischen.
Ich musste also erst ein paar Erfahrungen sammeln. Das ‚Palästinenser-Tuch’ ist in der Stadt sehr häufig zu sehen, weil es erstens durch die aus den arabischen Staaten kommenden Gotteskrieger in Kabul üblich wurde und nun auch typisch ist für die Panjirifraktion. Außerhalb von Kabul sind diese aber oft nicht gerne gesehen und die Araber sind sowieso nicht beliebt, weil sie im Krieg häufig besonders grausam waren.
Mein weißes Käppi hingegen bestürzte die Wächter des Gästehauses: Du siehst ja jetzt aus, wie ein Mullah! Als ich in der Stadt einmal einen Container bestiegen habe, um von dort ein Bild zu machen, bin ich ein bisschen ängstlich gefragt worden, ob ich vielleicht ein Al Qaida sei. Weil eben meine Kleidung so kunterbunt zusammengestoppelt war.
Ein anderes Mal wollte ich unbedingt einen sehr malerischen Bettler fotografieren. Leider war er nicht nur malerisch, sondern auch verwirrt und irrte eine Straße mehrfach hoch und wieder runter, verschwand in Läden, kam wieder raus. Und ich, im Begehren ein super Foto zu machen, immer hinter ihm her.
Mit meinem Fotoapparat, ansonsten aber dem Afghanenkleid, Sandalen mit Strümpfen und dem bunten Käppi erregte ich das Aufsehen eines Geheimdienstmannes, dem klar war, dass da irgendetwas nicht stimmen konnte. Er ließ sich auch nicht davon überzeugen, dass ich ein Deutscher bin. Ich meinerseits hatte nicht die geringste Lust, ihm meinen Pass zu zeigen, sondern war richtig sauer.
Wenn er mir nicht glauben würde, solle er mir bitte folgen, meinte ich zu ihm und brav folgte der Security- Mann mir zum in der Nähe liegenden Entwicklungsdienst- Büro. Dort konnte ihn sehr schnell einer der Fahrer von der Wahrheit überzeugen. Er hat sich sogar entschuldigt.
Ein anderes Mal war mir mulmiger. Auf der Straße war eine riesige Pfütze, die ich umfahren wollte. Allerdings kam mir eines dieser Autos mit getönten Scheiben entgegen. Voller Verwunderung bemerkte ich, dass es langsamer fuhr, so dass ich um die Pfütze noch herum kam. Bedankt habe ich mich dafür mit der erhobenen Hand.
Das wurde allerdings missverstanden, zum Glück war ich schon ein bisschen weiter. Das Auto hielt vollends und der Fahrer rief mir hinterher: ‚Ich komme dich gleich holen!’ Erfreulicherweise tat er es nicht, ich weiß nicht, ob ich ihm hätte so schnell verständlich machen können, dass ich kein Araber bin.
Wann Afghanen sich gegenseitig helfen und wann nicht, habe ich nie verstehen können. Manchmal habe ich kleine Jungen mit umgekippter Schubkarre gesehen, die sich verzweifelt abmühten, diese wieder aufzurichten. Einer weinte sogar, aber niemand half. An anderer Stelle konnte ich aber viele helfen sehen, als zum Beispiel ein Motorrad ins Wasser gerutscht war. Oder wenn ein alter Mann über die Straße wollte.
Vielleicht liegt es an der Art der Arbeit, die die Hilfe erfordert. Unsere Wächter sind zum Beispiel noch immer der festen Überzeugung, alles Auf- und Abladen der Autos sei ihre Arbeit. Und auch in Hezarak sah ich, dass die Ingenieure für viele Arbeiten keinen Finger krümmten. Niemals wären sie auf die Idee gekommen, ihr Essen selbst auf- und abzutragen. Und als ich mich anbot, mitzufahren, um Wasser zu holen, waren die Wächter schwer empört.
Ich habe auch von einem Fahrer erzählt bekommen, der sich zwar ohne zu Zögern unter das Auto legte, um es zu reparieren, aber als seine Windschutzscheibe beim besten Willen nicht mehr durchsichtig war, einfach nur anhielt und nicht mehr weiter fahren konnte. Das war nun eindeutig nicht seine Arbeit. Öfter wird es auch einfach davon abhängen, wie hilfsbereit die Leute sind, die gerade so etwas beobachten. Das ist in Deutschland auch nicht anders.
25. April
Ab Ende März kamen vier EntwicklungshelferInnen neu aus Deutschland, machten die Auslandsvorbereitung und wohnten mit mir im Gästehaus.‚Ab Ende März’, weil sie zu unterschiedlichen Zeiten einreisten. Heiner, der als erster neuer Mitbewohner kam, hatte das Pech, auf die anderen noch drei Wochen warten zu müssen. Ich dagegen hatte Glück: Ich konnte mich einfach ihrer Studienfahrt nach Jallalabad anschließen, die Teil ihres Vorbereitungskurses war. Anstatt Heiner, der einen Tag, bevor es losgehen sollte, krank wurde.
Wir sind morgens um sieben losgefahren, erst die altbekannte Strecke zu dem ISAF- Camp raus, dann weiter Richtung Pul-e-chari, von wo aus ich jede Woche rechts hoch in die Berge gefahren bin. Wir, das waren der Sprachlehrer Mir Afzal (der auch das Reiseprogramm organisierte), das Ehepaar Pukmann, beide über sechzig und sehr agil, Bob (der meist eher schlecht gelaunt hinten im Wagen saß), die zwei Fahrer (wir waren ja wieder mit zwei Autos unterwegs) und ich.
Diesmal ging’s nicht nach rechts, sondern geradeaus weiter und erstaunlich schnell ebenfalls mitten in die Berge rein, aber nicht hoch, sondern die nächsten vier Stunden nur bergab. Ich hatte irgendwie erwartet, dass es eine Weile durch die Berge geht und dann spätestens nach der Hälfte (bei Sarobi) in eine Ebene hinein. So sah es jedenfalls auf der Karte aus. Aber die Berge haben uns nie verlassen, mal enger, mal etwas weiter das Tal dazwischen.
Selbst Jallalabad ist umgeben von Bergen, genau wie Kabul. Anders ist nur, dass Jallalabad in einem lang gestreckten Tal liegt, also auch die ganze Stadt eine Hauptverkehrsader hat, wenn auch mit mehreren Parallelstraßen und auf der südlichen Seite mit einer zweiten Ebene oberhalb der Stadt. Kabul dagegen liegt in einem sehr großen Talkessel und ist mehr sternförmig aufgebaut.
Zuvor aber ging’s durch wirklich enge Schluchten, einmal stürzte der Fluss so jäh in die Tiefe, dass die Straße beim besten Willen nicht mehr mitkam, sondern sich mit mehreren Tunneln durch den steilen Fels bohren und anschließend in einigen Serpentinen wieder zum Fluss hinunterwinden musste. Wunderschön und beeindruckend war das. Der Fluss tief unten, braun und ungestüm.
Auffallend die vielen bunt bemalten LKWs, die hauptsächlich in Richtung Kabul voll bepackt waren (zum Teil rückkehrende Flüchtlinge) und leer wieder zurückfuhren. Kabul produziert so gut wie nichts, vieles kommt aus Pakistan, anderes aus Iran, den GUS-Ländern oder aus Dubai und anderen arabischen Staaten. Die Außenhandelsbilanz von Afghanistan muss eine Katastrophe sein.
Wir fuhren an drei Staudämmen vorbei, mindestens einer produzierte Strom. An dem großen Damm, der für Kabul den Strom produziert, führte die Straße allerdings in einem weitem Schlenker vorbei. Wir konnten ihn nicht sehen. Das ist auf Höhe von Sarobi, dort ist das Tal stellenweise breiter und lässt einiges an Grün und Feldbau zu. Auch die Berge sind bei weitem nicht so steil und schroff.
Immer wieder war Kriegsgerät zu sehen, meist ausgebrannt, manchmal aber an strategischen Punkten durchaus noch in Betrieb, inklusive einem Haufen Soldaten, die MG lässig über den Knien liegend. Links und rechts der Straße oft Minenfelder, geräumte und aktive. Auf der Hinfahrt sahen wir ebenfalls Dutzende Minenräumer, zum Teil im Berg (ich fragte mich, wie in dem Fels jemand Minen legen kann), zum Teil direkt neben der Straße, mit Metalldetektor, mit Hunden, mit schwerem Minenräumfahrzeugen. Tags drauf sahen wir sie vormittags an einer Moschee für einen toten Kollegen Spalier stehen und mittags zufällig im Restaurant.
Auffällig war das viele Grün, sobald es das Tal zuließ; der Weizen schon richtig hoch und viele Bäume, selbst an den Hängen krallten sich Büsche und Bäume. Im Hintergrund immer wieder Aussicht auf schneebedeckte Berge.
Die Straße selbst war zur knappen Hälfte asphaltiert, ansonsten Schotter. Manchmal gab es zwanzig Meter Asphalt, dann wieder Schotter, dann wieder Asphalt. Das reicht natürlich nicht zum schnell fahren. An den Schotterabschnitten waren öfter Kinder, Greise oder ein einbeiniger junger Mann, die tatsächlich oder nur den Eindruck erweckten, die Straße zu reparieren, wie schon in Logar. Dafür wollten sie Geld von uns, dass wir unter der Windschutzscheibe liegen hatten und je nach Bedarf aus dem Fenster warfen. An anderen Stellen wurde die Straße wirklich repariert. Noch vor einem halben Jahr hat es wohl 7 Stunden nach Jallalabad gedauert, wir haben mit Pausen jetzt nur noch 4 Stunden für die etwa 150 Kilometer gebraucht.
Auf dem Rückweg sahen wir Wasserlaster, die die Straße nass machten, um den Staub in Grenzen zu halten. Nach etwa zweieinhalb Stunden Fahrt machten wir Halt an einer Raststätte, die mich etwas an die Wüstenraststätten erinnerte, die manchmal in amerikanischen Filmen auftauchen. Nur dass hinter dem Haus ein kleines Wäldchen und dann der Fluss war.
In dem Wäldchen waren Männer mit Maschinengewehren verteilt, die offensichtlich ein paar Europäer beschützten, die dort aßen. Direkt neben dem Wäldchen sah ich auch mein erstes Mohn/Opiumfeld. Zwei junge Männer waren gerade bei der ersten Ernte. Hinter einem Baum hervorlugend habe ich mich getraut, ein Bild zu machen.
Später sahen wir dann noch öfter Mohnfelder, allerdings bei weitem nicht so viele, wie ich nach Erzählungen erwartet hatte. Wahrscheinlich sind die meisten Felder auch nicht so direkt von der Straße aus zu sehen. Etwas Wegstrecke nach dem Restaurant kam von Norden her ein größerer Fluss aus den Hindukusch-Bergen und brachte Bäume mit, die ihn säumten und sich gleichsam in unser Tal ergossen, ein grünes, breites Band, dass uns dann, bis auf kurze Ausnahmen, nicht mehr verließ.
Kurz vor Jallalabad, am letzten Stausee, kehrten wir in einem Fischrestaurant ein, ein überdachter Raum mit Veranda zum See hin und aßen frisch gefangenen und gebratenen Fisch. D.h., die anderen aßen, ich und Christel Pukmann nahmen mit etwas Gemüse und Brot vorlieb. Durch einen weiteren Tunnel kamen wir dann ins offenere Tal von Jallalabad.
Jallalabad selbst ist deutlich kleiner als Kabul, aber sehr viel grüner. Vor allem viele Bäume gibt es in der ganzen Stadt. Manchmal konnte man die Bebauung vor lauter Bäumen nicht sehen. Ich habe deutlich weniger Frauen auf den Straßen gesehen, als in Kabul. Dafür waren aber mehr Frauen ohne Burka. Allerdings kann das auch ein wenig täuschen, weil diese Frauen ohne Burka vielleicht Kutschi- Frauen waren, also Nomaden Frauen, die die Burka eigentlich nie akzeptiert haben. Denn insgesamt ist Jallalabad als Paschtunen- Stadt sehr viel konservativer als Kabul, so etwas wie das Bayern Afghanistans.
Jallalabad schien mir insgesamt auch reicher, jedenfalls gab es weniger dieser ganz kleinen Läden oder Straßenhändler als in Kabul. Witzig war die Ladenzeile mit den Geldhändlern, die ihr Geld in Glasvitrinen zur Schau stellten. Die vielen, vielen Stoffhändler mit den schillernden, glitzernden, farbenfrohen orientalischen Stoffen und die Stände mit den bunten Gewürzen haben mich zweimal zum Einkaufsbummel verlockt.
Wie in Kabul gab es viele Musikkassetten oder fliegende Händler, die kleine Bilderchen verkauften. Die Bananen sind auffällig größer und zu meiner großen Freude gab es auch Kokosnüsse. Wie in Kabul gibt es auch Rohrzucker, zum Teil unverarbeitet zum Lutschen, zum Teil als braune Zuckerklumpen, die nach Gewicht verkauft werden.
Gewohnt haben wir in dem Entwicklungsdienst- Gästehaus, einem geräumigen Anwesen mit mediterranem Flair. Der Garten üppig, mit Palme und Sonnenblumen, vielen Bäumen, einem Volleyballfeld und einer binsengedeckten Veranda. Innen waren vier Zimmer, (ich habe mit einem Fahrer in einem Raum geschlafen) mehrere Flure, eine große Essdiele und eine Winterküche.
Die Sommerküche befand sich in einem Anbau, um zu verhindern, dass das Kochen das Haus noch mehr aufheizt. Ich hatte etwas Angst vor Kälte nachts, wegen der dünnen Decken, aber das war völlig unbegründet: Durch die viel höhere Luftfeuchtigkeit und das viele Grün kühlte es nachts kaum ab und ich habe eher geschwitzt als gefroren.
Am ersten Nachmittag besuchten wir einen großen Viehbetrieb aus Sowjetzeiten. In den weitläufigen Stallungen standen noch ein paar magere Kühe. Es wurde gerade Milch verkauft, 200 Liter produzieren sie an einem Tag, bei etwa 40 Milchkühen, also nicht besonders viel. Die Stallungen sind für mehrere hundert Kühe ausgelegt und mit viel Auslauf. Wir waren im Nu umringt von einer großen Schar Afghanen. Schade, dass es im Stall so dunkel war, sonst hätte ich ein paar schöne Bilder machen können, besonders zwei alte Afghanen und drei, vier kleine Mädchen hatten es mir angetan.
Anschließend sind wir zum Fluss und haben dort in einem Gartencafe Tee getrunken, Pommes und mit Kartoffeln gefüllte Teigtaschen gegessen. Sieben Leute und nachher haben wir zweieinhalb Euro für alles bezahlt. Dazu ein schöner Sonnenuntergang, warme Luft und der Blick auf den schillernden Fluss: Urlaub vom Feinsten.
Gleich nach dem Frühstück am nächsten Tag fuhren wir zum alten Winterpalast des Königs. Der ist im Gegensatz zum Palast in Kabul nicht zerstört, sondern wunderschön, bewohnbar und umgeben von einem recht gepflegten Park. Auch hier wieder alles voller Blüten und die Pflanzen auf mehreren Ebenen. Ich habe mich gewundert, dass wir dieses Anwesen überhaupt betreten durften. Wir wurden aber vom Verwalter persönlich herumgeführt und das war mir auch ganz lieb, denn überall waren Wachsoldaten. Ein großes (aber leeres) Schwimmbad gab es, eine langgestreckter, frisch renovierter Bau mit vielen Wohnungen für die Bediensteten und ein richtig schönes Schloss mit vielen kunstvollen Details (zum Beispiel aufwändig geschnitzte Türen und Fenster). Gebaut wurde es von dem ‚eisernen Emir’ Abdul Rahman, vor etwa 120 Jahren.
Abdul Rahman war ein Herrscher von Englands Gnaden, einer der Versuche Englands Afghanistan unter Kontrolle zu bekommen. Er versuchte zum Teil mit Massenmord an den Hazara und den Nuristani Afghanistan zu einem einheitlichen Staat zu formen. Er hat die Nuristani (die mir immer vorkommen wie Iren, mit ihren roten Haaren und Sommersprossen) auch gewaltsam islamisiert. Und wie so oft nach einem solchen Traumata sind die Nuristani nun eher besonders eifrige Moslems. In den 20iger Jahren ist der Palast im Zuge eines Umsturzes zerstört, bald aber wieder aufgebaut worden.
In der Nähe gab es auch eine Moschee mit sämtlichen Gebeinen der Großfamilie Abdul Rahman. Die ist allerdings sehr viel öffentlicher: auf dem Gelände der Moschee unter einer schönen Allee gab es eine Art Flohmarkt mit ganz vielen Bettgestellen und Kinderwiegen aus Metall. Die Milizionäre, die alles bewachen, wie üblich mit einem Zelt, davor Holzbetten, auf denen sie herumlungern, und eine Menge Unrat oder ein auf dem Boden verstreutes Kartenspiel.
Danach sind wir raus aus der Stadt, in eine Siedlung im Umland. Ich habe leider nicht verstanden, was es war. Mit dem künstlichen, etwa zehn Meter hohen Erdhaufen in der Mitte und Resten von irgendwelchen Anlagen, Bewässerungskanälen, Becken und Mauern wirkte es auf mich, wie die Ruinen von einer aztekischen Tempelanlage.
Wir sind zu zweit auf diesen Erdhaufen, oben gab es eine kleine, gemauerte Nische und so etwas wie eine öffentliche Toilette. Von weitem riefen uns Milizionäre und kamen uns entgegen, als wir wieder abstiegen. Ich hatte etwas Muffe, aber sie waren sehr freundlich, als sie merkten, dass auch ich ein Ausländer bin. Sie hatten wohl die Tage zuvor Beschwerden bekommen, dass junge Afghanen diesen Hügel bestiegen haben und dann in die umliegenden Höfe gucken (und womöglich Frauen sehen) konnten. Insgesamt scheinen alle Erhebungen mehr oder weniger dem Militär vorbehalten zu sein, dass war schon in Hezarak so. Schade, ich gucke so gerne ins Land.
Zu Mittag haben wir in einem gehobeneren Restaurant gegessen. Davor saß einer dieser Schuhputzerjungen, der mir zuerst meine sauberen Schuhe putzen und nach meiner Absage nur noch etwas zu essen wollte. Ein Stück Kuchen von mir hatte er schnell hinuntergeschlungen und deshalb brachte ich ihm nach dem Essen all unsere Reste vor die Tür. Das war ein richtiger Berg Reis und Fleisch gewesen, aber binnen ein paar Minuten sah ich ihn den Teller wieder zurück ins Restaurant bringen. Vielleicht musste er auch etwas an andere abgeben, ich weiß es nicht.
Mit Christel machte ich einen Einkaufsbummel, aber die vielen Blicke, praktisch die Aufmerksamkeit der ganzen Straße, fand ich schon sehr anstrengend. Ich habe auch während unserer ganzen Zeit außer einer Frau im Auto keinen einzigen anderen Europäer in Jallalabad gesehen. Christel hatte es nicht so stressig empfunden, aber für mich war der Unterschied zum alleine durch die Straßen laufen schon gewaltig.
In Kabul werde ich nicht mehr beobachtet, selbst mit der Kamera bin ich meist so schnell, dass keine Straßenkinder zum Betteln kommen. In Jallalabad haben immer wieder ein paar Leute registriert, dass ich ein Fremder bin, wenn ich alleine war, aber eher beiläufig, aus den Augenwinkeln.
Nach einer Mittagspause im Gästehaus mussten wir zuerst den Kollegen Bob suchen, der sich seit ein paar Stunden kommentarlos abgesetzt hatte. Wir waren ziemlich in Sorge. Bob, als wir ihn fanden, aber war quietschvergnügt.
Wir machten noch einen kleinen Ausflug erst zum Fluss und später in die südlichen Berge hinein, was ich allerdings nicht sehr spannend fand: Mehr als die Straße und die üblichen kahlen Berge, eine Militärkontrolle und eine Raststätte war dort nicht zu sehen. Lediglich auf dem Weg dorthin konnten wir große Olivenhaine und die Ruinen einer ehemaligen Olivenölfabrik bewundern. Außerdem war der wie ausgestorben wirkende, im Umfeld weiträumig verminte Flughafen von Jallalabad interessant zu sehen. An einer Stelle sahen wir auch Dutzende voll bepackte LKWs aus Pakistan, die hier auf die Zollabfertigung warteten. Die Zolleinnahmen gehen wohl hauptsächlich an einen Warlord, der hier die Polizei, das Militär und den Geheimdienst unter Kontrolle hat. Der eigentliche Gouverneur hat kaum etwas zu sagen.
Ich bin sehr früh schlafen gegangen, weil ich wieder so starkes Kopfweh hatte. Am nächsten Morgen ging’s zurück nach Kabul. Auch den Rückweg habe ich sehr genießen können. Irgendwie sieht alles noch mal anders aus, wenn mensch es von der anderen Seite her betrachtet. Gegen elf Uhr kamen wir wohlbehalten in Kabul an.
Als wir an einer Tankstelle hielten, brauste kurz darauf eines dieser Fahrzeuge mit den dunklen Scheiben ebenfalls auf den Platz. Ein gedrungener Muskelmann mit abstehenden Armen, einem steifen Rücken, einigen Pistolen, Sonnenbrille und offensichtlich nichts im Hirn stieg aus und stampfte auf den Fahrer des anderen Entwicklungsdienst-Autos zu. Der Fahrer hatte wohl gewagt, das Auto dieser Kriegers zu überholen und der verlangte nun nach Genugtuung. Zum Glück war es helllichter Tag, mitten in Kabul und der Entwicklungsdienst-Fahrer geübt in der Deeskalation, so dass das Ganze noch ohne Schaden abging.
Als besondere Geste notierte sich der Typ noch die Autonummer und fuhr dann wieder. Er selber und ein zweites, wohl zu ihm gehörendes Auto hatte selbstverständlich kein Nummernschild. Willkommen in Kabul!
20.-22. April
Anfang April waren meine Abschlussberichte für meine drei Organisationen und meine Zeugnisse für die Lehrlinge endlich geschrieben. Ich hatte nun Urlaub und etwa drei, vier Wochen Zeit, mich um mein privates Projekt zu kümmern: Eine Imkerinnen-Ausbildung, in Zusammenarbeit mit AFA.
Im Januar hatte ich zusammen mit einem anderen deutschen Unterstützer ein weiteres Gespräch mit Nadia gehabt. Peter, der Deutsche, war einer der Spendensammler von AFA und besonders von dem Bienenprojekt angetan. Deshalb haben wir eine Schreinerinnen-Ausbildung nicht mehr weiter verfolgt.
Abgesprochen war nun, dass ich mich die inhaltliche Vorbereitung kümmern sollte und um den Imkereibedarf, wie Bienenkästen und Honigschleuder. AFA sollte sich um den organisatorischen Rahmen kümmern, wie Ort und ausbildungswillige Frauen und außerdem um Bienenvölker. Stattfinden sollte das Ganze in Jallalabad, ab Anfang April und bis dahin wollten wir jeweils unseren Teil vorbereitet haben. Gefreut hat mich, dass ich von Karl Anders die Zusage bekam, während dieser Zeit im Gästehaus des Entwicklungsdienst in Jallalabad wohnen zu dürfen.
Von einer befreundeten Imkerin bekam ich aus Deutschland einiges Material über den Bau (und die Maße) von Bienenkästen (‚Beuten’) zugeschickt. Sie hatte auch herausgefunden, dass in Afghanistan zwar auch gelegentlich mit der europäischen Honigbiene geimkert wird, eigentlich aber eine andere Art heimisch ist. Ich war etwas entmutigt, als ich feststellen musste, dass diese Bieneart deutlich anders beimkert werden muss, als ich das in Deutschland gewohnt bin. Zum einen fliegt diese Biene nicht so weite Strecken, wie die europäische. Das bedeutet, dass sie doch nicht so gut von einem Hof aus betreut werden kann, sondern immer wieder auch zu den Orten gebracht werden muss, wo es gerade Tracht gibt (es blüht). Das wiederum macht es schwer für Frauen, Bienen zu halten. Die Völker dieser Bienenart sind kleiner, so dass auch die Beuten kleiner sein müssen, als in Europa üblich. Von dieser Freundin bekam ich auch kleinere Ausrüstungsgegenstände zugeschickt. Was noch fehlte, waren die Honigschleuder und die Beuten selbst, die zu groß waren, um sie zu schicken.
Für meinen Container hatte ich ein paar Schlosserarbeiten gebraucht und einen Schlosser gefunden, der mir die entsprechenden Teile gebaut hatte. Diesen Schlosser zu finden, war schwierig gewesen. Bei einem anderen Schlosser war ich immer nur wieder vertröstet worden, selbst eine Anzahlung hatte nichts genutzt. Nach einigem Hin und Her rückte er das Geld ein paar Tage später tatsächlich wieder heraus. Mit dem zweiten Schlosser war ich sehr zufrieden und nach ein paar Aufträgen begrüßten wir uns wie alte Bekannte. Besonders die kleinen Jungs, die vor seiner Werkstatt an irgendwelchen Metallstücken herumhämmerten, riefen mir schon von weitem zu, wenn sie mich kommen sahen.
Nur wenn meine Wünsche gar zu kompliziert waren, hatten mein Dari und meine Zeichnungen nicht ausgereicht. Einen durch die Luftzufuhr zum Ofen gekühlten Ofenrohrstutzen musste ich zum Beispiel wieder umbauen, weil er nicht so geworden war, dass ich ihn benutzen konnte.
Nach diesen Erfahrungen versuchte ich für das komplizierte Bienengeschirr jemanden zu finden, der entweder Englisch oder sogar Deutsch versteht. Die Holzarbeiten hätte ich gerne in meiner Werkstatt in Hezarak bauen lassen. Nach einigem Überlegen war mir aber klar, dass sich das aus verschiedenen Gründen verbat: Wie passen diese Bienenkästen in den Ausbildungsplan, den ich mir mit Einnullah zusammen ausgedacht hatte? Wer würde den Preis festlegen und wem müsste ich das Geld geben? Vor allem aber wollte ich den Anschein vermeiden, ich würde diese Ausbildung benutzen, um etwas für mich abzuzweigen.
Über mehrere Ecken hörte ich von einem christlichen Orden, der mit einigen Brüdern schon viele Jahre in Afghanistan arbeitet und sowohl eine Schlosserei als auch eine Schreinerei betreibt. Weinig später saß ich dann in der Nähe von Taimani bei einem Ehepaar. Andreas war ursprünglich ein Mitglied dieses Ordens gewesen, hatte dann aber Beate kennen gelernt. Beate war ebenfalls schon unter den Taliban für eine andere Hilfsorganisation nach Afghanistan gekommen.
Sie wohnten in einem kleinen Haus mit Garten mitten in Kabul, der Obstbaum blühte schon. Zu meiner Verwunderung war die Tür nicht abgeschlossen, das hatte ich bisher noch nicht erlebt. Andreas sagte nur: Früher war hier kaum eine Tür abgeschlossen. Plaudernd habe ich einen schönen Nachmittag bei ihnen verbracht. Als ich allerdings von AFA erzählte, wurde Beate ärgerlich: „Weißt du nicht mehr,“ meinte sie zu Andreas: „Das sind die Frauen, die uns alle mit ihren radikalen Aktionen während der Taliban-Zeit in Gefahr gebracht haben.“
Mit Andreas fuhr ich ganz in den Süden von Kabul, wo er unter anderem eine Schreinerei leitete. Das Gelände war enorm groß, die Schreinerei wegen Umbauarbeiten aber gerade in einem Verschlag untergebracht. Zusammen mit Andreas erklärte ich zwei sehr alten Schreinern, welche Art von Beuten ich haben wollte. Auch hier waren im Moment keine Maschinen in Betrieb, sondern alle Arbeit wurde von Hand gemacht. Als ich diesen alten Handwerkskollegen gegenüberstand, wurde ich sehr ehrfürchtig. Was diese runzeligen Hände wohl schon alles gebaut haben mögen, und was diese faltigen Gesichter schon alles gesehen?
Es stellte sich heraus, das beide auch schon Bienenbeuten gebaut hatten und so vereinbarte ich mit ihnen, dass sie zwei Kästen auf afghanische Art und drei Kästen nach meinen Zeichnungen fertigen sollten. Glücklicherweise war hier der Samstag immer Arbeitstag, so dass ich an mehreren Samstagen die fertigen Arbeiten begutachten konnte. Das war auch gut so, denn an den Beuten nach meinen Zeichnungen und den von Andreas übersetzten Erklärungen waren doch einige Fehler nach zu bessern. Selbst Andreas war manchmal erstaunt, wie wenig die beiden doch erfahrenen Schreiner verstanden hatten.
Einen dieser Samstage verbrachte ich damit, selbst den kompliziertesten Teil, das Bodenteil mit dem Einflugloch, zu bauen, damit sie für die beiden anderen Kästen eine Vorlage hatten. Wieder war ich überrascht, wie schnell das Arbeiten ohne Strom geht. Ganz stolz war ich, mitten unter diesen Kollegen zu arbeiten und mit ihnen zusammen Pause zu machen.
Wenn ich handwerklich arbeite, können sie sehen, dass ich nicht nur Aufträge oder Befehle erteilen kann. Ich bin mit ihnen auf einer Stufe, ein Schreinerkollege halt und das schafft eine andere Verbindung, eine andere Art der Verständigung. Ich genieße das sehr. Ich weiß, dass die Entwicklungshilfe mehr und mehr in die Richtung geht, möglichst weit oben an zu setzen. Nicht ausbilden, schon gar nicht selbst schreinern, sondern möglichst die Lehrer ausbilden, oder noch besser: die Lehrpläne für die Lehrerausbildung erarbeiten.
„Gibst Du einem Armen einen Fisch, so hat er einen Tag etwas zu essen. Lehre ihn fischen, so hat er ein Leben lang zu essen.“ Massiv gefördert wird dadurch aber das Herrenmenschen-Bild: Die Weißnasen wissen alles besser.
Schwieriger war es, die Honigschleuder bauen zu lassen. Thomas, der Ordensbruder, der für die Schlosserei verantwortlich war, war für einige Zeit in Deutschland und sollte erst gegen Ende April wieder zurück kommen. Andreas hat mir deshalb die private Schlosserei eines Mitarbeiters gezeigt.
Der war ein sehr fähiger Schlosser, aber die Arbeiten an der Schleuder zogen sich sehr in die Länge. Zum Glück war seine Schlosserei ganz in der Nähe des Entwicklungsdienst-Gästehauses, so dass ich oft hinfahren konnte. Das musste ich auch.
Termingerecht fertig geworden ist sie nicht. Das war auch nicht mehr nötig, denn Nadia hatte offensichtlich das Interesse an dem Bienenprojekt verloren. Ich habe mehrere Tage lang halbstündlich unter zwei Telefonnummern versucht, sie an zu rufen, aber außer zwei sehr kurzen Rückrufen („ich rufe Dich in einer halben Stunde noch einmal an“), hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihr.
Obwohl sie wusste, wo ich wohne und dass ich auf sie warte, auch das ganze Material schon hatte, schrieb sie später an Peter, es sei nicht möglich gewesen, mich zu finden. Sie sei davon ausgegangen, dass ich mit AFA nichts mehr zu tun haben wollte. Mir blieb nichts anderes übrig, als die ganzen Sachen zu einer anderen Hilfsorganisation zu bringen, von der ich gehört hatte, dass sie auch ein Bienenprojekt plante. Auch einen Imker konnte ich ihnen noch vermitteln.
Zu meiner großen Erleichterung bezahlte mir Ole van den Berg von ZIM das Bienenmaterial. Ich glaube, es war eine Anerkennung für meine Arbeit in Hezarak. Ich habe keine Ahnung, aus welchem Topf er das Geld bezahlen konnte, war ihm aber ausgesprochen dankbar.
Arnold erzählte mir, dass er unter anderem ein Tischlereiprojekt für Frauen betreut. War das also doch möglich! Eigentlich alle, die ich noch Deutschland als Afghanistan-Experten gefragt hatte, rieten mir, mir solche westlichen Spinnereien aus dem Kopf zu schlagen: „Frauen können in Afghanistan nicht als Schreiner arbeiten!“
Ich habe Arnold sofort nach seinen Erfahrungen mit den Frauen gefragt, denn darauf war ich selbst die ganze Zeit sehr neugierig gewesen. Er meinte: „Du musst mit afghanischen Frauen ganz normal umgehen, ob mit Tschadori oder ohne. Dann kannst du schnell einen ganz normalen Kontakt herstellen. Inzwischen kommen die Frauen aus diesem Projekt mit alltäglichen Problemen zu mir, um sie zu besprechen. Mich hat das selbst gewundert, wie schnell sich da eine recht offene Situation entsteht.“
Im Grunde gingen auch meine wenigen Erfahrungen in diese Richtung. Anfangs war ich doch sehr gehemmt, besonders den total verschleierten Frauen gegenüber. Inzwischen grüßen mich die Teenagerinnen hier aus der Straße schon von weitem, wenn auch meist kichernd. So wie gleich am ersten Tag, als ich ohne mir dabei etwas zu denken, die Frauen im Nachbarhof grüßte und diese zurück winkten.
Nach wie vor finde ich den Tschadori, die Burka, aber sehr bedrückend. Und es ist nicht nur die natürlich gravierende Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Frauen. Sondern die damit einhergehende Kultur suggeriert zusätzlich, dass ich als Mann in irgendeiner Form eine sexuelle Bestie bin. Das verleidet mir die ganze Freude am Mannsein. Nach wie vor fällt es mir schwer, mit einer Frau unter einer Burka ‚ganz normal’ zu reden.
Ein Nebeneffekt von meinem missratenen Versuch, für Frauen in Afghanistan etwas zu tun, ist, dass ich nun noch etwas Zeit in Afghanistan habe, bevor ich wieder nach Deutschland fliege.
So kann ich eine Reise nach Jallalabad unternehmen und mich noch etwas in Kabul umsehen. Mit einem Bekannten wollte ich weit ins Landesinnere, in das Hazarajat fahren, aber das vereitelte meine Angst, mir könne in den letzten Tagen in Afghanistan noch etwas zu stoßen: Ich bekam eine fürchterliche Darminfektion, die meinen Aktionsradius für mehrere Tag auf ein paar wenige Meter beschränkte.
19. April